Das Color-Grading-Panel in Lightroom Classic (seit Version 10 / Lightroom 2021) ersetzt das frühere Split-Toning-Panel und ermöglicht das gezielte Hinzufügen von Farbtönen in Schatten, Mitten und Lichtern — separat und kombiniert — für kreative Looks und cinematische Farbstimmungen.
Rubrik: Software & Tools Deep-Dive · Unterrubrik: Adobe Lightroom Classic · Niveau: Einsteiger
Was ist Color Grading?
Color Grading bezeichnet in der Film- und Fotografiepost-Produktion den Prozess, einem Bild oder einer Filmsequenz eine bestimmte Farbstimmung zu geben. Während das HSL-Panel bestehende Farben im Bild verändert, fügt das Color-Grading-Panel Farbtöne gezielt in definierte Helligkeitsbereiche ein — unabhängig davon, welche Farben ursprünglich vorhanden sind.
Das klassischste Beispiel ist der Teal-and-Orange-Look aus Hollywood-Blockbustern: kühle, bläulich-grüne (Teal) Schatten kombiniert mit warmen, orangebraunen Lichtern. Dieser Look entsteht durch Color Grading, nicht durch HSL-Anpassungen.
Vor Lightroom 10 (2020) war diese Funktion als Split Toning bekannt und beschränkte sich auf Lichter und Schatten ohne separate Mitten-Kontrolle. Das neue Color Grading Panel fügte den dritten Farbrad für Mitten hinzu und erweiterte die Kontrolle erheblich.
Erklärung
Die drei Farbräder
Das Color-Grading-Panel zeigt standardmäßig drei kreisförmige Farbräder:
- Schatten (Shadows): Steuert die Farbtönung in den dunklen Bildbereichen.
- Mitten (Midtones): Steuert die Farbtönung in den mittleren Helligkeitsbereichen.
- Lichter (Highlights): Steuert die Farbtönung in den hellen Bildbereichen.
Ein viertes Rad, der Globale Regler (Global), beeinflusst alle Tonwertbereiche gleichzeitig. Er wird durch Klick auf das kleine Rad-Icon rechts neben den drei Haupträdern oder durch Auswahl im Dropdown angezeigt.
Bedienung der Farbräder:
- Punkt im Farbrad verschieben: Klicken und ziehen, um Farbton und Sättigung gleichzeitig einzustellen. Je weiter vom Mittelpunkt, desto stärker die Farbtönung.
- Luminance-Regler: Unter jedem Farbrad befindet sich ein Regler, der die Helligkeit des jeweiligen Tonwertbereichs anpasst (ähnlich den HSL-Luminance-Reglern, aber auf Tonwertbereiche begrenzt).
Blending und Balance
Unter den drei Farbrädern befinden sich zwei weitere Regler:
- Blending: Bestimmt, wie weit die drei Tonwertbereiche ineinander übergehen. Ein niedriger Wert (0–30) erzeugt scharfe Grenzen zwischen Schatten, Mitten und Lichtern. Ein hoher Wert (70–100) sorgt für fließende Übergänge. Standard: 50.
- Balance: Verschiebt das Gleichgewicht zwischen Schatten und Lichtern. Ein negativer Wert (−50) weitet den Schatten-Einflussbereich aus; ein positiver Wert (+50) weitet den Lichter-Einflussbereich aus.
Unterschied zu Split Toning
Das alte Split-Toning-Panel arbeitete mit einfachen Farbton/Sättigungs-Reglern für Lichter und Schatten. Das neue Color-Grading-Panel bietet:
- Drei Tonwertbereiche statt zwei (Schatten, Mitten, Lichter + Global)
- Visuelle Farbrad-Oberfläche statt abstrakte Regler
- Blending und Balance für präzisere Übergangskontrolle
- Luminance-Regler pro Bereich
Schritt-für-Schritt
Teal-and-Orange-Look erstellen
- Entwickeln-Modul öffnen (D).
- Color-Grading-Panel im rechten Panel öffnen (nach unten scrollen).
- Schatten-Farbrad: Den Punkt in Richtung Teal/Cyan verschieben (ungefähr bei 185 Grad im Farbrad, Sättigung ca. 30–40).
- Lichter-Farbrad: Den Punkt in Richtung Orange/Bernstein verschieben (ca. 30–40 Grad, Sättigung ca. 25–35).
- Mitten-Farbrad: Leicht in Richtung Orange (+10 Sättigung) für Hauttöne.
- Blending auf 60 setzen für weiche Übergänge.
- Balance auf +20 (etwas mehr Lichter-Einfluss für warme Gesichter).
- Luminance: Schatten-Luminance −5 für etwas mehr Tiefe.
- Ergebnis prüfen und feinjustieren.
Moody-Winter-Look (kühle Blautöne)
- Schatten-Farbrad: Richtung kühles Blau (ca. 220 Grad, Sättigung 25).
- Mitten-Farbrad: Leicht Richtung Blau-Grau (ca. 210 Grad, Sättigung 10).
- Lichter-Farbrad: Richtung kühles Weiß-Blau (ca. 200 Grad, Sättigung 8).
- Luminance Schatten: −10 für dunkle, moody Atmosphäre.
- Blending: 40 für klarere Trennung der Bereiche.
- HSL-Panel: Blau-Sättigung +20 für tieferen Himmel.
Beispiele (5 Anwendungen)
- Cine-Look Blockbuster (Teal & Orange): Schatten: Teal (185°, S=35), Lichter: Orange (35°, S=30). Ergebnis: Kinematografisches Bild wie aus einem Hollywood-Streifen.
- Warmer Vintage-Look: Schatten: Amber (45°, S=20), Lichter: Gelb (55°, S=15), Luminance Schatten −8. Ergebnis: Warme Filmsimulation, analog zu Kodak Portra.
- Kalter Krimi-Look: Alle drei Räder leicht Richtung Cyan/Blau (210°, S=15–20), Schatten-Luminance −15. Ergebnis: Der desaturierte, kühle Look von Kriminalfilmen.
- Sonnenuntergang intensivieren: Lichter: Orange (30°, S=40), Schatten: Violett (280°, S=20). Ergebnis: Dramatisch-romantischer Goldene-Stunde-Look.
- Schwarzweiß mit Toning: Bild zunächst in SW konvertieren (Entwickeln-Modul: Farbe aufheben), dann Color-Grading anwenden: Schatten leicht Cyan, Lichter leicht Sepia (45°, S=20). Ergebnis: Klassischer Duotone-Druck-Look.
In der Praxis (Shortcuts, Tipps, Workflow)
| Shortcut / Aktion | Funktion |
|---|---|
| Klick+Ziehen im Farbrad | Farbton und Sättigung gleichzeitig einstellen |
| Doppelklick auf Farbrad-Mittelpunkt | Farbtönung für diesen Bereich zurücksetzen |
| Scroll-Rad über Farbrad | Sättigung erhöhen/verringern ohne Farbton zu ändern |
| Shift+Klick+Ziehen | Nur Sättigung ändern, Farbton fixieren |
| 3-Rad-Ansicht / Einzelrad-Ansicht | Umschalten per Icon oben im Panel |
Tipp — Subtilität ist der Schlüssel: Professionelles Color Grading arbeitet meist mit sehr zurückhaltenden Werten (Sättigung 10–30 im Farbrad). Starke Töne (Sättigung 60+) wirken schnell unnatürlich und unprofessionell — außer als bewusster Stilbruch.
Tipp — Luminance-Regler: Die Luminance-Regler unter den Farbrädern sind oft übersehen, aber enorm nützlich. Sie ermöglichen z.B. das Aufhellen der Mitten (+10) für ein luftiges, helles Bild oder das Abdunkeln der Schatten (−15) für Drama — ohne den globalen Belichtungsregler zu berühren.
Vergleich (Capture One / Lightroom CC)
| Merkmal | Lightroom Classic | Capture One Pro | Lightroom CC |
|---|---|---|---|
| Farbräder Schatten/Mitten/Lichter | Ja | Ja | Ja |
| Globales Rad | Ja | Ja | Ja |
| Blending-Regler | Ja | Ähnlich (Exposure Zones) | Ja |
| Balance-Regler | Ja | Nein (direkt) | Ja |
| Luminance pro Bereich | Ja | Via Exposure-Tools | Ja |
| Presets für Color Grading | Über globale Presets | Styles | Über globale Presets |
Capture One Pro arbeitet mit einem ähnlichen Farbradsystem, das jedoch stärker in den Farbraum-Workflow integriert ist. Ein Vorteil von Capture One: Farbräder können auch in Verbindung mit Layer-Masken angewendet werden, was noch präzisere lokale Color-Grading-Effekte ermöglicht.
Häufige Fragen (FAQ)
F: Was ist der Unterschied zwischen Color Grading und HSL? A: Das HSL-Panel verändert Farben, die im Bild vorhanden sind (z.B. ein vorhandenes Blau satter machen oder zu Cyan verschieben). Das Color-Grading-Panel hingegen addiert Farbtöne in bestimmte Helligkeitsbereiche — es "tönt" Schatten oder Lichter, unabhängig davon, ob dort eine bestimmte Farbe vorhanden ist. Beide Werkzeuge können kombiniert werden.
F: Kann ich Color-Grading-Einstellungen als Teil eines Presets speichern? A: Ja. Beim Erstellen eines Presets (Strg/Cmd+Umschalt+N) lassen sich die Color-Grading-Werte explizit einschließen. Viele kommerzielle Preset-Pakete basieren zu großen Teilen auf Color-Grading-Einstellungen, da sie den „Look" eines Bildes schnell und dramatisch verändern können.
Verwandte Einträge
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Weiterführend
- Scott Kelby: The Adobe Photoshop Lightroom Classic Book for Digital Photographers, Rocky Nook Verlag
- Adobe Help Center: Color Grading in Lightroom Classic
- Adobe YouTube: „Color Grading in Lightroom Classic" (offizieller Adobe-Kanal)
