Das Sieben-Punkte-System ist ein von Dan Wells entwickeltes Plotstrukturmodell, das eine Geschichte auf sieben präzise Schlüsselpunkte reduziert und damit besonders für Autoren geeignet ist, die mehrere Handlungsstränge parallel planen.
Rubrik: Storytelling & Konzeption · Unterrubrik: Dramaturgie · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Seven-Point Story Structure, Dan Wells' Plotstruktur
Was ist das Sieben-Punkte-System?
Dan Wells, Autor der Partials Sequence und Mitveranstalter des Podcasts Writing Excuses, stellte das Sieben-Punkte-System 2010 in einem Vortrag vor. Die Grundidee: Jede Geschichte lässt sich auf sieben wesentliche Momente herunterbrechen, und die Planung beginnt mit dem Ende. Man weiß, wo man ankommen will (Punkt 7), und arbeitet rückwärts. Das macht das Modell besonders für Plot-First-Autoren attraktiv.
Erklärung
Punkt 1 – Hook (Einstieg): Der Ausgangszustand der Figur, möglichst im direkten Kontrast zum späteren Ende. Wenn die Figur am Ende mutig sein wird, beginnt sie als Feigling. Der Hook zieht den Leser ins Geschehen.
Punkt 2 – Plot Turn 1 (Erster Plotwechsel): Das erste große Ereignis, das die Figur in die Geschichte zieht. Sie kann noch zurück, tut es aber nicht (oder wird verhindert). Dies entspricht dem Plot Point I der Drei-Akt-Struktur.
Punkt 3 – Pinch 1 (Erster Druck): Eine externe Kraft übt Druck aus und zwingt die Figur, aktiv zu handeln. Ohne diesen Druck könnten sich die Figuren einigen oder die Situation selbst klären. Der erste Pinch macht den Konflikt unausweichlich.
Punkt 4 – Midpoint (Wendepunkt der Mitte): Der entscheidende Moment, in dem die Figur von reaktivem zu proaktivem Handeln wechselt. Vor dem Midpoint reagiert die Figur; danach greift sie selbst an. Dies ist ein wichtiges dramaturgisches Prinzip: Passive Protagonisten sind langweilig.
Punkt 5 – Pinch 2 (Zweiter Druck): Der stärkste externe Druck der Geschichte – alles scheint verloren. Die Figur steht vor dem absoluten Scheitern. Verbündete fallen aus, Ressourcen sind erschöpft. Dieser Punkt entspricht dem Dark Night of the Soul.
Punkt 6 – Plot Turn 2 (Zweiter Plotwechsel): Die Figur entdeckt die letzte Information oder Fähigkeit, die sie zur Auflösung braucht. Wichtig: Diese Ressource muss bereits früher in der Geschichte eingeführt worden sein (vgl. Chekhovs Gun). Kein Deus ex Machina.
Punkt 7 – Resolution (Auflösung): Das Ziel wird erreicht oder – im dramatischen Fall – verfehlt. Der Zustand der Figur steht im klaren Kontrast zum Hook.
Rückwärts planen: Wells empfiehlt, Punkt 7 zuerst zu schreiben, dann Punkt 1 (als maximalen Kontrast), dann Punkt 4 (die Brücke), dann die restlichen Punkte. Diese Methode hilft, Charakterbögen konsequent durchzudenken.
Skalierbarkeit: Das System eignet sich für Hauptplot und jeden Subplot. In einem Roman mit drei Subplots plant man dreimal sieben Punkte, was eine detaillierte Projektübersicht ergibt.
Beispiele
- Breaking Bad (Serienpilot): Hook: Walter White, braver Chemielehrer. Resolution (der Serie): mächtiger Drogenboss. Alle sieben Punkte lassen sich entlang dieser Transformation identifizieren.
- Gone Girl (2014): Hook: Scheinbar glückliche Ehe. Pinch 1: Amys Verschwinden. Midpoint: Nicks Wechsel von reaktiv zu proaktiv. Pinch 2: Amys Rückkehr mit neuer Dominanz.
- Der Hobbit (Tolkien): Hook: Bilbo Beutlin als sesshafter Hobbit. Plot Turn 1: Ankunft der Zwerge. Midpoint: Bilbos Entscheidung, als Einbrecher zu handeln.
- Werbecampagne Red Bull Stratos (2012): Hook: Mensch kann nicht aus dem Weltall springen. Plot Turn 2: Der Sprung gelingt. Resolution: Grenze des Menschlichen wird neu definiert.
- The Hunger Games (2012): Hook: Katniss im unterdrückten Distrikt 12. Resolution: Katniss als Symbol des Widerstands.
In der Praxis
Erstelle für dein nächstes Projekt eine Tabelle mit sieben Zeilen für den Hauptplot. Fülle zuerst Zeile 7 (Resolution) aus, dann Zeile 1 (Hook), dann Zeile 4 (Midpoint). Die restlichen Punkte ergeben sich oft fast von selbst.
Tipp für Serien: Das System eignet sich hervorragend für Staffel-Dramaturgie. Jede Staffel kann ihre eigenen sieben Punkte haben, die in die Gesamtstruktur eingebettet sind.
Vergleich & Abgrenzung
Das Sieben-Punkte-System ist detaillierter als die Drei-Akt-Struktur (drei Punkte) und weniger archetypisch als die Die Heldenreise (zwölf Stufen). Im Vergleich zu Save the Cat (fünfzehn Beats) ist es schlanker und leichter skalierbar. Freytags Pyramide ist ähnlich strukturiert, aber weniger auf aktives Handeln des Protagonisten ausgerichtet.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie setze ich das Sieben-Punkte-System in meinem Drehbuch um? Plane von Punkt 7 rückwärts. Definiere erst, was deine Figur am Ende ist oder hat, und überlege dann, was ihr maximaler Gegenzustand am Anfang war. Der Midpoint ist die Brücke: Hier wechselt die Figur von passiv zu aktiv. Alle anderen Punkte sind Konsequenzen dieser Entscheidung.
Was ist der Unterschied zwischen Pinch 1/2 und Plot Turn 1/2? Plot Turns verändern die Richtung der Geschichte von innen (Entscheidungen der Figur oder Enthüllungen). Pinches sind externe Kräfte, die Druck aufbauen und das Handeln erzwingen. Plot Turns treiben die Figur; Pinches zwingen sie.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Wells, Dan: Seven-Point Story Structure (Vortrag, LTUE 2010). Verfügbar via YouTube.
- Sanderson, Brandon / Wells, Dan / Kowal, Mary Robinette: Writing Excuses Podcast, Season 6, Episodes 1–4 (2011).
- Stein, Sol: Stein on Writing. St. Martin's Press, New York 1995.
