Comic-Gestaltung bezeichnet die Kunst des sequenziellen visuellen Erzählens – die Planung und Umsetzung von Bildgeschichten in Panel-Abfolgen, ergänzt durch Typografie in Sprechblasen und Beschriftungen.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Illustration & Digital Art · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Sequenzielles Erzählen, Graphic Storytelling, Comiczeichnen, Bildgeschichte
Was ist Comic-Gestaltung?
Comics sind ein eigenständiges Medium, das Bild und Text in einer Weise kombiniert, die weder Film noch Buch erreichen. Der Comic-Theoretiker Scott McCloud beschreibt in seinem Standardwerk Understanding Comics (1993) Comics als „juxtaposed pictorial and other images in deliberate sequence" – nebeneinandergestellte Bilder in bewusster Abfolge.
Comic-Gestaltung umfasst alle Entscheidungen, die diese Abfolge erzählerisch und visuell gestalten: Wie groß sind die Panels? Welcher Ausschnitt zeigt welche Handlung? Wie läuft der Blick des Lesers über die Seite? Was passiert im Raum zwischen den Panels (dem sogenannten "Gutter")?
Die Graphic Novel ist eine längere, buchförmige Weiterentwicklung des Comics – typischerweise mit komplexeren Erzählstrukturen und einem erwachsenen Zielpublikum. Der Begriff wurde durch Will Eisner und seine Arbeit A Contract with God (1978) geprägt.
Erklärung
Grundelemente des Comics
Panel: Der einzelne Bildkasten – die Grundeinheit des Comics. Panels können klein und dicht sein (hohe Informationsdichte, schnelles Tempo) oder groß und luftig (langsames Tempo, Gewichtung eines Moments). Ein besonders bedeutsames Bild kann die gesamte Seite füllen (Splashpage).
Gutter: Der Raum zwischen Panels. Der Leser "füllt" diesen Raum mental aus – das nennt McCloud "Closure". Was zwischen zwei Panels passiert, zeigt der Comic nicht, der Leser erdenkt es. Das ist das entscheidende Gestaltungsmittel des Comics, das es vom Film unterscheidet.
Sprechblasen (Speech Bubbles):
- Ovale Blase mit Schwanz → Dialog
- Zackige Blase → Schrei oder Radio/Telefon
- Gestrichelte Blase → geflüsterter Dialog
- Wolkenartige Blase → Gedanken
Erzählboxen (Caption Boxes): Rechteckige Textfelder für erzählerischen Text, Zeitangaben oder innere Monologe.
Schriftgestaltung: Comic-Schriften sind meist handschriftlich oder handschriftähnlich. Digitale Comic-Schriften (z.B. Blambot) simulieren diesen Charakter. Versalien sind im englischsprachigen Comic Standard für Dialog. Im deutschsprachigen Comic: Gemischtschreibung.
Seitenkomposition
Die Anordnung von Panels auf einer Seite ist ein Gestaltungsakt. Ein einfaches Raster (3×3 oder 2×3) erzeugt ein gleichmäßiges Lesetempo. Unregelmäßige Panels erzeugen Dynamik. Die Leserichtung folgt (in westlichen Comics) Z-förmig von links oben nach rechts unten.
Panel-Transitionen nach McCloud:
- Moment-zu-Moment: Kaum Zeitsprung (Actionsequenzen)
- Action-zu-Action: Einheit handelt, zeigt Ergebnis
- Subjekt-zu-Subjekt: Szene aus verschiedenen Blickwinkeln
- Szene-zu-Szene: Zeitlicher oder räumlicher Sprung
- Aspekt-zu-Aspekt: Stimmungs-Panels, kein Zeitfortschritt
- Nicht-sequenziell: Kein logischer Zusammenhang
Grafik-Stile im Comic
- Amerikanischer Superhelden-Comic: Realistische Anatomie, dynamische Poses, starke Kontrastzeichnung (Jack Kirby, Jim Lee)
- Europäischer Ligne Claire: Klare Konturlinie ohne Schraffuren (Hergé, Tintin)
- Underground/Alternative Comic: Expressive, oft groteske Stile (Robert Crumb)
- Graphic Novel / Art Comics: Sehr persönliche, experimentelle Stile (Chris Ware, Art Spiegelman)
- Manga: Eigene Konventionen: Große Augen, Speedlines, Expressivität. Details: Manga-Stil: Grundlagen und Merkmale
Tools für Comic-Gestaltung
- Clip Studio Paint EX: Die bevorzugte Software (Clip Studio Paint für Comics und Manga), mit native Panel-Werkzeugen
- Procreate: Für Inking und Farbgebung, aber kein natives Panel-Management (Procreate: iPad-Illustration)
- Adobe Photoshop: Für vollständige digitale Produktion
- Traditionell: Tuschezeichnungen auf Comicboard, Kolorierung mit Aquarell oder Copic-Markern
Beispiele
- Art Spiegelman: Maus (1986/1991) – der erste Comic, der den Pulitzer-Preis erhielt
- Marjane Satrapi: Persepolis (2000) – autobiografische Graphic Novel aus dem Iran
- Chris Ware: Building Stories (2012) – experimenteller Comic als Schachtelbox
- Deutschland: Der Sommer des Falken von Peer Meter und Barbara Yelin
In der Praxis
Comic-Gestalter können in folgenden Bereichen tätig sein:
- Eigene Comics und Graphic Novels verlegen (Selfpublishing via Webtoon, Tapas oder Print-On-Demand)
- Auftragscomics für Werbung, NGOs, Bildung (Comics im Journalismus, z.B. Joe Sacco)
- Storyboard-Artist für Film und Animation (verwandt, aber kein klassisches Comic)
Produktionsstufen:
- Skript/Expose: Handlung, Szenen, Dialog vorbereiten
- Thumbnails: Seiten-Layout in Kleinstformat planen
- Penciling: Bleistiftzeichnung auf der Seite
- Inking: Tuschezeichnung über dem Penciling
- Kolorierung: Flatcolors, Shading
- Lettering: Text einsetzen (Sprechblasen, Beschriftungen)
Vergleich & Abgrenzung
| Kriterium | Comic | Storyboard | Bilderbuch |
|---|---|---|---|
| Zielmedium | Eigenständig | Film/Werbung | Kinderbuch |
| Leserichtung | Links-Rechts-Z | Linear | Links-Rechts |
| Typografie | Integraler Teil | Minimal (Notizen) | Begleitend |
| Gutter | Aktiv gestaltet | Kein Konzept | Nicht vorhanden |
Für Werkzeuge: Clip Studio Paint für Comics und Manga. Für verwandte Stile: Manga-Stil: Grundlagen und Merkmale, Buchillustration.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Comic und Graphic Novel? Graphic Novel ist ein Marketingbegriff für buchförmige, oft erwachsene Comics in Einzelband-Form. Die Grenze ist fließend – Maus und Persepolis werden als Graphic Novels vermarktet, sind aber Comicalben.
Braucht man eine spezielle Ausbildung? Viele erfolgreiche Comic-Autoren sind Autodidakten. Scott McCloud, Art Spiegelman und viele andere haben keinen formalen Comic-Studiengang absolviert. Illustration- oder Kommunikationsdesign-Studium hilft, ist aber kein Muss.
Wie findet man einen Verlag? Comic-Verlage (Carlsen, Reprodukt, Panini in Deutschland) akzeptieren Einreichungen. Selfpublishing via Webtoon oder Kickstarter ist für unabhängige Künstler heute eine ernsthafte Alternative.
Verwandte Einträge
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- Clip Studio Paint für Comics und Manga
- Procreate: iPad-Illustration
Weiterführend
- McCloud, Scott (1993): Understanding Comics: The Invisible Art. Kitchen Sink Press.
- Eisner, Will (1985): Comics and Sequential Art. Poorhouse Press.
- Abel, Jessica / Madden, Matt (2008): Drawing Words & Writing Pictures. First Second.
- Reprodukt Verlag (europäische Graphic Novels): reprodukt.com
- Comickultur Deutschland: comicwiki.de
