Grading-Workflow beschreibt die strukturierte, node-basierte Farbkorrektur und -gestaltung in DaVinci Resolve – von der technischen Primärkorrektur über selektive PowerWindows und Qualifier-Korrekturen bis zur Look-Verwaltung in der Gallery.
Rubrik: Film & Mediendesign · Unterrubrik: Postproduktion · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Color Grading, DI (Digital Intermediate), Farbkorrektur-Workflow
Was ist ein Grading-Workflow?
Ein Grading-Workflow ist der systematische Prozess, mit dem ein Colorist die Farbgebung eines Films oder Videos gestaltet – von der technischen Grundnormierung (Primary Correction) über kreative Gestaltung (Secondary Correction, Look) bis zur plattformspezifischen Ausgabe.
DaVinci Resolve ist heute das dominierende Werkzeug für professionelles Grading und bietet mit seinem node-basierten Ansatz eine einzigartige Möglichkeit, Farbkorrekturen in strukturierten, nicht-destruktiven Verarbeitungsketten aufzubauen.
Erklärung
Das Node-System in DaVinci Resolve
Das Herzstück des DaVinci-Resolve-Gradings sind Nodes (Knoten). Im Gegensatz zu einem Layer-System (wie in Adobe Photoshop) ist jeder Node eine diskrete Farbverarbeitungseinheit, die ihren Output an den nächsten Node weitergibt.
Node-Typen:
| Node-Typ | Funktion | Symbol |
|---|---|---|
| Serial Node | Sequenzielle Verarbeitung (Standard) | →→→ |
| Parallel Node | Mehrere Korrekturen, additive Verrechnung | ‖ |
| Layer Node | Korrekturen überlagern (wie Layer-Blending-Modes) | ☰ |
| Splitter/Combiner | RGB-Kanäle trennen und rekombinieren | ⊕ |
| Outside Node | Korrektur nur außerhalb einer Maske/Qualifier | ⊃ |
Typische Node-Struktur (Grundlayout):
`` [001 CST Input] → [002 Exposure/Balance] → [003 Contrast/Curves] ↓ [004 PowerWindow Gesicht] → [005 Qualifier Himmel] ↓ [006 Look/Creative] → [007 Output CST] ``
- Node 001: Color Space Transform (Input CST) – konvertiert Kamera-Log zu Grading-Farbraum
- Node 002: Primäre Belichtungskorrektur (Lift/Gamma/Gain)
- Node 003: Tonkurven, Contrast
- Node 004: PowerWindow für Gesicht (selektive Hautton-Korrektur)
- Node 005: Qualifier für Himmelsbereich
- Node 006: Creative Look (LUT, S-Curve, Color Wheels)
- Node 007: Output CST – Ausgabe in Ziel-Farbraum
PowerWindows – Selektive Bereiche
PowerWindows sind geometrische Masken in DaVinci Resolve, die Korrekturen auf bestimmte Bildbereiche beschränken. Verfügbare Formen:
- Viereck: für Horizonte, Himmelspartien, Bodenregionen
- Kreis/Ellipse: für Gesichter, Gegenstände
- Polygon: für komplexe, freigezeichnete Formen
- Gradient: weicher Übergang von einem Bereich zum anderen (Himmel ↔ Boden)
- Bezier-Kurve: freie Formen mit kontrollierbaren Ankerpunkten
Tracking: PowerWindows können automatisch einem bewegten Objekt (z. B. einem Gesicht) folgen. DaVinci Resolve nutzt dafür seinen internen Tracker (Punkt-Tracking oder Planar-Tracking) oder den FX-Tracker (neuronales Netz in DaVinci Neural Engine).
Soft Edge: Jede PowerWindow hat eine einstellbare Weichheit (Softness) am Rand, um harte Übergänge zu vermeiden.
Typische Anwendung: Ein Gesicht in einer Szene soll aufgehellt werden, ohne den Hintergrund zu beeinflussen → Elliptische PowerWindow über das Gesicht setzen, Tracking aktivieren, Lift/Gain erhöhen.
Qualifier – Farbbasierte Selektion
Ein Qualifier selektiert Bildbereiche nicht nach geometrischer Form, sondern nach Farb-, Sättigungs- und Helligkeitswerten. DaVinci Resolve bietet drei Qualifier-Typen:
HSL Qualifier (Hue/Saturation/Luminance):
- Selektiert Pixel, die innerhalb definierter Bereiche für H, S und L liegen
- Weiche Ränder durch Falloff-Kurven einstellbar
- Typische Anwendung: Himmelblau selektieren und tiefer/kühler machen, ohne den Rest zu beeinflussen
3D Qualifier:
- Leistungsfähiger als HSL; arbeitet im 3D-Farbraum
- Robuster bei ähnlichen Farbtönen in verschiedenen Helligkeiten
Luminance Qualifier:
- Selektiert nur nach Helligkeitswerten (Shadows, Midtones, Highlights)
- Für gezielte Schatten- oder Highlight-Korrekturen
Kombination PowerWindow + Qualifier: Besonders mächtig: PowerWindow begrenzt den Suchbereich, Qualifier verfeinert die Auswahl. Beispiel: PowerWindow über den Himmel, Qualifier selektiert nur das Blau (nicht Wolken), gezielte Farbverschiebung.
Primär- und Sekundärkorrektur
Primärkorrektur (Primary Correction): Die globale Grundkorrektur des gesamten Frames – technische Normierung:
- Weißabgleich (Neutralisierung von Color Casts)
- Belichtungskorrektur (Luma, Blacks/Whites)
- Kontrastverhältnis (Kontrastkurve, S-Kurve)
Werkzeuge: Lift/Gamma/Gain (klassisch, wirkt getrennt auf Schatten/Mitten/Lichter), Log Wheels (für log-Material), Curves (Tonwertkurven)
Sekundärkorrektur (Secondary Correction): Selektive Korrekturen nach der Primärkorrektur:
- PowerWindows für räumliche Selektion
- Qualifier für farbbasierte Selektion
- Vignetten für atmosphärische Verdunklung
Gallery – Look-Verwaltung
Die Gallery in DaVinci Resolve ist das Verwaltungssystem für gespeicherte Grades (Stills und PowerGrades):
- Stills: Snapshot des gesamten Node-Baums und seiner Werte für einen Shot
- PowerGrades: Exportierbare Grade-Presets, die zwischen Projekten übertragen werden können (enthalten Node-Struktur + Korrekturen, aber keine Shot-spezifischen Einstellungen)
- Versions: Jeder Shot kann mehrere Grading-Versionen haben (z. B. "Director Version", "Colorist Version", "HDR Version")
Workflow mit Gallery:
- Referenz-Shot graden (oft die erste gut ausgeleuchtete Einstellung)
- Still/PowerGrade in Gallery speichern
- Auf ähnliche Shots über Apply Grade übertragen
- Individuelle Anpassungen pro Shot
Color Match und AutoColor
DaVinci Resolve bietet zwei KI-gestützte Funktionen:
- Color Match: Analysiert Referenz-Frame und passt Farben des Ziel-Shots automatisch an
- AutoColor: Automatische Primärkorrektur basierend auf Bildanalyse (Weißabgleich, Belichtung)
Diese dienen als Ausgangspunkt, nicht als Endresultat – manuelle Feinkorrektur ist immer nötig.
Beispiele
- Spielfilm-Grading: Colorist beginnt mit CST-Node (ARRI LogC → ACEScc), graded Shot für Shot, nutzt PowerGrades aus der Gallery für Szenen-Konsistenz, schließt mit Output-CST (Rec. 709).
- Werbefilm mit Hauttonkorrektur: Bei einem Model-Spot werden alle Gesichts-Shots mit Qualifier (Hauttöne) und PowerWindow (Ellipse, getrackt) gezielt aufgehellt, ohne den Hintergrund zu beeinflussen.
- Himmelsverstärkung: Documentary über Landschaft – Qualifier selektiert Himmelsblau, Farbe wird gesättigter und tiefer (Gain runter, Saturation hoch), PowerGrade als Template für alle Outdoor-Shots.
- Teal-and-Orange-Look: Kreativer Look für Action-Film; in einem Layer-Node wird die Teal-Farbe im Dunkelbereich verstärkt (Qualifier auf Schatten + Orange entfernen) und Orange in Mitten/Lichtern betont.
- HDR-Mastering: Nach SDR-Grade wird ein paralleler Node-Baum für HDR (Rec. 2020 PQ, 1000 Nit) erstellt; Highlights werden im HDR-Baum zurückgeholt und der Look angepasst.
In der Praxis
Monitorkalibrierung ist Pflicht
Grading auf einem unkalibierten Monitor ergibt keine verlässlichen Ergebnisse. Mindestanforderungen:
- Kalibrierter Monitor (Sony BVM, Flanders Scientific, EIZO CG) oder LUT-Box (Teranex, Colourfront)
- Regelmäßige Kalibrierung mit Spektrophotometer (X-Rite, Klein)
- Correcte Umgebungsbeleuchtung (5000K, dim – nach ISO 3664)
Scopes nutzen
Grading nach Augenmaß allein ist unsicher. DaVinci Resolve bietet:
- Waveform (Luminanzpegel): zeigt Helligkeit über die Bildbreite
- Parade (RGB getrennt): zeigt Farbkanäle einzeln für Weißabgleich-Kontrolle
- Vectorscope: zeigt Farbsättigung und Farbton als 2D-Diagramm
- Histogram: Helligkeitsverteilung
Vergleich & Abgrenzung
| Ansatz | Software | Stärke | Typische Verwendung |
|---|---|---|---|
| Node-basiert | DaVinci Resolve | Mächtig, strukturiert | Kinofilm, Broadcast |
| Layer-basiert | Adobe Premiere | Einfach, vertraut | Web, Kleinproduktionen |
| LUT-only | Alle NLEs | Schnell, konsistent | Schnelle Deliverables |
| Avid Symphony | Avid MC | Broadcast-integriert | News, Broadcast |
Häufige Fragen (FAQ)
Wie viele Nodes braucht ein typischer Shot? Das hängt von der Komplexität ab. Ein einfacher Shot braucht 3–5 Nodes (CST, Primär, Look, Output). Ein komplexer Shot mit mehreren selektiven Korrekturen kann 10–20+ Nodes haben. Wichtiger als die Anzahl ist die Lesbarkeit: Nodes klar benennen und gruppieren.
Was ist der Unterschied zwischen Farbkorrektur und Grading? Farbkorrektur (Color Correction) bezeichnet technische Anpassungen: Weißabgleich, Belichtungsnormierung, Farbabtastung korrigieren. Grading (Color Grading) bezeichnet die kreative Farbgestaltung: Look entwickeln, Stimmung erzeugen, Farbpalette definieren. In der Praxis werden beide Schritte im Grading-Workflow kombiniert.
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Weiterführend
- Hurkman, Alexis Van: Color Correction Handbook. 2. Aufl. Peachpit Press, 2014.
- Hullfish, Steve: The Art and Technique of Digital Color Correction. 2. Aufl. Focal Press, 2012.
- Blackmagic Design: DaVinci Resolve Manual. Blackmagic Design Pty. Ltd., 2024.
- Poynton, Charles: Digital Video and HD: Algorithms and Interfaces. 2. Aufl. Elsevier, 2012.
