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Nachhaltiger Druck bezeichnet die Gesamtheit aller Maßnahmen im Druckprozess, die den ökologischen Fußabdruck eines Printprodukts minimieren – von der Papierwahl über Druckfarben und Energieeinsatz bis zur Entsorgung und CO₂-Kompensation.

Rubrik: Drucktechnik & Printproduktion · Unterrubrik: Spezialverfahren · Niveau: Fortgeschritten

Was ist nachhaltiger Druck?

Die Printindustrie ist ein bedeutender Ressourcenverbraucher: Papierproduktion, Druckfarbenherstellung, Energieeinsatz und Entsorgung von Produktionsabfällen haben messbare Umweltauswirkungen. Gleichzeitig ist Papier der einzige industrielle Massenrohstoff mit funktionierendem Kreislaufwirtschaftssystem: In Deutschland werden über 80 % des verbrauchten Papiers recycelt – eine Quote, die kaum ein anderes Material erreicht (Cepi, 2023).

Nachhaltigkeit im Druck ist daher keine binäre Entscheidung (ökologisch oder nicht), sondern eine Frage der richtigen Entscheidungen auf mehreren Ebenen: Welches Papier? Welche Farbe? Welche Energie? Welche Veredlung? Und wie kompensiert man das, was nicht vermeidbar ist?

Erklärung

Papier: Recycling vs. Frischfaser vs. FSC

Recyclingpapier: Aus Altpapier hergestelltes Papier. Das Altpapier wird eingeweicht, zerfasert und in einem Deinking-Prozess von Druckfarben gereinigt. Anschließend werden die Fasern erneut zu Papier verarbeitet.

Vorteile:

  • Bis zu 70 % weniger Energieverbrauch als Frischfaser-Papier (je nach Prozess)
  • Keine Abholzung neuer Wälder
  • CO₂-Einsparung durch Altpapierverwertung

Einschränkungen:

  • Fasern werden durch mehrfaches Recyceln kürzer (Qualitätsverlust nach 5–7 Zyklen)
  • Weiße Recyclingpapiere haben oft leicht gräuliche Tönung (Blendungsminderwert)
  • Hochwertige gestrichene Recyclingpapiere existieren (z. B. Revive, Cocoon), sind aber teurer

Wichtige Recyclingpapier-Labels:

  • Blauer Engel (DE 085): Strengstes deutsches Umweltzeichen für Recyclingpapier. 100 % Altpapier, ohne optische Aufheller. Papiersorten: Recycled Standard.
  • EU Ecolabel (Blume): EU-weites Ökolabel für Recyclingpapiere und Frischfaserpapiere mit strengen Umweltauflagen.
  • Nordic Swan: Skandinavisches Umweltzeichen, verbreitet in Schweden, Finnland, Norwegen.

FSC-Papier (Forest Stewardship Council): FSC-zertifiziertes Papier stammt aus verantwortungsvoll bewirtschafteten Wäldern. Der FSC wurde 1993 gegründet und ist heute das weltweit anerkannteste Zertifizierungssystem für nachhaltige Forstwirtschaft.

FSC-Label-Varianten:

  • FSC 100 %: Alle Fasern aus FSC-zertifizierten Wäldern
  • FSC Mix: Kombination aus FSC-zertifizierten und kontrollierten Holzquellen
  • FSC Recycled: 100 % recycelte Fasern, FSC-zertifizierter Prozess

PEFC (Programme for the Endorsement of Forest Certification): Ähnliches System wie FSC, in Europa ebenfalls verbreitet. Etwas weniger strenge Anforderungen an die Waldzertifizierung; in Deutschland von einigen Umweltverbänden kritisch bewertet.

Druckfarben: Öko-Farben und lösemittelfreie Systeme

Pflanzenölbasierte Farben: Ersetzen petrochemische Mineralöle als Bindemittel durch Sojaöl, Leinöl oder Sonnenblumenöl. Vorteile: geringere VOC-Emissionen, bessere Deinkbarkeit (erleichtert Altpapier-Recycling), erneuerbare Rohstoffbasis.

Label: SoyBased Ink Mark (Soyadruck, USA-Standard), ÖkoPlus (Deutschland).

UV-härtende Farben: UV-Farben sind lösemittelfrei – keine VOC-Emissionen beim Trocknen. Energieeffizient durch schnelle Aushärtung. Kritik: UV-Monomer-Inhaltsstoffe sind nicht vollständig unbedenklich; Deinkbarkeit eingeschränkt.

LED-UV-Farben: Modernere Weiterentwicklung: UV-LED-Lampen (kein Quecksilber, weniger Energieverbrauch als konventionelle UV-Trockner). Kombiniert Vorteile von UV-Druck mit verbesserter Energieeffizienz.

Wasserbasisige Farben (Flexo, Inkjet): Vor allem in Verpackungsdruck und Großformatdruck. Geringere VOC-Emissionen; in manchen Systemen vollständig ohne Lösemittel.

Zertifizierungen für Druckereien

FSC/PEFC Chain-of-Custody (CoC): Druckereien mit FSC-CoC-Zertifikat dürfen FSC-Logo auf ihren Erzeugnissen verwenden. Voraussetzung: Zertifizierungsaudit durch akkreditierten Zertifizierer (z. B. SGS, Bureau Veritas). Jährliche Überwachungsaudits.

ISO 14001 (Umweltmanagementsystem): Rahmenstandard für Umweltmanagementsysteme. Druckereien mit ISO-14001-Zertifizierung haben systematisches Umweltmanagement implementiert.

EMAS (Eco-Management and Audit Scheme): Strengeres EU-Umweltmanagementsystem, das zusätzlich eine öffentliche Umwelterklärung erfordert. Weitergehend als ISO 14001.

Cradle to Cradle (C2C): Produktdesign-Philosophie, die Materialkreisläufe vollständig schließt. Im Druckbereich noch wenig verbreitet, aber Pionierprodukte existieren (z. B. C2C-zertifiziertes Papier von Steinbeis).

CO₂-Fußabdruck und Klimaneutralität

Verschiedene Initiativen ermöglichen klimaneutrale Printprodukte:

  • ClimatePartner: Berechnung des CO₂-Fußabdrucks und Kompensation durch zertifizierte Klimaschutzprojekte.
  • Natureoffice: Ähnliches System für Print und andere Industrien.
  • PSO (Prozess Standard Offsetdruck): Reduziert durch standardisierte Druckprozesse unnötigen Papier- und Farbverbrauch (ISO 12647-2).

Klimaneutraler Druck ist eine Kombination aus:

  1. Reduktion (weniger Energie, Recyclingpapier, pflanzliche Farben)
  2. Effizienz (PSO-standardisierter Druck, LED-UV, energieeffiziente Druckmaschinen)
  3. Kompensation (für nicht vermeidbare Emissionen)

Nachhaltige Veredelung

Veredlungsverfahren und Recyclingfähigkeit:

  • Dispersionslack: Gut recycelbar, deinkierbar
  • Kaschierung: Problematisch (Verbundstoff Papier + Kunststoff)
  • Folienprägung: Geringe Metallmengen; Recycling möglich, aber aufwändig
  • UV-Lack: Eingeschränkt deinkierbar

Nachhaltige Alternativen:

  • Öllacke (pflanzliche Basis) statt UV-Lack für Schutzzwecke
  • Monomaterial-Kaschierfolien (PP auf PP = recyclebar)
  • Verzicht auf Folienveredlung zugunsten einfacher Lacke

Beispiele

  • Bundesministerien: Fast alle Bundesministerien in Deutschland schreiben für Druckerzeugnisse den Blauen Engel vor (Rahmenvertrag Bundesdruck).
  • Bertelsmann: Der Medienkonzern veröffentlicht jährliche Nachhaltigkeitsberichte und druckt Geschäftsberichte auf FSC-Papier.
  • Umweltbundesamt: Alle Publikationen auf 100 % Recyclingpapier (Blauer Engel), klimaneutral kompensiert.
  • Paper Road (öko-Fachpapierhandel): Empfehlung für Kreativagenturen zu nachhaltigen Papieren und deren Druckeigenschaften.

In der Praxis

Ausschreibung nachhaltiger Druckaufträge

Anforderungen an Druckunternehmen:

  • FSC/PEFC-CoC-Zertifikat (Pflichtnachweis)
  • ISO 14001 oder EMAS (bevorzugt)
  • Nachweis pflanzlicher oder UV-Druckfarben
  • CO₂-Kompensationsnachweise für klimaneutrale Aufträge

Papierwahl in der Praxis

Empfehlungsmatrix:

AnwendungNachhaltige Empfehlung
Bürokorrespondenz100 % Recycling, Blauer Engel
Broschüren/KatalogeFSC Mix oder FSC 100 %
KunstdruckeFSC-zertifiziertes Kunstdruckpapier
VerpackungenFSC-Karton oder Recycling-Karton
HochzeitseinladungenBaumwollpapier (oft FSC oder bio-basiert)

Vergleich & Abgrenzung

KriteriumRecyclingpapierFSC-PapierKonventionell
WaldschutzKein FrischholzZertifiziertFraglich
Energieverbrauch30–70 % wenigerVergleichbarReferenz
DruckqualitätLeicht eingeschränktGleich gutReferenz
CO₂-FußabdruckDeutlich geringerEtwas geringerReferenz
RecycelbarkeitHochHochHoch

Häufige Fragen (FAQ)

Ist FSC dasselbe wie Recyclingpapier? Nein. FSC bedeutet, dass das Frischholz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Recyclingpapier enthält ausschließlich Altpapierfasern. Beides ist nachhaltig, aber auf unterschiedliche Weise.

Kann man auf Recyclingpapier genauso gut drucken wie auf Frischfaserpapier? Moderne Recyclingpapiere (Revive, Cocoon, Steinbeis) sind für Offsetdruck und Digitaldruck geeignet. Für höchste Farbbrillanz und extrem dünne Lagen ist gestrichenes Frischfaserpapier noch überlegen.

Was bedeutet „klimaneutraler Druck" konkret? Der CO₂-Fußabdruck des Druckprozesses (Energie, Transport, Material) wird berechnet und durch Investitionen in zertifizierte Klimaschutzprojekte ausgeglichen. Das Druckerzeugnis selbst ist nicht physisch CO₂-neutral – die Emissionen werden kompensiert.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Cepi (Confederation of European Paper Industries): Key Statistics 2022. Brüssel 2023.
  • Forest Stewardship Council (FSC): Einführung in das FSC-System. Bonn 2022.
  • Umweltbundesamt (UBA): Ökologisch Drucken: Leitfaden für Auftraggeber. Dessau 2020.
  • Coppins, Jessica: The Sustainable Printing Handbook. Laurence King, London 2013.
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