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Character Design (deutsch: Figurengestaltung) ist der kreative und gestalterische Prozess der Entwicklung einer fiktiven Figur – von der konzeptuellen Idee über Silhouette und Proportionen bis hin zu Persönlichkeit, Kostüm und Ausdrucksvokabular.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Illustration & Digital Art · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Charakterdesign, Figurendesign, Character Art, Character Development

Was ist Character Design?

Eine überzeugende Figur ist mehr als eine technisch korrekte Zeichnung – sie ist ein System aus Form, Farbe, Kontur und Haltung, das Persönlichkeit, Funktion und narrative Rolle sofort kommuniziert. Character Design ist die Disziplin, die diese visuellen Zeichensysteme entwickelt.

Character Design ist in der Animation, im Spielebereich, in Kinderbuch-Illustration, im Comic und im Toy-Design zuhause. Mit dem Wachstum der Games- und Streaming-Industrie hat es sich zu einem eigenständigen, hochspezialisierten Berufsfeld entwickelt.

Erklärung

Das Prinzip der Silhouette

Die Silhouette-Lesbarkeit gilt als wichtigstes Qualitätsmerkmal im Character Design. Ein gut entworfener Charakter ist in schwarzer Silhouette sofort erkennbar – ohne Farbe, Linie oder Textur. Dieses Prinzip stammt aus der frühen Disney-Animation und wird von Meistern wie Preston Blair (Animation, 1949) und Will Eisner (Comics and Sequential Art, 1985) beschrieben.

Praktische Anwendung: Charaktere werden als schwarze Schablone auf weißem Grund gezeichnet und auf Lesbarkeit überprüft. Runde Formen signalisieren Wärme, Freundlichkeit und Kindlichkeit; eckige Formen Stärke, Stabilität oder Aggression; spitze Formen Gefahr, Schnelligkeit oder Heimtücke. Diese semiotische Formsprache liegt jedem erfolgreichen Character Design zugrunde (Thomas/Johnston, The Illusion of Life, 1981).

Proportionen und Stilisierung

Verschiedene Proportionssysteme erzeugen unterschiedliche Ästhetiken und Zielgruppen-Ansprachen:

Realistische Proportion (7–8 Kopfhöhen): Für erwachsene, ernste Erzählungen in Games (z.B. The Last of Us) oder Action-Serien. Nahe am anatomischen Ideal.

Heroische Proportion (8–9 Kopfhöhen): Überhöhte Idealform für Superhelden und Action-Figuren. Breite Schultern, schlanke Hüfte, großer Kopf.

Cartoon-Proportion (3–5 Kopfhöhen): Für Animationsserien, Kinderbuch-Illustration und Casual Games. Große Köpfe, kleine Körper, große Augen kommunizieren Jugend und Sympathie.

Super Deformed (SD) / Chibi (1–2 Kopfhöhen): Extremes Süßlichkeit-Konzept aus dem Manga/Anime-Bereich. Riesiger Kopf, rudimentärer Körper.

Persönlichkeit durch Form und Farbe

Character Design ist psychologisch fundiert: Farben tragen kulturell kodierte Bedeutungen. Im westlichen Kulturraum signalisiert Rot Energie/Gefahr, Blau Zuverlässigkeit/Ruhe, Grün Natur/Unheimlichkeit. Kostüm und Accessories charakterisieren Funktion und gesellschaftlichen Status.

Körpersprache und typische Pose ("Signature Pose") sind ein Teil jedes abgeschlossenen Character Sheets: Eine Figur, die immer leicht nach vorne gebeugt steht, kommuniziert Neugier; eine, die die Arme verschränkt, Abwehr.

Das Character Sheet

Ein professionelles Character Sheet enthält:

  • Turnaround / Model Sheet: Figur in Front-, 3/4-, Seiten- und Rückenansicht, in einheitlicher Größe für 3D-Modellatoren
  • Expression Sheet: Gesichtsausdrücke (Freude, Wut, Überraschung, Angst, Trauer, Ekel nach Paul Ekman)
  • Pose Sheet: 3–6 charaktertypische Körperhaltungen
  • Scale Chart: Größenvergleich mit anderen Figuren der Serie/des Spiels
  • Color Reference: Exakte Farbwerte (HEX, Pantone) für konsistente Reproduktion

Workflow

  1. Briefing und Research: Welche Rolle spielt die Figur? Welches Genre? Welche Zielgruppe?
  2. Keyword-Exploration: Wörter, die die Figur beschreiben (z.B. "verschlagen, flink, misstrauisch")
  3. Silhouetten-Thumbnails: 20–50 schnelle Silhouetten in 5–10 Minuten
  4. Rough Concepts: Ausgewählte Silhouetten ausarbeiten
  5. Review und Iteration: Feedback einarbeiten, Varianten entwickeln
  6. Final Design und Character Sheet: Komplettes technisches Dokument erstellen

Beispiele

  • Mario (Nintendo): Die Kappe statt Haare (schwieriger zu animieren), Schnauzbart statt Mund-Animation, Latzhose zur Körperformbetonung – jedes Element ist eine designtechnische Entscheidung
  • Elsa (Frozen, Disney, 2013): Die Transformation vom Königinnen-Design mit strukturierten Formen zu fließenden, weichen Formen bei der Verwandlung kommuniziert den inneren Wandel
  • Geralt von Rivia (The Witcher 3): Die charakteristische weiße Haarmähne als unmittelbare Erkennungssilhouette

In der Praxis

Für den Einstieg empfehlen sich Bücher von Preston Blair (Animation) und die "Character Design Academy" (Richard Lico, Online-Kurs). ArtStation ist die wichtigste Portfolioplattform; ein Character Design-Portfolio sollte mindestens drei vollständige Character Sheets mit je einer Zielgruppen-Begründung zeigen.

Vergleich & Abgrenzung

Konzeptart nutzt Character Design als Teilbereich der breiteren Welt-Entwicklung. Character Design ist spezifischer und endet mit einem produktionstauglichen Sheet. Editorial Illustration zeigt Figuren in Szene, gestaltet sie aber nicht als eigenständiges System.

Häufige Fragen (FAQ)

Muss ich realistisch zeichnen können, um Character Design zu betreiben? Grundlegende Anatomie-Kenntnisse sind wichtig, weil stilisierte Formen auf dem Verständnis der realistischen Grundform basieren. Vollständiger Realismus ist aber nicht notwendig.

Welche Software nutzen Character Designer? Photoshop und Procreate: iPad-Illustration dominieren. Für animierbare Rigs wird Adobe Animate, Spine (Spine2D) oder After Effects genutzt.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Blair, Preston: Animation – Learn How to Draw Animated Cartoons, Walter Foster (1949, Neuauflage 2010)
  • Thomas, Frank / Johnston, Ollie: The Illusion of Life: Disney Animation, Hyperion (1981)
  • Bancroft, Tom: Creating Characters with Personality, Watson-Guptill (2006)
  • Hogarth, Burne: Dynamic Anatomy, Watson-Guptill (1958, Neuauflage 2003)
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