Der MIDI Editor in Pro Tools ist ein dediziertes Fenster zur noten- und ereignisbasierten Bearbeitung von MIDI-Daten, einschließlich Piano Roll, Velocity-Editor und Controller-Ansicht.
Rubrik: Audio & Podcast · Unterrubrik: Pro Tools · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Piano Roll, MIDI Event Editor, Note Editor, MIDI-Bearbeitungsfenster
Was ist der MIDI Editor?
Der MIDI Editor ist ein separates Fenster in Pro Tools, das durch Doppelklick auf einen MIDI-Clip oder über Window > MIDI Editor geöffnet wird. Er zeigt MIDI-Noten als farbige Rechtecke in einem Piano Roll (horizontale Zeitachse, vertikale Tonhöhenachse) und ermöglicht die präzise Bearbeitung jedes einzelnen MIDI-Ereignisses.
Erklärung
Piano Roll-Ansicht: Im Piano Roll sind MIDI-Noten als Rechtecke dargestellt. Die horizontale Position bestimmt den Zeitpunkt; die vertikale Position die Tonhöhe (entsprechend einer Klaviertastatur auf der linken Seite). Die Länge des Rechtecks entspricht der Note-Dauer. Farbe und Helligkeit können die Velocity widerspiegeln.
Werkzeuge im MIDI Editor:
- Pencil Tool: Zeichnet neue Noten; durch Klicken und Ziehen wird die Länge bestimmt.
- Grabber Tool: Verschiebt Noten in Tonhöhe und Zeit.
- Selector Tool: Wählt einen Zeitbereich oder einzelne Noten aus.
- Trimmer Tool: Verlängert oder verkürzt bestehende Noten am Anfang oder Ende.
- Eraser Tool: Löscht einzelne Noten durch Klick.
- Smart Tool: Kontextabhängige Kombination der häufigsten Werkzeuge.
Velocity-Editor: Unterhalb des Piano Roll zeigt ein separates Feld die Velocity (Anschlagsstärke) jeder Note als vertikalen Balken. Velocity-Werte können per Grabber Tool individuell oder per Trimmer Tool linear angepasst werden. Das Pencil Tool mit Zeichenmodus ermöglicht das Zeichnen von Velocity-Kurven über mehrere Noten.
Controller-Ansicht: Im MIDI Editor kann die untere Anzeigebereich auf verschiedene MIDI-Controller umgestellt werden: Modulation (CC1), Volume (CC7), Pan (CC10), Expression (CC11), Pitchbend, Aftertouch und beliebige andere CC-Nummern. Controller-Verläufe werden als durchgehende oder gestufte Linien dargestellt.
Quantisierung: MIDI-Noten können über Edit > Quantize (Q-Shortcut) auf ein Raster quantisiert werden. Pro Tools bietet verschiedene Quantisierungs-Optionen:
- Rasterauflösung (1/4, 1/8, 1/16, 1/32 Note)
- Triplett und gepunktete Werte
- Quantisierungs-Stärke (0–100 %)
- Swing-Quantisierung
- „Conform to Grid" für Quantisierung auf den nächsten Rasterstrahl
Transponieren: Ausgewählte Noten können über Event > Event Operations > Transpose in Halbtönen nach oben oder unten transponiert werden. Auch Oktav-Transposition ist möglich.
Step Input: Im Step-Input-Modus können Noten über eine MIDI-Tastatur schrittweise eingegeben werden, ohne die normale Aufnahme-Latenz. Der Cursor rückt nach jeder Note automatisch weiter.
MIDI Event List: Über Window > MIDI Event List ist eine tabellarische Ansicht aller MIDI-Ereignisse verfügbar. Hier können exakte Zeitpositionen, Notennummern, Velocity-Werte und Längen direkt numerisch eingegeben werden – ideal für präzise Quantisierung ohne rasterbasierte Bearbeitungsunschärfe.
Score Editor: Pro Tools bietet auch einen einfachen Score Editor (Notenblatt-Ansicht), der MIDI-Daten als klassische Notation darstellt. Er ist weniger leistungsfähig als dedizierte Notationssoftware (Sibelius, Finale), aber für einfache Arrangements nutzbar.
MIDI Real-Time Properties: Für jeden MIDI- und Instrument-Track können nicht-destruktive Echtzeit-Eigenschaften gesetzt werden: Quantisierung, Transposition, Duration, Delay und Velocity-Offset. Diese wirken sich nur auf die Wiedergabe aus, ohne die gespeicherten MIDI-Daten zu verändern.
Beispiele
- Bass-Line eingeben: Mit dem Pencil Tool wird eine 16-taktige Bass-Linie durch Klicken im Piano Roll eingegeben; Velocity-Werte werden manuell variiert, um einen organischen Feel zu erzeugen.
- Quantisierung von Live-Keyboard: Ein live eingespielter Klaviertake wird mit 80 % Stärke auf 1/8-Noten quantisiert, um Timing-Ungenauigkeiten zu reduzieren, aber menschliche Variation zu erhalten.
- Controller-Kurve: Eine Expression-Kurve (CC11) wird für Streicher im Controller-Editor per Pencil Tool gezeichnet, um dynamische Crescendo-/Decrescendo-Verläufe zu erzeugen.
- Chord Transpose: Alle Noten eines Akkord-Tracks werden ausgewählt und über Event Operations > Transpose um 5 Halbtöne nach oben transponiert, um von C-Dur nach F-Dur zu wechseln.
- Step Input Drums: Ein einfaches Drum-Pattern wird im Step-Input-Modus Schlag für Schlag eingegeben, mit präzise gesetzten Velocity-Werten für jeden Drumschlag.
In der Praxis
- Separate MIDI Editor Fenster: Der MIDI Editor kann als separates, undockbares Fenster auf einem zweiten Monitor platziert werden. Dies ermöglicht gleichzeitige Arbeit im Edit Window und MIDI Editor.
- Linked Tracks: Im MIDI Editor können mehrere Tracks gleichzeitig angezeigt werden. Über den Track-Selector links unten im MIDI Editor aktiviert man zusätzliche Tracks für die simultane Ansicht.
- MIDI Merge vs. Replace: Beim Aufnehmen über einen bestehenden MIDI-Clip kann Pro Tools neue Daten entweder hinzufügen (Merge) oder den bestehenden Clip ersetzen (Replace). Einstellbar über Command+Click auf den Record-Button.
- Velocity Humanize: Für gleichmäßig quantisierte Patterns kann über Event Operations > Flatten Performance eine zufällige Velocity-Variation von ±5–10 % eingefügt werden, um einen menschlicheren Klang zu erzeugen.
Vergleich & Abgrenzung
Logic Pro X bietet einen sehr leistungsfähigen Piano Roll mit integrierter Score-Ansicht und MIDI-Transformatoren (MIDI FX). Cubase und Nuendo gelten als stärker im MIDI-Bereich und bieten erweiterte MIDI-Transformationswerkzeuge. Ableon Lives MIDI-Editor ist einfacher gestaltet, aber für elektronische Musik und Clip-basiertes Arbeiten optimiert. Pro Tools' MIDI-Werkzeuge sind solide, aber nicht so ausgereift wie bei den MIDI-zentrierten DAWs.
Häufige Fragen (FAQ)
Kann ich mehrere MIDI Tracks gleichzeitig im MIDI Editor bearbeiten? Ja, Pro Tools ermöglicht die simultane Anzeige mehrerer MIDI Tracks im MIDI Editor. Über den Track-Selektor im MIDI Editor können mehrere Tracks aktiviert werden. Die Noten verschiedener Tracks erscheinen in verschiedenen Farben.
Unterstützt Pro Tools SysEx-Nachrichten? Pro Tools hat eine eingeschränkte SysEx-Unterstützung. Einfache SysEx-Nachrichten können über die MIDI Event List eingegeben werden, aber komplexe SysEx-Sequenzen für Hardware-Synthesizer-Programmierung sind besser in spezialisierten MIDI-Editors zu verwalten.
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Weiterführend
- Avid Technology (2024): Pro Tools Reference Guide, Kapitel 12: MIDI Editing. Avid Technology Inc.
- Holmes, Thom (2012): Electronic and Experimental Music. 4. Aufl. Routledge, New York.
- Wolfe, Alex (2019): The MIDI Manual. 4. Aufl. Focal Press, Oxford.
