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Pricing & Stundensatz bezeichnet die systematische Kalkulation des eigenen Stunden- oder Projektpreises auf Basis von Kosten, Marktpreisen und dem Wert, den die Leistung für den Auftraggeber schafft.

Rubrik: Soft Skills & Berufspraxis · Unterrubrik: Kreativprozess & Berufspraxis · Niveau: Einsteiger


Was ist Pricing für Kreative?

Preisgestaltung ist eines der schwierigsten und emotionalsten Themen für Kreativschaffende. Zu niedrig angesetzt gefährdet die wirtschaftliche Existenz; zu hoch eingestiegen verliert man Aufträge. Der häufigste Fehler: Preise werden nach Gefühl gesetzt, ohne Grundlage in konkreten Zahlen.

Gutes Pricing ist keine Frage des Selbstwertgefühls, sondern eine handwerkliche Fähigkeit – erlernbar und verbesserbar.


Erklärung

Schritt 1: Kostenkalkulation (Mindest-Stundensatz)

Der Mindest-Stundensatz ist die Untergrenze: Darunter verliert man Geld. Er ergibt sich aus den Selbstkosten dividiert durch die verkaufbaren Stunden pro Jahr.

Selbstkosten (Jahresbasis):

  • Lebenshaltungskosten (Miete, Lebensmittel, Versicherungen, private Altersvorsorge)
  • Betriebskosten (Software, Hardware, Büro, Steuerberater, Versicherungen)
  • Krankenversicherung (als Selbstständiger selbst zu tragen!)
  • Puffer für Steuern (ca. 25–30 % des Einkommens)
  • Rücklagen für Ausfallzeiten, Investitionen

Verkaufbare Stunden: Ein Arbeitsjahr hat ca. 220 Werktage. Davon abziehen: Urlaub (30 Tage), Krankheit (10 Tage), Fortbildung (5 Tage), Buchhaltung/Akquise/Administration (ca. 40 % der Restzeit). Ergebnis: ca. 80–100 wirklich fakturierbare Stunden pro Monat.

Formel: Jahreskosten ÷ fakturierbare Jahresstunden = Mindest-Stundensatz

Beispiel: 60.000 € Jahresbedarf ÷ 960 Stunden (80 h/Monat × 12) = 62,50 €/Stunde als absolute Untergrenze.

Schritt 2: Marktvergleich

Was berechnen andere Kreative mit ähnlichem Erfahrungsstand und ähnlichem Leistungsspektrum? Quellen:

  • BVDW-Gehaltsreport
  • AGD-Honorarempfehlungen (Allianz deutscher Designer)
  • Freelancer-Plattformen und Branchennetzwerke
  • Direktes Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen

Der eigene Stundensatz sollte nicht deutlich unter dem Marktdurchschnitt liegen – das sendet das Signal mangelnder Professionalität und macht Preiserhöhungen später schwierig.

Schritt 3: Wertbasiertes Pricing (Value-Based Pricing)

Die überzeugendste und profitabelste Preismethode: Den Preis nicht nach Kosten oder Markt, sondern nach dem Wert setzen, den die Leistung für den Auftraggeber schafft.

Beispiel: Eine Designerin entwickelt ein neues Verpackungsdesign für ein Konsumgüterunternehmen. Der Aufwand: 20 Stunden à 80 € = 1.600 €. Der Wert für den Kunden: Das neue Design soll in 50.000 Verkaufspunkten präsent sein und den Umsatz um 5 % steigern – das wären mehrere Millionen Euro. 1.600 € ist in diesem Kontext ein lächerlich niedriger Preis.

Value-Based Pricing erfordert:

  1. Verständnis des Kundennutzens (Recherche, Nachfragen)
  2. Mut, den Wert aktiv zu kommunizieren
  3. Loslösung vom Stundengedanken (Projektpreis statt Stundenpreis)

Newport (2016) beschreibt, wie seltene und wertvolle Fähigkeiten die Verhandlungsposition grundlegend verändern. Wer einzigartige Kompetenz anbietet, muss keine Stundenpreise rechtfertigen.

Preisverhandlung und Preiserhöhungen

  • Niemals den Preis sofort ohne Gegenfrage senken. Erst fragen: „Was ist Ihr Budget?" Dann: Leistungsumfang reduzieren statt Preis senken.
  • Preiserhöhungen ankündigen: Bestehende Kunden mit mindestens drei Monaten Vorlauf informieren, kurze Begründung geben (Marktentwicklung, gestiegene Kosten, erweiterte Leistung).
  • Schriftlich bestätigen: Preise und Konditionen immer schriftlich festhalten.

Beispiele (5 konkrete Situationen aus Kreativberufen)

  1. Einsteiger-Grafikdesigner: Er kalkuliert seinen Stundensatz aus echten Zahlen erstmals nach obiger Formel – und stellt fest, dass er bisher mit 35 €/Stunde unter den Selbstkosten gearbeitet hat. Er erhöht auf 65 €/Stunde und verliert einen von fünf Kunden – aber sein Jahreseinkommen steigt.
  2. UX-Designerin mit Spezialisierung: Sie entwickelt UX für medizinische Software. Da kaum jemand gleichzeitig UX-Expertise und Medizin-Know-how hat, berechnet sie 120 €/Stunde. Der Marktdurchschnitt liegt bei 80 €. Ihre Auftragslage ist gut, weil echte Spezialistinnen knapp sind.
  3. Illustratorin für Kinderbücher: Sie stellt auf Projektpreise um. Ein Bilderbuch mit 30 Illustrationen kostet nicht „30 × x Stunden", sondern sie verhandelt einen Gesamtpreis inklusive Nutzungsrecht. Das Ergebnis ist ein höheres Gesamthonorar bei weniger Abrechnungsaufwand.
  4. Videograf für Unternehmensfilme: Für ein mittelständisches Unternehmen produziert er einen 3-minütigen Unternehmensfilm. Das Unternehmen setzt ihn auf der Startseite ein. Er formuliert den Wert: „Wie viele potenzielle Kunden besuchen Ihre Website monatlich? Was ist ein neuer B2B-Kunde wert?" Der Preis steigt von 3.000 € auf 6.500 € – und der Kunde unterschreibt.
  5. Freelance-Werbetexter: Er führt eine Liste aller Projekte der letzten 12 Monate mit geplantem und tatsächlichem Aufwand. Er stellt fest: Er unterschätzt seine Projekte im Schnitt um 35 %. Fortan erhöht er alle Angebote pauschal um diesen Faktor.

In der Praxis

Preise zu kennen ist eine Sache – sie selbstbewusst zu kommunizieren eine andere. Viele Kreative neigen dazu, sich zu entschuldigen oder zu rechtfertigen. Der professionelle Umgang: Preis nennen, Pause machen, nicht sofort erklären oder senken.

Tharp (2003) beschreibt den professionellen Kreativen als jemanden, der seine Arbeit ernstnimmt – und das beginnt damit, fairen Wert für sie zu verlangen. Wer sich unter Wert verkauft, sendet das Signal: „Meine Arbeit ist nicht viel wert."


Vergleich & Abgrenzung

PreismodellPrinzipEignet sich für
StundenpreisZeit × SatzKleine, schlecht definierbare Projekte
TagessatzTagesbasisBeratung, Workshops
ProjektpreisFestbetragKlar definierte Projekte
Value PricingKundennutzenHochwertige Spezialprojekte
RetainerMonatspauschaleLangfristige Kundenbindung

Häufige Fragen (FAQ)

Darf ich den Preis mitten im Gespräch nennen, ohne schriftliches Angebot? Ja, für eine erste Orientierung ist das üblich und hilfreich. Aber: Jede Preisaussage ohne Leistungsbeschreibung ist unverbindlich. Das schriftliche Angebot mit genauer Leistungsbeschreibung folgt immer nach dem Erstgespräch.

Was tun, wenn der Kunde sagt: „Das ist zu teuer"? Nicht sofort senken. Stattdessen fragen: „Was ist Ihr Budget?" und dann: „Für dieses Budget kann ich folgenden Leistungsumfang anbieten." Leistung reduzieren statt Preis senken – das schützt die eigene Preisstruktur und den eigenen Wert.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Newport, Cal: Deep Work. Redline Verlag, 2016.
  • Tharp, Twyla: The Creative Habit. Simon & Schuster, 2003.
  • AGD (Hrsg.): AGD-Honorarempfehlungen für Grafikdesign. Aktuelle Ausgabe.
  • Enns, Blair: Win Without Pitching Manifesto. RockBench Publishing, 2010.
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