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Kamera- und Objektivprofile in Capture One sind technische Korrekturdaten, die sensorspezifische Farbcharakteristika sowie optische Fehler wie Vignettierung, Verzeichnung und chromatische Aberration automatisch kompensieren.

Rubrik: Software & Tools · Unterrubrik: Capture One · Niveau: Fortgeschritten


Was sind Kamera- und Objektivprofile?

Capture One liefert mit jeder Softwareversion eine umfangreiche Bibliothek an Kamera- und Objektivprofilen aus, die von Phase One in eigenen Labors und in Zusammenarbeit mit Kameraherstellern erstellt wurden. Diese Profile sind der Ausgangspunkt für die technische Korrektheit jedes in Capture One geöffneten RAW-Bildes.

Kameraprofile bestimmen die Farbwiedergabe (→ ICC-basiert), Objektivprofile korrigieren optische Fehler. Beide Profiltypen können durch eigene Messungen ergänzt oder ersetzt werden.


Erklärung

Kameraprofile (ICC-basiert)

Für jedes unterstützte Kameramodell liefert Capture One eine Reihe kalibrierter Farbprofile:

  • Generic / Auto: Standardprofil für universellen Einsatz
  • Filmemulations: Basierend auf klassischen Filmmaterialien (für entsprechende Look-Basislagen)
  • Kamerahersteller-spezifisch: z. B. Fujifilm Film Simulations werden als ICC-Profile in Capture One nachgebildet

Die Profile sind unter dem Reiter Farbe → ICC-Profil im Werkzeugpanel zugänglich. Ein falsches oder generisches Profil führt zu Farbabweichungen, die manuell kaum vollständig kompensierbar sind.

Objektivprofile

Capture One enthält Objektivprofile für Tausende von Objektiven aller namhafter Hersteller. Ein Objektivprofil korrigiert:

  • Vignettierung: Abdunklung an den Bildecken, typisch bei offener Blende
  • Chromatische Aberration (CA): Farbsäume an Kontrastkanten (laterale und longitudinale CA)
  • Verzeichnung (Distortion): Tonnen- oder kissenförmige Verformung des Bildes

Die Objektivkorrektur ist im Panel Objektiv zu finden. Das korrekte Profil wird automatisch aus den EXIF-Daten geladen, wenn Kamera und Objektiv elektronisch kommunizieren (was bei Canon-EF, Nikon-F/Z, Sony-E und anderen Bajonetten mit EXIF-Objektivdaten der Fall ist).

Manuelles Festlegen: Bei Objektiven ohne EXIF-Daten (Vintage-Optiken, bestimmte Cinema-Objektive, Adapter-Kombinationen) kann das Profil manuell aus der Bibliothek ausgewählt werden.

LCC-Profile (Lens Cast Calibration)

Das LCC-Profil ist ein Alleinstellungsmerkmal von Capture One, das besonders für Großformat- und Fachkamera-Fotografie entwickelt wurde. Ein LCC-Profil wird anhand einer Aufnahme einer gleichmäßig beleuchteten neutralen Graufläche (z. B. einen grauen Karton) mit demselben Aufbau und Objektiv erstellt. Es korrigiert:

  • Ungleichmäßige Ausleuchtung (besonders bei Tilt-Shift-Optiken und Schneider-/Rodenstock-Großformatobjektiven)
  • Farbstiche durch Sensor-Objektivwinkel-Interaktion (bei asymmetrischen Weitwinkelobjektiven)

LCC-Profile werden pro Aufbau (Brennweite, Blende, Bildkreis) erstellt und können auf alle Bilder dieser Konfiguration angewendet werden.

Eigene Kameraprofile erstellen (Colorchecker-Kalibrierung)

Für höchste Farbgenauigkeit können eigene Kameraprofile mit einem Farbkarten-Target (z. B. X-Rite ColorChecker Classic oder Passport) erstellt werden:

Vorgehen:

  1. Farbkarte unter den herrschenden Lichtbedingungen fotografieren (gleiches Licht wie das Hauptmotiv)
  2. RAW in Capture One öffnen
  3. Über das Color-Panel → ICC-Profil → Erstellen → Colorchecker wird das Tool gestartet
  4. Farbfelder automatisch erkennen lassen
  5. Profil berechnen und speichern
  6. Profil auf die gesamte Session anwenden

Dieser Workflow liefert die akkurateste mögliche Farbwiedergabe, insbesondere für Gemäldereproduktionen, Produktfotografie und Archiv-Digitalisierung.


Beispiele

  • Produktfotografie: Vor jedem Shooting wird ein Colorchecker-Bild aufgenommen. Das daraus erstellte Profil wird auf alle Bilder der Session angewendet. Die Farbwerte der Produkte stimmen so mit den physischen Mustern überein.
  • Mittelformat: Phase One IQ-Rücken liefern bei Kalibrierung mit LCC-Profil eine perfekte Ausleuchtungskorrektur für den Schneider-Kreuznach-Objektivpark.
  • Vintage-Objektive: Ein 1960er Zeiss-Objektiv ohne EXIF hat kein automatisches Profil – das nächste äquivalente Profil wird manuell ausgewählt oder die Objektivfehler manuell kompensiert.

In der Praxis

Objektivkorrekturen einschalten: Im Panel „Objektiv" stehen folgende Schalter zur Verfügung:

  • Chromatische Aberration (an/aus, Stärke einstellbar)
  • Verzeichnung (an/aus)
  • Vignettierung (an/aus, Stärke einstellbar)
  • Schärfe-Falloff (an/aus)

Empfehlung: Alle Korrekturen standardmäßig aktivieren und bei kreativen Looks (z. B. gewünschte Vignettierung) individuell anpassen.


Vergleich & Abgrenzung

ProfiltypCapture OneLightroomDxO PhotoLab
KamerakalibrierungWerksprofile + ColorcheckerWerksprofile + DNG-ProfilOptik-Module (sehr umfangreich)
ObjektivkorrekturUmfangreichUmfangreich (Adobe Lens Profiles)Sehr umfangreich (proprietär)
LCC-ProfileJa (Alleinstellung)NeinNein
Eigene Profile erstellenJa, direkt in COBegrenzt (Adobe DNG Profile Editor)Begrenzt

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen einem Kameraprofile und einem Style? Ein Kameraprofil ist eine technische Kalibrierung der Farbwiedergabe des Sensors. Ein Style ist ein kreativer Look. Das Kameraprofil ist die unsichtbare Basis, der Style liegt obendrauf.

Kann ich Adobe-Kameraprofile (.dcp) in Capture One nutzen? Nein. Das proprietäre Format von Adobe ist nicht direkt mit Capture One kompatibel. Es gibt keine offizielle Import-Funktion.

Wie oft sollte ich eigene Farbprofile erstellen? Bei Produktionen mit kritischen Farbanforderungen ideally zu Beginn jedes Shootings unter den herrschenden Lichtbedingungen. Bei gleichbleibendem Studio-Licht genügt ein Profil pro Lichtquelle.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Phase One (2024): Capture One 24 – Official User Guide. Phase One A/S, Kopenhagen.
  • X-Rite (2022): ColorChecker Passport Photo 2 – User Manual. Grand Rapids, MI.
  • Wueller, D. (2020): „Camera Color Accuracy Measurement". Image Engineering, Frechen.
  • Giorgianni, E. J.; Madden, T. E. (1998): Digital Color Management. Addison-Wesley, Reading, MA.
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