Die Amerikanische Einstellung ist eine Einstellungsgröße, die Figuren von etwa der Mitte des Oberschenkels bis zum Kopf zeigt und ihren Ursprung im amerikanischen Western-Film hat, wo der Holster am Gürtel sichtbar sein musste.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Kamerasprache · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: American Shot, Plan Américain (frz.), Cowboy Shot, Dreivierteleinstellung
Was ist die Amerikanische Einstellung?
Die Amerikanische Einstellung — im Englischen oft American Shot oder Cowboy Shot — ist eine Einstellungsgröße, die zwischen der Halbtotalen und der Halbnahen liegt. Sie zeigt eine Person von ungefähr der Mitte des Oberschenkels nach oben. Der Name ist ein Tribut an das amerikanische Kino und speziell an das Western-Genre, das diese Einstellungsgröße populär machte und ihr ihre charakteristische Funktion gab.
Im Stufensystem der Einstellungsgrößen ist die Amerikanische Einstellung eine Zwischenstufe, die im deutschsprachigen Raum manchmal auch als Dreivierteleinstellung bezeichnet wird. Im internationalen Produktionsalltag hat sich der Begriff American Shot oder Cowboy Shot durchgesetzt — auch in deutschen Produktionen ist dieser englische Begriff am Set gebräuchlich.
Erklärung
Der Ursprung der Amerikanischen Einstellung ist eng mit dem Western-Genre verknüpft. In Duell- und Schusswechsel-Szenen musste die Kamera zeigen können, wie ein Revolverheld die Hand zum Holster am Oberschenkel führt und die Waffe zieht. Eine engere Einstellung hätte den Holster aus dem Bild geschnitten; eine weitere hätte die Intensität der Mimik verloren. Die Amerikanische Einstellung löste dieses dramaturgische Problem: Der Holster ist sichtbar, das Gesicht ist erkennbar, und die Spannung des Augenblicks ist fassbar.
Diese praktische Herkunft hat die Einstellung über das Western-Genre hinaus geprägt. Die Amerikanische Einstellung eignet sich für alle Situationen, in denen Hände und Gürtelbereich dramaturgisch wichtig sind: Wenn eine Figur einen Brief aus der Tasche zieht, einen Schlüssel sucht, eine Waffe greift oder eine Geste auf Hüfthöhe macht. Sie ist weiter als die Halbnahe, aber enger als die Halbtotale und damit ein vielseitiges Werkzeug.
Dramaturgisch vermittelt die Amerikanische Einstellung Handlungsbereitschaft. Die Figur steht aufrecht und handlungsfähig im Bild; das Publikum sieht, was sie in den Händen hält und wie sie sich positioniert. Dies macht die Einstellung besonders in Action-Szenen, Thriller-Momenten und Konfliktsituationen wirksam.
Technisch entspricht die Amerikanische Einstellung in der Regel einer Normalbrennweite auf mittlerer Distanz zur Figur. Wie bei allen Einstellungsgrößen gilt: Der Effekt entsteht durch das Verhältnis von Kameraabstand und Brennweite, nicht allein durch eine der beiden Variablen (Mercado, 2011).
Beispiele
- Once Upon a Time in the West (Sergio Leone, 1968): Leones Meisterwerk des Italo-Western nutzt die Amerikanische Einstellung für seine legendären Duell-Sequenzen. Die Hand am Holster, der Schweiß auf der Stirn, der Blick zwischen den Kontrahenten — alles sichtbar in einer Einstellung.
- No Country for Old Men (Joel und Ethan Coen, 2007): Anton Chigurhs bedrohliche Präsenz wird oft durch die Amerikanische Einstellung verstärkt — das Publikum sieht seine Hände und seinen Körper, ohne die emotionale Distanz einer Totalen zu haben.
- Deadpool (Tim Miller, 2016): Action-Comedy-Szenen nutzen die Amerikanische Einstellung, um Deadpools charakteristische Körpersprache und Waffenträgerei sichtbar zu machen, während gleichzeitig genug Gesicht für seine One-Liner sichtbar bleibt.
- Inglourious Basterds (Quentin Tarantino, 2009): Die Schusswechsel-Szenen sind klassisch im Cowboy-Shot-Stil gefilmt — eine bewusste Hommage an das amerikanische Western-Kino, das Tarantino als Regisseur tief geprägt hat.
- Star Wars: A New Hope (George Lucas, 1977): Die Duelle zwischen Han Solo und anderen Schützen nutzen Amerikanische Einstellungen, die Lucas bewusst als Hommage an das Western-Genre einsetzte — Science-Fiction als moderner Western im All.
In der Praxis
In der Produktionspraxis ist die Amerikanische Einstellung oft eine pragmatische Wahl zwischen verschiedenen Einstellungsgrößen. Sie bietet:
- Flexibilität beim Schnitt: Die Amerikanische Einstellung lässt sich gut mit Halbtotalen (weiter) und Halbnahen (enger) kombinieren. Beim Schnitt wirken die Übergänge fließend und logisch.
- Handlungsfreiheit für Schauspieler: Da Hände und Gürtelbereich sichtbar sind, können Schauspieler Requisiten nutzen, Gesten auf Hüfthöhe machen und ihren gesamten Oberkörper expressiv einsetzen.
- Interview-Eignung: In dokumentarischen und journalistischen Produktionen ist die Amerikanische Einstellung für Interviews beliebt, weil sie Interviewpartner solide und handlungsfähig zeigt — nicht zu distanziert wie die Halbtotale, nicht zu nah wie die Halbnahe.
- Social-Media-Format: Auf Formaten wie Instagram Reels oder TikTok, wo Hochformat dominiert, ist die Amerikanische Einstellung eine gute Wahl, weil sie genug Körper zeigt, um den Raum zu füllen, ohne dass der Kopf zu weit oben oder unten im Frame sitzt.
Ein häufiger Fehler ist das Abschneiden genau am Knie oder am Knöchel — sogenannte schlechte Schnittlinien, die anatomisch unangenehm wirken. Die Amerikanische Einstellung schneidet bewusst mitten am Oberschenkel ab, was anatomisch neutral ist und das Auge nicht stört (Arijon, 1991).
Vergleich & Abgrenzung
| Begriff | Schnittlinie | Herkunft |
|---|---|---|
| Halbtotale | ab Knie | allgemeiner Filmstandard |
| Amerikanische Einstellung | ab Oberschenkel-Mitte | Western-Genre |
| Halbnahe | ab Hüfte | Dialogszenen |
Die Halbtotale zeigt etwas mehr Bein und gibt dem Bild mehr Raum. Die Halbnahe beginnt erst bei der Hüfte und betont den Oberkörper stärker. Die Amerikanische Einstellung liegt exakt zwischen diesen beiden und hat ihren eigenen dramaturgischen Rhythmus.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum heißt die Einstellung "amerikanisch" und nicht "Western-Einstellung"? Der Begriff Plan Américain stammt aus dem französischen Filmkritik-Diskurs, der diese für den amerikanischen Film typische Einstellung als nationales Merkmal identifizierte. Europäische Filmkritiker sahen sie als Charakteristikum des Hollywood-Stils — daher der Name. Im amerikanischen Kino selbst spricht man eher von Cowboy Shot.
Wird die Amerikanische Einstellung heute noch relevant verwendet? Ja, aber ihr Bezug zum Western-Genre ist weniger dominant. Heute ist sie eine universelle Einstellungsgröße für Situationen, in denen Hände und Körpermitte dramaturgisch relevant sind. Action-Filme, Thriller und Drama nutzen sie gleichermaßen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Mercado, G. (2011). The Filmmaker's Eye: Learning (and Breaking) the Rules of Cinematic Composition. Focal Press.
- Arijon, D. (1991). Grammar of the Film Language. Silman-James Press.
- Brown, B. (2012). Cinematography: Theory and Practice. Focal Press.
