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"Rebuild the World" ist eine globale Markenkampagne von LEGO, entwickelt 2019 von McCann Paris (Creative Director: Julien Chiapolini), bekannt als erste große Brand-Kampagne von LEGO seit 30 Jahren, die Kreativität als gesellschaftlichen Wert kommuniziert und nicht als Produkteigenschaft.

Marke: LEGO Group · Agentur: McCann Paris · Jahr: 2019 · Medium: TV (Kurzfilm), Digital, OOH, Social Media


Hintergrund & Entstehung

LEGO ist 2019 die wertvollste Spielzeugmarke der Welt – nach einer dramatischen Turnaroundstory: 2003–2004 stand LEGO kurz vor der Insolvenz, erholte sich durch radikale Produktfokussierung, lizenzierte Themen-Sets (Star Wars, Harry Potter, Marvel) und die LEGO Movie-Franchise (2014) zu einem außergewöhnlichen Wachstum.

Paradoxerweise hatte LEGO durch seinen Erfolg mit Lizenzen und Spielfilm-Werbung einen Teil seiner ursprünglichen Markenbotschaft verloren: LEGO als Instrument freier Kreativität, als Werkzeug zum Bauen von Dingen, die noch nicht existieren.

2019 entschied LEGO's Marketing-Team, diesen Kern zurückzugewinnen. Die Frage: Was ist das Essenzielle an LEGO, das über alle Produkte und Lizenzen hinaus Gültigkeit hat? Die Antwort: Kreativität. Die Fähigkeit, die Welt anders zu sehen und sie neu zu bauen.


Kreative Idee & Strategie

Die Kampagnenidee ist eine doppelte Metapher: LEGO als Metapher für kreatives Denken, und kreatives Denken als Antwort auf die Herausforderungen der Welt.

Der zentrale Filmspot (2 Minuten) beginnt mit einer absurden, surreal-witzigen Sequenz in LEGO-Ästhetik: Ein Hase jagt durch eine Fantasielandschaft, ein Jäger verfolgt ihn, aber statt einer Waffe trägt der Jäger ein LEGO-Gewehr, das keine Munition verschießt, sondern Blumen. Die Szenen bauen aufeinander auf, jede kreative Handlung einer Figur löst die Probleme der anderen – ein positiver Dominoeffekt. Schlusstext: "Rebuild the World."

Die Strategie ist bewusst keine Produktwerbung. Keine spezifischen Sets werden gezeigt. Kein Preis. Keine Altersangabe. Stattdessen kommuniziert die Kampagne eine Haltung: LEGO glaubt daran, dass Kreativität die Welt besser machen kann.


Umsetzung & Medien

Der Hauptspot (2019): Produziert von McCann Paris, Regie von Traktor (Regie-Kollektiv). Der Spot vereint LEGO-Figuren und -Sets mit realen Kindern in einer phantastischen Welt. Die Ästhetik ist bewusst bunt, überschwänglich, voller Details – eine visuelle Ode an die Bildwelt des kindlichen Spielens.

Die Produktionsarbeit war immens: Tausende von LEGO-Teilen wurden für Szenografien verwendet, echte Kinder bauten und spielten auf Set, VFX-Arbeit verband reale und animierte Elemente. Die Produktion dauerte mehrere Monate.

"What Will You Build?" (Aktivierungsebene): Parallel zum Brand-Spot startete LEGO ein globales Bauprojekt: Kinder weltweit wurden aufgefordert, ihre Vision einer besseren Welt zu bauen und zu fotografieren. Die Einsendungen füllten LEGO's Social-Media-Kanäle und wurden in einer globalen Ausstellung gezeigt.

OOH-Kampagne: Großformatige Plakate zeigten LEGO-Modelle von utopischen Welten, gebaut von echten Kindern. Die Plakate trugen keine Produktnamen oder Preise – nur "Rebuild the World" und das LEGO-Logo.

Media-Strategy: Die Kampagne lief primär digital mit gezielter TV-Präsenz in Schlüsselmärkten (Deutschland, USA, UK, China). Influencer-Aktivierungen mit Creators auf YouTube und Instagram ergänzten den bezahlten Media-Einsatz.


Wirkung & Ergebnisse

Quantitative Ergebnisse:

  • Der Hauptspot erzielte über 30 Millionen YouTube-Views in den ersten Monaten.
  • Kampagnen-Reichweite: geschätzte 1,5 Milliarden Impressions global.
  • LEGO's Markenwert stieg 2019 erneut auf 6,8 Milliarden Dollar (Brand Finance Ranking).

Markeneffekte:

  • Die Kampagne erhöhte LEGOs Markenwahrnehmung als "kreativer Enabler" (nicht nur als Spielzeug-Set) in Consumer-Studien.
  • LEGO rangiert in Kinder-Befragungen weltweit unter den Top-3 der "coolsten Marken" (KidsInsights, 2020).

Awards:

  • Cannes Lions – mehrfach shortlisted und nominiert 2019/2020
  • D&AD Pencil Shortlist
  • Clio Awards

Lernpunkte für Kreative

  1. Zurück zum Kern – wenn der Kern universell ist: LEGO hatte in den Erfolgs-2010ern begonnen, Markenwerte zu vernachlässigen und auf Produkthits (Lizenzen, Filme) zu setzen. "Rebuild the World" zeigt, dass die Rückkehr zu fundamentalen Markenwerten eine kraftvolle Strategie ist, wenn diese Werte wirklich universell sind.
  2. Gesellschaftliche Relevanz vs. Produktwerbung: Die Entscheidung, kein einziges LEGO-Produkt explizit zu bewerben, war mutig. Das Ergebnis ist eine Markenbotschaft, die breiter wirkt als jede Produktkampagne.
  3. Kindliche Perspektive als Erwachsenen-Trigger: LEGO spricht in "Rebuild the World" nicht nur Kinder an, sondern auch Eltern und Erwachsene, die sich an das Gefühl erinnern, durch Bauen etwas Neues zu erschaffen. Nostalgie als emotionaler Einstieg ist besonders wirkungsvoll.
  4. Die Welt bauen heißt, die Welt verstehen: Die Botschaft "Kreativität ist die Antwort" ist angesichts gesellschaftlicher Herausforderungen relevant. Marken, die ihre Produktessenz mit gesellschaftlicher Relevanz verbinden, schaffen nachhaltigere Emotionsbindung.
  5. Visuelle Überwältigung als Hommage: Die Fülle von Details, Farben und Szenen im Spot spiegelt das LEGO-Spielerlebnis selbst wider – wo nie genug Teile vorhanden sind und immer eine nächste Idee kommt. Die Ästhetik ist nicht Chaos, sondern Referenz an das Produkt.

Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu Apple "Think Different" arbeiten beide mit dem Prinzip, Kreativität als universalen Wert zu kommunizieren. Apple's Kreativität war intellektuell-rebellisch; LEGO's Kreativität ist spielerisch-optimistisch. Beide Kampagnen umgehen Produktfeatures vollständig und kommunizieren eine Weltsicht.

Im Vergleich zu früherer LEGO-Werbung (produktfokussiert, serienbezogen) ist "Rebuild the World" ein fundamentaler Strategiewechsel: von Feature-Selling zu Value-Selling, von Produktpräsentation zu Brand Purpose.

Im Vergleich zu Barbie/Mattel-Markenkommunikation – einem direkten Konkurrenten für Kinderspielzeug – ist LEGO kreativ-intellektueller positioniert. Der "Barbie"-Film (2023) erreichte eine ähnliche kulturelle Tiefenwirkung durch einen anderen Weg (Film statt Werbung), zeigt aber, dass große Spielzeugmarken in der Lage sind, kulturell bedeutsame Kommunikation zu produzieren.


Häufige Fragen (FAQ)

Warum hat LEGO 30 Jahre lang keine große Brand-Kampagne gemacht? LEGO konzentrierte sich ab den 1990er-Jahren auf Produktkampagnen (Sets, Themen, Lizenzen) und Handels-Kommunikation. Nach der Beinahe-Insolvenz 2003/2004 fokussierte das Unternehmen auf operative Exzellenz und Produkthits. Brand Advertising schien überflüssig, wenn Blockbuster-Sets und der LEGO Movie die Marke ohnehin hielten. Erst mit der Erkenntnis, dass Markensubstanz nicht automatisch durch Produkterfolg erhalten bleibt, entstand "Rebuild the World".

Was ist der Unterschied zwischen "Rebuild the World" und reiner Brand Purpose-Kommunikation (z.B. Dove)? "Rebuild the World" ist zwar purposeorientiert, unterscheidet sich aber von "Cause Marketing" wie Dove oder Always dadurch, dass es keine gesellschaftliche Problemstellung adressiert. Es ist keine "wir lösen ein gesellschaftliches Problem"-Kommunikation, sondern eine Haltungskampagne: "Wir glauben an Kreativität." Das ist subtiler und weniger anfällig für Glaubwürdigkeits-Kritik.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • YouTube: "LEGO Rebuild the World" – offizieller Spot auf dem LEGO YouTube-Kanal.
  • Artikel: McCann Paris: "Rebuild the World" Creative Case Study, Campaign Magazine (2019).
  • Buch: David Robertson: Brick by Brick: How LEGO Rewrote the Rules of Innovation and Conquered the Global Toy Industry (2013) – Hintergrund der LEGO-Turnaround-Geschichte.
  • Brand Finance Report: Brand Finance Toys Report 2019/2020 – LEGO als wertvollste Spielzeugmarke.
  • Akademisch: Schrage, M. (2014): "How LEGO Became the Apple of Toys" – Harvard Business Review.
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