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Ein Studium ohne Abitur ist in Deutschland für beruflich Qualifizierte möglich: Wer einen Meister oder eine gleichwertige Aufstiegsfortbildung hat, bekommt nach dem KMK-Beschluss von 2009 eine allgemeine Hochschulzugangsberechtigung. Wer eine mindestens zweijährige Berufsausbildung und mindestens drei Jahre Berufspraxis im passenden Bereich vorweist, erhält nach einer Eignungsprüfung oder einem Probestudium einen fachgebundenen Zugang.

Rubrik: Berufsfelder & Berufsbilder · Unterrubrik: Einstieg und Berufswahl · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: studieren ohne Abitur, Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte, dritter Bildungsweg, Studium ohne Hochschulreife, Studium mit Meister

Was bedeutet Studium ohne Abitur?

Normalerweise brauchst du für ein Studium eine schulische Hochschulzugangsberechtigung, also Abitur, fachgebundene Hochschulreife oder Fachhochschulreife. Seit 2009 gibt es bundesweit einen zweiten Schlüssel: die berufliche Qualifikation. Die Länder setzen den KMK-Beschluss in ihren Hochschulgesetzen um und können darüber hinausgehen, deshalb unterscheiden sich die Details je nach Land und Hochschule.

Erklärung

Der KMK-Beschluss vom 6. März 2009 regelt zwei Stufen:

  1. Allgemeiner Hochschulzugang für Inhaber/innen von Abschlüssen der beruflichen Aufstiegsfortbildung, insbesondere Meister/innen im Handwerk, Inhaber/innen von Fortbildungsabschlüssen nach BBiG oder Handwerksordnung mit mindestens 400 Unterrichtsstunden, Absolvent/innen von Fachschulen nach der KMK-Rahmenvereinbarung, etwa staatlich geprüfte Techniker/innen, sowie vergleichbare Abschlüsse in Gesundheits- und Sozialberufen.
  2. Fachgebundener Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte, die eine nach Bundes- oder Landesrecht geregelte, mindestens zweijährige Berufsausbildung in einem zum Studiengang passenden Bereich abgeschlossen haben und mindestens drei Jahre Berufspraxis in diesem Bereich nachweisen. Dazu kommt ein Eignungsfeststellungsverfahren mit schriftlichen und mündlichen Teilen, das durch ein erfolgreich absolviertes Probestudium von mindestens einem Jahr ersetzt werden kann.

Zugänge, die ein Land zusätzlich schafft, erkennen alle Länder nach einem Jahr erfolgreichen Studiums für das Weiterstudium im gleichen oder einem verwandten Fach an.

Wie viele nutzen den Weg? Nach Berechnungen des CHE Centrum für Hochschulentwicklung auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts begannen 2024 13.073 Menschen ohne Abitur oder Fachabitur ein Studium, 2,7 Prozent aller Erstsemester. Insgesamt studierten 69.215 Personen ohne schulische Hochschulreife (2,4 Prozent aller Studierenden). 71,2 Prozent der Erstsemester ohne Abitur wählen eine Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die Länder unterscheiden sich deutlich: In Bremen lag der Anteil an allen Erstsemestern bei 5,8 Prozent, in Baden-Württemberg bei 1,8 Prozent.

Duales Studium ohne Abitur: Auch für ein duales Studium brauchst du eine Hochschulzugangsberechtigung, die beruflich Qualifizierte über die genannten Wege erwerben können. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg veröffentlicht dafür an ihren Standorten eigene Prüfungsordnungen für Eignungsprüfungen. Zusätzlich brauchst du einen Vertrag mit einem Partnerunternehmen. Mehr zum Modell steht unter Duales Studium in der Medienbranche.

Beispiele

  • Handwerksmeisterin, 32: hat mit dem Meisterbrief den allgemeinen Hochschulzugang und kann jedes Fach studieren, für das keine weiteren Zulassungsbeschränkungen greifen.
  • Mediengestalter mit drei Jahren Berufserfahrung, 25: besteht die Eignungsprüfung einer Hochschule und erhält den fachgebundenen Zugang für einen fachnahen Studiengang, etwa Medienproduktion.
  • Erzieherin mit Fachschulabschluss, 27: hat als Absolventin einer Fachschule den allgemeinen Hochschulzugang und studiert Soziale Arbeit.
  • Pflegefachmann, 29, mit drei Jahren Berufspraxis: nutzt ein Probestudium von einem Jahr, das nach dem KMK-Beschluss die Eignungsprüfung ersetzen kann.
  • Industriekauffrau, 24, noch ohne Berufspraxis: erfüllt die drei Jahre noch nicht und prüft als Alternative das Fachabitur über ein Berufskolleg, siehe Fachabitur nachholen: Wege zur Fachhochschulreife.

In der Praxis

Schritt für Schritt:

  1. Status klären: Hast du einen Fortbildungsabschluss wie Meister/in, Techniker/in oder Fachwirt/in, oder eine Ausbildung mit Berufspraxis?
  2. Studiengang wählen und Fachnähe prüfen: Beim fachgebundenen Zugang muss der Studiengang zu deiner Ausbildung und Berufspraxis passen. Die Hochschule entscheidet, was als „affin“ gilt.
  3. Beratung nutzen: Studienberatungen der Hochschulen beraten zu Eignungsprüfung, Fristen und Unterlagen. Der Online-Studienführer des CHE unter studieren-ohne-abitur.de listet Regeln nach Ländern.
  4. Zulassung beachten: Der Hochschulzugang ist nicht dasselbe wie ein Studienplatz. Bei zulassungsbeschränkten Fächern gelten zusätzlich die Auswahlregeln der Hochschule, in gestalterischen Fächern meist eine Mappe und Eignungsprüfung, siehe Portfolio für die Aufnahme.

Förderung (Stand: November 2026): Die BAföG-Altersgrenze von 45 Jahren gilt nach § 10 Abs. 3 Satz 2 Nr. 1a BAföG nicht für Auszubildende, die ohne Hochschulzugangsberechtigung auf Grund ihrer beruflichen Qualifikation an einer Hochschule eingeschrieben worden sind; die Einzelheiten des Ausnahmekatalogs stehen im Gesetz. Ob BAföG im Einzelfall elternunabhängig berechnet wird, hängt unter anderem von Alter und vorheriger Erwerbstätigkeit ab (§ 11 Abs. 3 BAföG). Zuständig ist das Studierendenwerk.

Alternative mit Berufsabschluss: Nicht jeder kreative Beruf braucht einen akademischen Grad. Wer vor allem praktisch gestalten will, kann auch eine schulische Ausbildung an einer Berufsfachschule wählen. Die Lazi Akademie in Esslingen am Neckar ist eine gemeinnützige, staatlich anerkannte Berufsfachschule für Gestaltung, gegründet 1950, mit sechs Fachbereichen, drei davon mit staatlich anerkanntem Berufsabschluss. Die Ausbildung dort ist ohne Abitur möglich und setzt auf echte Projekte mit Dozent/innen aus der Praxis, mehr unter Ausbildung an der Lazi Akademie.

Vergleich & Abgrenzung

MerkmalAllgemeiner Zugang (Meister u. a.)Fachgebundener Zugang (Ausbildung plus Praxis)Schulische Hochschulreife
VoraussetzungAufstiegsfortbildung, Fachschulabschlussmindestens zweijährige Ausbildung, drei Jahre BerufspraxisAbitur, Fachabitur
Prüfungkeine zusätzlicheEignungsprüfung oder Probestudium von mindestens einem Jahrkeine zusätzliche
Fächerwahlalle Fächerfachnahe Studiengängeje nach Art der Hochschulreife
GrundlageKMK-Beschluss 2009 und LandesrechtKMK-Beschluss 2009 und LandesrechtSchulrecht der Länder

Abzugrenzen ist das Studium ohne Abitur vom Studium mit Fachhochschulreife: Wer das Fachabitur hat, studiert nicht „ohne Abitur“ im Sinne der Statistik, sondern mit einer schulischen Zugangsberechtigung.

Häufige Fragen (FAQ)

Kann ich ohne Abitur studieren? Ja, wenn du beruflich qualifiziert bist. Mit Meister, Techniker oder vergleichbarer Fortbildung bekommst du den allgemeinen Hochschulzugang, mit einer mindestens zweijährigen Ausbildung und drei Jahren Berufspraxis nach Eignungsprüfung oder Probestudium einen fachgebundenen. Die Details regelt das jeweilige Land.

Geht ein duales Studium ohne Abitur? Ja, unter denselben Voraussetzungen, denn auch duale Studiengänge verlangen eine Hochschulzugangsberechtigung. Zusätzlich brauchst du einen Vertrag mit einem Partnerunternehmen.

Wie viele Menschen studieren ohne Abitur? Laut CHE waren es 2024 rund 69.200 Studierende, 2,4 Prozent aller Studierenden. 13.073 Erstsemester ohne Abitur bedeuteten einen Anteil von 2,7 Prozent.

Kann ich mit Mittlerer Reife direkt studieren? In der Regel nicht. Ohne schulische Hochschulreife brauchst du eine berufliche Qualifikation nach dem KMK-Beschluss. Alternativ kannst du die Fachhochschulreife oder das Abitur nachholen, siehe Abitur nachholen: Wege, Voraussetzungen und Förderung.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Kultusministerkonferenz (2009): Hochschulzugang für beruflich qualifizierte Bewerber ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung, Beschluss vom 06.03.2009. kmk.org
  • CHE Centrum für Hochschulentwicklung (2026): Aktuelle Entwicklung beim Studium ohne Abitur, Infografik auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamtes 2024. studieren-ohne-abitur.de
  • Bundesministerium der Justiz (2026): Bundesausbildungsförderungsgesetz, §§ 10, 11. gesetze-im-internet.de, abgerufen November 2026
  • Duale Hochschule Baden-Württemberg (2026): Amtliche Bekanntmachungen zur Eignungsprüfung für beruflich Qualifizierte. dhbw.de
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