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"Share a Coke" ist eine Produktkampagne von Coca-Cola, entwickelt 2011 von Ogilvy Sydney für den australischen Markt, bekannt dafür, das Markenlogo auf Flaschen durch individuelle Vornamen zu ersetzen – eines der erfolgreichsten Personalisierungs-Experimente in der Geschichte des Massenmarketings.

Marke: The Coca-Cola Company · Agentur: Ogilvy Sydney (Creative Director: Jeremy Hirschfeld) · Jahr: 2011 (Australien); weltweit ab 2013 · Medium: Produkt (Verpackung), OOH, Digital, Social Media, TV


Hintergrund & Entstehung

2011 stagnierte Coca-Cola in Australien. Die Marke war omnipräsent, aber das Wachstum unter Teenagern und jungen Erwachsenen stagnierte. Das Marketingteam von Coca-Cola Australien erkannte, dass die Marke zwar bekannt, aber kaum noch persönlich relevant war – sie war zu vertraut, um aufzufallen.

Das Briefing an Ogilvy Sydney: Wie macht man Coca-Cola wieder relevant für junge Australier? Wie erzeugt man einen persönlichen Moment mit einer Massenmarke?

Die kreative Antwort war schlicht und radikal zugleich: Was wäre, wenn man das heiligste Element der Marke – das Coca-Cola-Logo – durch den Namen eines Menschen ersetzen würde? Was wäre, wenn aus "Coca-Cola" plötzlich "Emma", "Jack" oder "Sarah" wird?


Kreative Idee & Strategie

Die Kernidee ist das Prinzip der Mass Personalisation: Eine Massenmarke schafft den Eindruck, individuell zu sein, indem sie ein skalierbares Personalisierungssystem einführt. Der Name auf der Flasche erzeugt drei psychologische Wirkungen:

  1. Eigentumsempfindung: Eine Flasche mit meinem Namen fühlt sich wie "meine" Flasche an – obwohl sie auf einer Fabrikstraße massenproduziert wurde.
  2. Soziale Dimension: Die Kampagne heißt "Share a Coke" – teile eine Cola. Eine Flasche mit dem Namen einer Freundin zu kaufen und ihr zu geben, ist ein kleines, günstiges Geschenk mit Aufmerksamkeitswert.
  3. Suchverhalten: Wer in einem Regal voller Coca-Cola-Flaschen nach seinem eigenen Namen sucht, investiert Zeit und Aufmerksamkeit in das Produkt – eine aktive Beteiligung statt passivem Konsum.

Die Top-150-Vornamen in Australien wurden auf die Flaschen gedruckt – von "Emma" bis "Jack", von "Sarah" bis "Liam". Wer nicht dabei war, konnte personalisierte Flaschen im digitalen Kiosk oder auf der Website bestellen.


Umsetzung & Medien

Phase 1 – Australien (2011): Die Kampagne startete mit 150 der häufigsten Vornamen in Australien. In Supermärkten wurden Regale nach Vornamen sortiert, nicht nach Produktformat – eine fundamentale Umgestaltung des Point-of-Sale. Verbraucher wurden ermutigt, die Flaschen in sozialen Medien zu teilen: "Ich hab heute eine Coke für [Name] gefunden."

Digitale Verlängerung: Eine Online-Plattform ermöglichte es, personalisierte Flaschenandrucke zu bestellen. Touchscreen-Kioske in Malls erlaubten individuelle Gravur. Der Hashtag #ShareACoke wurde zur offiziellen Sammelstelle für Nutzerposts.

Globaler Rollout (2013–2014): Die Kampagne wurde in über 80 Länder exportiert, jeweils lokalisiert mit den häufigsten Vornamen des jeweiligen Landes. In Deutschland wurden die 100 beliebtesten deutschen Vornamen gedruckt; in China wurden Kosenamen und Beziehungsstatus (z.B. "Freundin", "Bestie") verwendet, da chinesische Namenssysteme keine direkte Übertragung erlauben.

TV und OOH: Fernsehspots zeigten junge Menschen, die Flaschen mit den Namen von Freunden suchen oder schenken. OOH-Werbung nutzte dynamische digitale Displays, die Live-Twitter-Inhalte mit dem Hashtag #ShareACoke integrierten.


Wirkung & Ergebnisse

Australien 2011 (12-Monatszeitraum):

  • Umsatz-Steigerung: +7 % (nach Jahren der Stagnation)
  • Verbrauch bei 18–24-Jährigen: +7 %
  • Über 500.000 Fotos mit #ShareACoke auf Instagram geteilt
  • Über 250.000 personalisierte Flaschen bestellt über den digitalen Kiosk

Global (nach Rollout):

  • Über 150 Millionen personalisierte Flaschen verkauft in den USA allein (2014)
  • #ShareACoke generierte über 1 Milliarde Twitter-Impressions global (2014)
  • Coca-Colas erster Volumenwachstum im US-Markt in über zehn Jahren (2014)
  • Die Kampagne lief über 80 Länder – eine der am weitesten verbreiteten einheitlichen Kampagnen in der Coca-Cola-Geschichte.

Awards:

  • Cannes Lions Gold (Promotions & Activations, 2012)
  • Effie Awards Gold (Australien und International)
  • WARC Awards Grand Prix
  • Zahlreiche Kreativ- und Effektivitätspreis-Shortlists

Lernpunkte für Kreative

  1. Das heiligste Element als kreative Ressource: Das Coca-Cola-Logo anzutasten schien ein Tabu. "Share a Coke" zeigte, dass die größte kreative Energie manchmal dort entsteht, wo man das Unantastbare anfasst.
  2. Personalisierung im Massenmarkt ist möglich: Personalisierung galt lange als Luxusgut (Maßschneiderei, gravierter Schmuck). "Share a Coke" bewies, dass industrielle Massenproduktion mit dem Gefühl des Individuellen verbunden werden kann.
  3. Das Produkt ist das Medium: Statt Werbung neben dem Produkt zu platzieren, wurde das Produkt selbst zur Werbung. Jede Flasche in jeder Hand war ein Billboard.
  4. Soziales Teilen als Kampagnenmechanismus: "Share a Coke" funktioniert als Geschenk-Trigger: Ich kaufe eine Flasche mit Deinem Namen. Dieses kleine Ritual erzeugt soziale Bindung. Das ist ein Verständnis von Werbung als sozialer Erfahrung.
  5. Skalierbarkeit durch Systeme: Die Kampagne funktionierte in 80+ Ländern, weil das Grundprinzip (Name auf Flasche) ein System war, das lokal adaptiert werden konnte, ohne die Kernidee zu verlieren.

Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu Spotify Wrapped teilen beide Kampagnen das Prinzip der Personalisierung als emotionalen Mechanismus – aber auf unterschiedliche Weisen. Spotify ist digital und datengetrieben; Coca-Cola ist physisch und produktgebunden. Beide beweisen, dass das Prinzip "Das ist meins" eine universal starke emotionale Reaktion auslöst.

Im Vergleich zu anderen Produktpersonalisierungs-Kampagnen (z.B. Nike ID, das individuelle Schuhgestaltung erlaubt) ist "Share a Coke" massiv und basisbreit – nicht "individuelle Sonderanfertigung" für Premiumkunden, sondern Massenware, die sich individuell anfühlt. Der demokratische Aspekt der Personalisierung ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Kritische Einordnung: Die Kampagne berührte nicht das eigentliche Problem von Coca-Cola: die wachsende öffentliche Kritik an Zuckergehalt, Plastikmüll und Gesundheitsauswirkungen. "Share a Coke" war brilliant als Absatz-Mechanismus, löste aber keine strukturellen Markenprobleme. In einer Zeit, in der Konsumenten zunehmend die gesellschaftliche Verantwortung von Marken bewerten, sind Kampagnen, die reinen Absatzfokus haben, nur begrenzt zukunftsfähig.


Häufige Fragen (FAQ)

Warum funktionierte die Kampagne in China mit anderen Worten statt Namen? Chinesische Namenstraditionen unterscheiden sich fundamental von westlichen: Familienname kommt vor dem Vornamen, Namen sind semantisch bedeutsam und sehr individuell. Eine Liste von 150 Namen hätte nur einen Bruchteil der Bevölkerung abgedeckt. Ogilvy China entschied, stattdessen Beziehungsworte und Kosenamen zu drucken ("Kleine Schwester", "Klassenkamerad", "Bester Freund") – und damit dasselbe Prinzip (persönliche Verbindung) in einer kulturell passenderen Form.

Wie verhinderte Coca-Cola, dass beliebige Namen auf Flaschen gedruckt wurden – Schimpfwörter, beleidigende Namen? Die Vornamenlisten wurden sorgfältig kuratiert – nur die häufigsten, unproblematischen Vornamen wurden ausgewählt. Für personalisierte Bestellungen über die Website oder Kioske gab es Filter-Systeme. In mehreren Märkten gab es kleinere Vorfälle mit unpassenden Namen, aber keinen signifikanten Skandal.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Fallstudie: Ogilvy Sydney: "Share a Coke" – Cannes Lions Case Study 2012, vollständig im Cannes Archive verfügbar.
  • Artikel: "How 'Share a Coke' Became a Global Marketing Success" – Marketing Week (2014).
  • Buch: Philip Kotler et al.: Marketing 4.0 (2017) – "Share a Coke" als Beispiel für horizontales Marketing in einer vernetzten Welt.
  • WARC: "Share a Coke" Grand Prix Case Study in der WARC-Datenbank.
  • Effie: Effie Worldwide 2012 Gold Case Study Archiv.
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