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Red Bull Stratos ist ein Content-Marketing-Projekt von Red Bull aus dem Jahr 2012, bei dem Felix Baumgartner aus einer Höhe von 38.969 Metern aus einer Kapsel sprang und dabei mehrere Weltrekorde brach – das Projekt gilt als das ambitionierteste Branded-Content-Projekt der Marketinggeschichte.

Marke: Red Bull GmbH · Umsetzung: Red Bull Media House, in Partnerschaft mit der NASA und internationalen Wissenschaftsteams · Jahr: 2012 (Vorbereitungsphase ab 2005) · Medium: Live-Streaming (YouTube), TV, Social Media, Dokumentarfilm


Hintergrund & Entstehung

Red Bull versteht sich nicht als Getränkehersteller, der Werbung schaltet – sondern als Medienhaus, das zufällig auch Energydrinks verkauft. Dieses Selbstverständnis, das seit den frühen 2000er-Jahren mit dem Aufbau von Red Bull Media House entwickelt wurde, gipfelte in Stratos.

Die Idee entstand 2005 durch den Kontakt zwischen Red Bull und Felix Baumgartner, dem österreichischen Extremsportler, der bereits für Basejumping und Extremfliegen bekannt war. Das gemeinsame Ziel: den Schallmauer im freien Fall zu durchbrechen – das erste Mal in der Geschichte, dass ein Mensch im freien Fall Mach 1 übersteigt.

Das Projekt war sieben Jahre in der Entwicklung, kostete nach Schätzungen über 50 Millionen Dollar, erforderte die Zusammenarbeit mit NASA-Ingenieuren und der US Air Force und war in vollem Umfang als Medienprojekt konzipiert: Jeder Aspekt – die Entwicklung des Druckanzugs, das Training, der Aufstieg, der Sprung – war für die öffentliche Kommunikation aufbereitet.


Kreative Idee & Strategie

Red Bulls Markenclaim – "Red Bull verleiht Flüüügel" – ist eine Übertreibung. Stratos war die buchstäbliche Umsetzung dieses Versprechens: Ein Mensch fliegt tatsächlich durch die Stratosphäre.

Die strategische Idee: Sei die Geschichte, nicht die Werbung. Statt Werbespots für Extremsport zu kaufen, produzierte Red Bull das extremste Sportereignis in der Geschichte und wurde dadurch zum organischen Mittelpunkt globaler Medienberichterstattung.

Drei Designprinzipien des Projekts:

  1. Wissenschaftliche Legitimität: Stratos war nicht nur ein PR-Stunt – es war ein echtes wissenschaftliches Experiment in Zusammenarbeit mit der NASA, dem Army Research Lab und dem ILC Dover (Anzugehersteller). Die Daten über Überlebensfähigkeit bei supersonic Dekompressionssituationen in der Stratosphäre hatten realen Forschungswert. Diese wissenschaftliche Dimension machte Stratos seriös-berichterstattungswürdig.
  2. Live als einzige Möglichkeit: Stratos war konzipiert als Live-Ereignis. Die Unplanbarkeit, die Gefahr, die echte Spannung des Wartens – das ließ sich nicht vorproduzieren. Live ist das einzige Medienformat, das absolute Aufmerksamkeit erzwingt.
  3. Worldbuilding durch Content: Red Bull Media House produzierte vor, während und nach Stratos hunderte Stunden Dokumentations-Content – Trainingsfilme, Wissenschaftserklärungen, Baumgartners persönliche Vorbereitung. Der Sprung war der Höhepunkt einer Erzählbogen, der über Jahre aufgebaut wurde.

Umsetzung & Medien

14. Oktober 2012 – der Sprung: Felix Baumgartner stieg in einer Heliumkapsel auf 38.969 Meter Höhe über Roswell, New Mexico. Um 19:08 UTC sprang er. Nach 4 Minuten und 19 Sekunden freiem Fall, in dem er eine Spitzengeschwindigkeit von 1.357,64 km/h (Mach 1,25) erreichte, öffnete er seinen Fallschirm und landete sicher. Er brach dabei drei Weltrekorde: höchster Fallschirmsprung, höchste Manned Balloon Altitude, schnellster freier Fall.

YouTube Live-Stream: Das Ereignis wurde live auf YouTube übertragen – und brach dabei sämtliche bisherigen Live-Streaming-Records. Über 8 Millionen gleichzeitige Zuschauer verfolgten den Stream – zum damaligen Zeitpunkt der größte Live-Stream in der Geschichte von YouTube. Über 52 Länder übertrugen den Sprung live im Fernsehen.

Social Media: Während des Sprungs war Red Bull Stratos das meistgeerntete Thema auf Twitter weltweit. Über 3 Millionen Tweets in der Live-Phase.

Dokumentarfilm: Red Bull Media House produzierte den Dokumentarfilm "Mission to the Edge of Space" (später auch auf Discovery Channel und Netflix verfügbar) – über 1 Stunde Langform-Content aus dem Stratos-Projekt.

Museum: Eine vollständige Kapsel und der Druckanzug sind im Smithsonian National Air and Space Museum in Washington D.C. dauerhaft ausgestellt.


Wirkung & Ergebnisse

Mediale Reichweite:

  • 8 Millionen gleichzeitige YouTube-Zuschauer (Weltrekord 2012).
  • 52 Länder mit Live-TV-Übertragung.
  • Schätzungsweise 6,8 Milliarden Earned Media Impressions global (nach Red Bull Media House-Angaben).

Markeneffekte:

  • Red Bulls Umsatz stieg 2012 um 16 % auf über 5 Milliarden Dollar.
  • Red Bull-Markenwert stieg laut Brand Finance von 8,5 auf 10,5 Milliarden Dollar in den Jahren 2012–2013.
  • Der "Brand as Publisher"-Ansatz von Red Bull wurde im Anschluss an Stratos weltweit als Strategie-Modell diskutiert und in Marketing-Lehrbüchern aufgenommen.

Awards:

  • Guinness World Records (mehrfach)
  • Cannes Lions Grand Prix PR (2013)
  • Zahlreiche Auszeichnungen in den Kategorien Branded Content, Experiential und PR

Lernpunkte für Kreative

  1. Sei die Nachricht: Das stärkste Marketing erzeugt Ereignisse, über die berichtet wird – anstatt Werbung zu kaufen, die neben Nachrichten steht. Stratos war selbst eine Nachricht.
  2. Langformerzählung im Marketing: Die sieben Jahre Entwicklungszeit waren nicht Ineffizienz – sie waren Teil der Erzählung. Publikum, das den langen Weg mitverfolgte, war emotional investiert. Marketing als mehrjähriges Narrativ ist möglich, wenn die Story groß genug ist.
  3. Wissenschaft verleiht Legitimität: Red Bull verankerte Stratos in echter Forschung. Das machte den Projekt für Qualitätsmedien berichterstattungswürdig, die normale Markenwerbung ignorieren würden.
  4. Live ist das mächtigste Medium: Live-Ereignisse erzeugen kollektive Erfahrungen, die vorproduzierter Content nicht replizieren kann. Marken, die Live-Events produzieren, sprechen über das Gefühl gemeinsamen Erlebens.
  5. Content-Investition als Media-Ersatz: 50 Millionen Dollar in ein einziges Event zu investieren und dafür 6,8 Milliarden Impressions zu erhalten, ist ökonomisch gesehen effizienter als dieselbe Summe in Mediaplanung zu stecken.

Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu klassischem Eventmarketing (Sponsoring von Sportereignissen) ist Red Bull Stratos keine Sponsoring-Situation – Red Bull produzierte das Ereignis selbst. Das macht den Unterschied zwischen Markenpräsenz und Markenkontrolle.

Im Vergleich zu NASA-eigenen Kommunikationsprojekten war Red Bull effektiver in der Öffentlichkeitsarbeit für Raumfahrtforschung als staatliche Institutionen – was sowohl eine Leistung des Red Bull Media House als auch eine ironische Kritik an der Kommunikationsfähigkeit öffentlicher Forschungseinrichtungen ist.

Kritische Einordnung: Stratos war primär PR, nicht Wissenschaft. Die Forschungsdaten des Projekts wurden von der wissenschaftlichen Community nicht als primäre Referenz zitiert. Die Legitimation durch Wissenschaftlichkeit war strategisch – und das ist in Ordnung, solange man diese Doppelnatur kennt. Für Studierende ist es wichtig zu verstehen: Ein Projekt kann gleichzeitig echten wissenschaftlichen Wert und primäre Marketingabsicht haben – beides schließt sich nicht aus, aber es ist wichtig, das Gewichtungsverhältnis realistisch einzuschätzen.


Häufige Fragen (FAQ)

Wer hatte die Idee zu Red Bull Stratos, und wie lange dauerte die Vorbereitung? Die Idee geht auf erste Gespräche zwischen Red Bull und Felix Baumgartner sowie dem Luft- und Raumfahrtexperten Joe Kittinger (der 1960 den damaligen Weltrekord im Stratosphärensprung aufgestellt hatte) ab ca. 2005 zurück. Die offizielle Projektdauer war ca. sieben Jahre, wobei die letzten drei Jahre die intensive Trainings- und Medienphase darstellten. Mehrere Testsprünge und zwei abgebrochene Live-Versuche (wegen Wetterbedingungen) gingen dem finalen Sprung voraus.

Welche Sicherheitsmaßnahmen gab es bei einem solch gefährlichen Projekt? Baumgartner trug einen NASA-zertifizierten Druckanzug, der für Überdruckszenarien in der Stratosphäre ausgelegt war. Ein medizinisches Team, ein Kontrollteam aus ex-NASA-Ingenieuren und ein Rettungsteam mit Hubschraubern waren permanent bereit. Der Sprung wurde mehrfach wegen nicht idealer Wetterbedingungen verschoben. Das Risiko war real – Baumgartner geriet während des Sprungs kurzzeitig in einen unkontrollierten Spin, bevor er sich stabilisieren konnte.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Dokumentarfilm: "Mission to the Edge of Space" (Red Bull Media House, 2014) – verfügbar auf YouTube/Red Bull TV.
  • Buch: Joe Pulizzi: Content Inc. (2015) – Red Bull als Kernbeispiel für "Brand as Publisher".
  • Artikel: Wired: "How Red Bull's Space Jump Changed Marketing Forever" (2012).
  • Smithsonian: Red Bull Stratos-Objekte im National Air and Space Museum, Washington D.C.
  • Guinness Records: Drei offizielle Weltrekorde, dokumentiert unter guinnessworldrecords.com.
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