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Squash and Stretch ist das erste und grundlegendste Animationsprinzip, das durch elastische Verformung eines Objekts dessen Gewicht, Masse und Flexibilität spürbar macht.

Rubrik: Animation & VFX · Unterrubrik: Animationsprinzipien · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Stauchen und Strecken, Elastische Verformung, Squash & Stretch


Was ist Squash and Stretch?

Squash and Stretch beschreibt die Fähigkeit, einem Objekt oder Charakter durch Verformung Leben einzuhauchen. Wenn ein Objekt auf eine Oberfläche trifft (squash = stauchen) oder sich schnell durch den Raum bewegt (stretch = strecken), verändert es vorübergehend seine Form — genau wie ein Gummiball oder ein menschlicher Muskel im echten Leben.

Das Prinzip wurde von den Disney-Animatoren Ollie Johnston und Frank Thomas in ihrem Standardwerk The Illusion of Life (1981) als erstes und wichtigstes aller zwölf klassischen Animationsprinzipien beschrieben. Es bildet die Grundlage für jede glaubwürdige, organisch wirkende Bewegung.


Erklärung

Die Kernregel lautet: Das Volumen eines Objekts bleibt konstant. Wenn ein Ball gestaucht wird und breiter wirkt, muss er gleichzeitig kürzer werden — und umgekehrt. Diese Volumentreue ist entscheidend, denn sie vermittelt dem Zuschauer unbewusst, dass das Objekt aus einer bestimmten Materie besteht.

Squash (Stauchung) tritt auf, wenn ein Objekt:

  • auf eine Fläche aufprallt
  • ein Gewicht trägt oder unter Druck gerät
  • im Moment des Auftreffens abgebremst wird

Stretch (Streckung) tritt auf, wenn ein Objekt:

  • sich schnell und beschleunigt bewegt
  • in die Luft springt oder geworfen wird
  • eine rasche Richtungsänderung durchführt

Die Stärke der Verformung bestimmt die wahrgenommene Materialität: Ein Stein verformt sich kaum (wenig Squash & Stretch), ein Gummiball stark, und ein Wassertropfen extrem. Die Intensität der Verformung kommuniziert also direkt die physikalischen Eigenschaften des Objekts.

Für Charakteranimation gilt zusätzlich: Gesichtszüge, Körperteile und sogar Haare folgen diesem Prinzip. Wenn ein Charakter lacht, strecken sich seine Wangen; wenn er erschrickt, staucht sich sein Körper kurzzeitig zusammen, bevor er reagiert.


Beispiele

  1. Bambi (Disney, 1942): Als Bambi auf dem zugefrorenen See ausrutscht, stauchen und strecken sich seine Beine und sein Körper auf eine Art, die sowohl komisch als auch physikalisch nachvollziehbar wirkt. Die Animatoren nutzten intensives Squash & Stretch, um das Fehlen von Kontrolle und die Leichtheit des jungen Rehs zu verdeutlichen.
  2. Bounce-Ball-Übung (klassisches Lehrstück): Der springende Gummiball ist das erste Übungsprojekt fast aller Animationsausbildungen. Beim Aufprall wird der Ball in X-Richtung gestreckt und in Y-Richtung gestaucht. Beim Absprung kehrt sich dies um. Ohne Squash & Stretch wirkt derselbe Ball wie ein Stein.
  3. Toy Story (Pixar, 1995): Woody und Buzz zeigen Squash & Stretch in ihrer Gesichtsanimation — besonders in Szenen großer Überraschung oder Freude. Obwohl es sich um Plastik- und Stoffspielzeug handelt, wenden die Animatoren das Prinzip subtil an, um Emotionen zu verstärken.
  4. Tom and Jerry (Hanna-Barbera, 1940–1958): Hier wird Squash & Stretch zur Karikatur getrieben: Tom staucht sich auf wenige Zentimeter zusammen, wenn er gegen eine Wand schlägt, oder streckt sich mehrere Meter in die Länge beim Erschrecken. Die extreme Anwendung ist Kennzeichen des Slapstick-Stils.
  5. Spirited Away / Sen to Chihiro (Studio Ghibli, Miyazaki, 2001): Die Kugeln-Geister (Rußgeister) zeigen dezentes Squash & Stretch, das ihre leichte, watteartige Materialität kommuniziert — ohne ins Übertriebene zu kippen. Ghibli nutzt das Prinzip zurückhaltender als westliche Studios, bleibt aber stets organisch.

In der Praxis

Blender (Grease Pencil / 3D): In Blender kann Squash & Stretch über mehrere Wege umgesetzt werden:

  • Shape Keys: Für eine riggede Figur oder ein Objekt werden Shape Keys angelegt, die die Stauchungs- und Streckungsformen definieren. Im Dopesheet werden diese zwischen den Schlüsselposen interpoliert.
  • Armature Scaling: Knochen in einem Rig können auf der Z-Achse skaliert werden (S → Z). Durch das Skalieren eines zentralen Hüftknoches oder Body-Controllers lässt sich der gesamte Charakter stauchen/strecken.
  • Lattice Modifier: Ein Lattice-Objekt um ein Mesh gelegt erlaubt freies Verformen ohne das Rig selbst zu verändern — ideal für Props und einfache Objekte.
  • Wichtig: Den Object-Scale-Constraint auf "Volume Preservation" setzen, damit das Volumen konstant bleibt.

After Effects:

  • Mit dem Puppet Tool lassen sich 2D-Illustrationen direkt verformen.
  • Scale-Keyframes auf einem Layer mit expressionsbasierter Volumenerhaltung: scale[0] = value; scale[1] = 100 * 100 / value (wobei value der X-Scale-Wert ist).
  • Das Plugin Duik Bassel bietet Squash & Stretch-Controller für Character-Rigs in After Effects.

ToonBoom Harmony:

  • Harmony verfügt über dedizierte Deformer (Curve Deformer, Envelope Deformer), die Squash & Stretch direkt auf Layer anwenden.
  • Im Transform Tool kann mit dem "Envelope"-Modus jeder Frame manuell verformt werden.

Vergleich & Abgrenzung

Squash and Stretch vs. Timing: Timing bestimmt, wann und wie lange eine Bewegung dauert. Squash & Stretch bestimmt, wie das Objekt während dieser Bewegung aussieht. Beide zusammen erzeugen Gewicht.

Squash and Stretch vs. Exaggeration: Übertreibung (Exaggeration) ist ein übergeordnetes Prinzip, das die gesamte Darstellung betrifft. Squash & Stretch ist ein spezifisches Werkzeug der Übertreibung, das auf die Form angewendet wird.

Realistisch vs. Cartoon: In realistischen Animationsstilen (z.B. The Last of Us-Cutscenes) wird Squash & Stretch so dezent eingesetzt, dass der Zuschauer ihn nicht bewusst wahrnimmt — aber sein Fehlen sofort spürt. In Cartoon-Stilen wird er bewusst übertrieben.


Häufige Fragen (FAQ)

Muss Squash & Stretch immer sichtbar sein? Nein. In realistischen oder semi-realistischen Animationsstilen wird das Prinzip sehr subtil eingesetzt — manchmal nur für ein bis zwei Frames. Der Zuschauer bemerkt es nicht bewusst, spürt aber den Unterschied in der Lebendigkeit der Bewegung. Die Regel lautet: Squash & Stretch ist fast immer vorhanden, auch wenn er unsichtbar ist.

Gilt das Prinzip auch für starre Objekte wie Metallbälle? Ja, aber in minimierter Form. Selbst ein Stahlball verformt sich physikalisch minimal beim Aufprall — in der Animation darf man das übertreiben, aber nur geringfügig. Die Intensität des Squash & Stretch kommuniziert direkt die Materialität. Ein zu stark verformter Metallball wirkt sofort wie Gummi.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Johnston, O. & Thomas, F. (1981). The Illusion of Life: Disney Animation. Hyperion. (Standardwerk mit ausführlicher Behandlung aller 12 Prinzipien)
  • Williams, R. (2001). The Animator's Survival Kit. Faber & Faber. (Praktisches Lehrbuch mit Frame-für-Frame-Analysen)
  • Lasseter, J. (1987). Principles of Traditional Animation Applied to 3D Computer Animation. ACM SIGGRAPH Computer Graphics, 21(4), 35–44. (Wegweisende Übertragung der Prinzipien auf 3D-Animation)
  • White, T. (2006). Animation from Pencils to Pixels. Focal Press.
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