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Historienfilm ist eine Filmgattung, die in vergangenen Epochen angesiedelt ist und historische Ereignisse, Figuren oder Gesellschaften rekonstruiert, interpretiert oder als dramaturgische Kulisse nutzt.

Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Filmgattungen · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Kostümfilm, Historisches Drama, Period Film, Historienepos, Period Piece

Was ist ein Historienfilm?

Der Historienfilm siedelt seine Handlung in einer historisch mehr oder weniger klar benennbaren Vergangenheit an. Er kann historische Ereignisse möglichst getreu nacherzählen, historische Figuren in fiktionale Handlungen einbetten oder eine frei erfundene Geschichte in historischer Kulisse erzählen. Das Gemeinsame ist die historische Zeitlichkeit: Kostüm, Architektur, Sprache und gesellschaftliche Verhältnisse vergangener Epochen geben dem Film sein spezifisches Ambiente. Der Historienfilm steht immer im Spannungsfeld zwischen historischer Genauigkeit und dramaturgischer Freiheit.

Erklärung

Der Historienfilm ist so alt wie das Kino selbst. Bereits in der Stummfilmzeit produzierten amerikanische, europäische und nicht zuletzt deutsche Studios aufwendige Historienepen: Cabiria (Giovanni Pastrone, 1914) und D. W. Griffiths Intolerance (1916) etablierten die Form des antiken Spektakelfilms. In den 1950er und 1960er Jahren erlebte der Historienfilm in Hollywood eine Phase monumentaler Produktionen (Ben-Hur, 1959; Spartacus, 1960; Cleopatra, 1963), die enorme Budgets verschlangen und auf breit internationale Publika zielten.

Inhaltlich lassen sich mehrere Subformen unterscheiden:

  • Antikenfilm / Sandalenfilm: Antikes Griechenland, Rom, Ägypten (Gladiator, 2000; Troy, 2004)
  • Mittelalter-Film: Ritterepen, Kirchengeschichte, Feudalgesellschaft (Braveheart, 1995; Das Name der Rose, 1986)
  • Kostümdrama: Gesellschaftskritisches Drama im historischen Kleid, oft 18.–19. Jh. (Barry Lyndon, 1975; Pride & Prejudice, 2005)
  • Historisches Kriegsdrama: Militärische Konflikte als zentrales Thema (vgl. Kriegsfilm)
  • Zeitgeschichtlicher Film: Jüngere Vergangenheit (20. Jahrhundert), z. B. Weimarer Republik, NS-Zeit, DDR

Für das deutschsprachige Kino ist der zeitgeschichtliche Historienfilm von besonderer Bedeutung: Die Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Holocaust (Schindlers Liste, 1993; Der Untergang, 2004; Napola, 2004) sowie der DDR-Geschichte (Das Leben der anderen, 2006; Good Bye, Lenin!, 2003) hat eine eigene Tradition entwickelt, die internationale Anerkennung fand.

Historienfilme stellen besondere Anforderungen an Produktion und Recherche: Ausstattung (Kostüm, Set, Requisite), Sprache und historische Akkuratesse müssen sorgfältig geplant werden. Historische Beraterinnen und Berater sind bei seriösen Produktionen üblich. Gleichzeitig nutzen die meisten Historienfilme künstlerische Freiheit: Sie komprimieren Zeiträume, erfinden Dialoge oder verändern historische Abläufe im Dienst der Dramaturgie.

Die Frage der historischen Verantwortung ist im Historienfilm stets präsent: Was bedeutet es, ein historisches Trauma zu dramatisieren? Wie kann man historische Komplexität in einem 120-minütigen Narrativ vermitteln? Diese Fragen beschäftigen Filmwissenschaft, Geschichtsdidaktik und öffentliche Debatten gleichermaßen.

Beispiele

  1. Der Untergang – Oliver Hirschbiegel, 2004 (Hitlers letzte Tage, kontrovers diskutiert, international erfolgreich)
  2. Das Name der Rose – Jean-Jacques Annaud, 1986 (Mittelalter-Thriller, Umberto-Eco-Adaption)
  3. Barry Lyndon – Stanley Kubrick, 1975 (18. Jahrhundert, Meisterwerk der Ausstattung und Lichtführung)
  4. Schindlers Liste – Steven Spielberg, 1993 (Holocaust-Drama, Oscar-Gewinner, globale Wirkung)
  5. Good Bye, Lenin! – Wolfgang Becker, 2003 (DDR-Wendezeit als warmherzige Komödie und Erinnerungsfilm)

In der Praxis

Historienfilme gehören zu den kostspieligsten Produktionen, da Ausstattung, Kostüme und Location-Aufwand erheblich sind. Für Low-Budget-Produktionen empfiehlt sich die Konzentration auf zeitgeschichtliche Themen, die noch keine aufwendige Kulissen-Rekonstruktion erfordern: Die jüngere Vergangenheit (1950er bis 1990er Jahre) lässt sich mit erhaltenen Alltagsgegenständen und zugänglichen Locations kostengünstig darstellen. Museen, historische Gebäude und Freilichtbühnen kooperieren oft mit Filmproduktionen.

Für Filmhochschulprojekte bieten sich speziell DDR-Geschichte, Nachkriegszeit oder die 1970er/1980er Jahre als gut erreichbare historische Settings an.

Vergleich & Abgrenzung

Der Dokumentarfilm kann historische Themen aufgreifen, nutzt dafür aber dokumentarisches Material (Archivaufnahmen, Zeitzeugen) statt Inszenierung. Das Biopic ist ein Sonderfall des Historienfilms, der auf eine historische Person fokussiert. Der Kriegsfilm überschneidet sich mit dem Historienfilm, wenn er historische Konflikte darstellt, ist aber durch seine Fokussierung auf den Krieg als solchen definiert. Der Stummfilm produzierte schon früh umfangreiche Historienepen, die als Vorläufer des modernen Historienfilms gelten.

Häufige Fragen (FAQ)

Was unterscheidet Historienfilm von Dokumentarfilm? Der Historienfilm inszeniert historische Ereignisse mit Schauspielerinnen und Schauspielern und dramaturgischen Mitteln; er ist fiktional, auch wenn er historische Fakten nutzt. Der Dokumentarfilm zeigt historische Realität durch Archivmaterial, Zeitzeugeninterviews und nicht-inszenierte Aufnahmen. Beide Formen können komplementär verwendet werden; manche Produktionen verbinden Spielfilm-Inszenierung mit dokumentarischen Elementen (Shoah, 1985, ist rein dokumentarisch; Der Untergang ist rein fiktional; Im Labyrinth des Schweigens, 2014, ist fiktionaler Historienfilm auf dokumentarischer Grundlage).

Wie wird Historienfilm gefördert/finanziert? Historienfilme zu deutschen zeitgeschichtlichen Themen werden oft durch öffentlich-rechtliche Sender (ARD, ZDF, arte) als Koproduktionen mitfinanziert, da das Themenfeld des kollektiven Gedächtnisses als kultureller Auftrag gilt. FFA und Landesfilmförderungen sind ebenfalls zugänglich. Für aufwendige Ausstattungsfilme ist die Zusammenarbeit mit Kostüm- und Szenenbildhochschulen sowie Filmmuseen eine kostengünstige Ressource.

Weiterführend

  • Rosenstone, Robert A.: History on Film / Film on History. Harlow: Pearson Longman, 2006.
  • Rother, Rainer (Hrsg.): Bilder schreiben Geschichte. Der Historiker im Kino. Berlin: Wagenbach, 1991.
  • Krämer, Peter: Das Neue Hollywood. Von Bonnie and Clyde bis Star Wars**. Marburg: Schüren, 2011.
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