← Zurück zu Grafik & Kommunikationsdesign
Saul Bass (1920 New York – 1996 Los Angeles) war ein amerikanischer Grafiker, der durch symbolisch abstrakte Filmplakate und bahnbrechende Vorspann-Sequenzen das visuelle Erscheinungsbild des Hollywoodkinos des 20. Jahrhunderts grundlegend veränderte.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Saul Bass Designs, Bass/Yager & Associates

Wer war Saul Bass?

Saul Bass ist der vielleicht einflussreichste Filmplakatgestalter der Geschichte. Er bewies, dass ein Filmplakat kein fotografisches Starporträt sein muss, sondern ein abstraktes Symbol sein kann – und gerade dadurch tiefer wirkt als jede realistische Darstellung. Seine Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock, Otto Preminger, Billy Wilder und Martin Scorsese produzierte Ikonen der Grafikgeschichte.

Erklärung

Saul Bass wurde 1920 in der Bronx (New York) als Kind jüdischer Einwanderer aus Osteuropa geboren. Er studierte Grafikdesign zunächst in New York, dann an der Brooklyn College und am Art Students League. Nach beruflichen Anfängen in New York zog er nach Los Angeles, wo er ab den frühen 1950er-Jahren mit der Filmbranche in Kontakt kam.

Sein erster großer Durchbruch war das Plakat für „Carmen Jones" (Otto Preminger, 1954): Eine brennende Rose – das Symbol für die Titelfigur – vor schwarzem Hintergrund. Keine Schauspielerfotos, keine Szenenbilder, nur ein reduziertes Zeichen. Diese Herangehensweise war revolutionär: In einer Industrie, die routinemäßig Stargesichter verkaufte, setzte Bass auf abstrakten Symbolismus.

Die Zusammenarbeit mit Otto Preminger war besonders fruchtbar: „The Man with the Golden Arm" (1955) – ein fragmentierter, verzerrter Arm aus Papiercollagen – wurde zum Meilenstein, weil Preminger das Plakat gegen den Widerstand der Studios durchsetzte. Das Sujet (Drogenabhängigkeit) war tabubrechend; die Gestaltung (Papiercollagen-Silhouette statt Foto) entsprechend kompromisslos.

Für Alfred Hitchcock gestaltete Bass einige seiner bekanntesten Werke:

  • „Vertigo" (1958): Spiralförmige, mathematisch erzeugte Figur in Rot und Schwarz; die Spirale als Symbol für Obsession, Schwindel und Wiederkehr – ein Bild, das den psychologischen Kern des Films trifft, ohne eine einzige Szene zu zeigen.
  • „North by Northwest" (1959): Orthogonale Linien und Figuren vor Gebirgskulisse; präzise grafische Beschleunigung als Bild für die Atemlosigkeit des Films.
  • „Psycho" (1960): Zerrissenheit im fragmentierten Layout; Typografie wie zerrissen, Bild wie gewaltsam unterbrochen – das Plakat kündigt die Scherenlöcher des Films an.
  • „Anatomy of a Murder" (1959): Silhouette einer zerlegten menschlichen Figur auf weißem Grund – lakonisch, präzise, ein visuelles Paradox als Ankündigung eines Justizdramas.

Bass' Methode war immer dieselbe: Zuerst den emotionalen Kern des Films verstehen, dann das stärkste Zeichen für diesen Kern finden. Er arbeitete mit Papiercollagen, einfachen geometrischen Formen und präziser Reduktion: wenig Farben (meist 2–3), starke Kontraste, kein Überfluss.

Ab den 1960er-Jahren erweiterte Bass sein Œuvre um Title Sequences (Vorspanngestaltung): Für „Vertigo", „Anatomy of a Murder", „The Man with the Golden Arm" und später für Scorseses „Cape Fear" (1991) und „Casino" (1995) schuf er Titelsequenzen, die Motion Graphics als eigenständige Kunstform etablierten.

Sein Einfluss auf nachfolgende Generationen ist enorm. Designer wie Kyle Cooper (Se7en, 1995) oder Studio Imaginary Forces berufen sich direkt auf Bass. Das Prinzip, einen Film durch ein abstraktes Zeichen zu repräsentieren, ist bis heute gestalterisches Grundprinzip des Autorenposterdesigns.

Bass führte das Studio Bass/Yager & Associates gemeinsam mit seiner Frau Elaine Bass, die als gleichberechtigte Kreativpartnerin wirkte, obwohl sie im öffentlichen Bewusstsein weniger präsent ist.

Beispiele

  1. „The Man with the Golden Arm" (1955): Kollagiierter verzerrter Arm über schlichter Typografie; Drogenabhängigkeit in einem einzigen abstrakten Bild.
  2. „Vertigo" (1958): Computergenerierte Spiralen (bahnbrechend für die Zeit); psychologische Obsession als geometrische Figur – eines der meistanalysierten Filmplakate der Geschichte.
  3. „Anatomy of a Murder" (1959): Zerstückelte weiße Silhouette auf schwarzem Grund; Justiz und Körper in einer Doppelbedeutung.
  4. „Psycho" (1960): Zerrissene Typografie und fragmentiertes Foto; die Form kündigt die Inhalte des Films (Zerrissenheit, Gewalt) formal an.
  5. „Schindler's List" (1993): Schlichte Hand mit roter Schleife; für Spielberg gestaltete Bass ein Plakat von monastischer Stille als Antwort auf die Unfassbarkeit des Themas.

In der Praxis

Saul Bass' Methode als Entwurfsprozess:

  1. Kernfrage stellen: Was ist das Wesen dieses Films in einem Bild?
  2. Abstrahieren: Nicht illustrieren, was passiert, sondern was es bedeutet.
  3. Reduzieren: Zwei bis drei Farben, eine dominante Form, klare Typohierarchie.
  4. Wiederholen und prüfen: Wirkt das Symbol ohne Kontext? Kann man es aus 10 Metern Entfernung lesen?

Technisch arbeitete Bass analog: Papiercollagen, Scheren und Kleber, Fotomechanik. Heute lässt sich sein Stil in Illustrator oder Photoshop replizieren: Shapes statt Fotos, begrenztes Farbspektrum, Flatcolor-Flächen.

Für Druckdaten: Saul-Bass-inspirierte Plakate sind oft wenige Vektorformen plus Typografie – ideal für zweifarbe Siebdruckproduktion oder Spotfarben-Offsetdruck. Die Stärke liegt gerade in der Reduzierung.

Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zum illustratorischen Stil von Drew Struzan oder Robert McGinnis setzt Bass auf maximale Reduktion statt epische Fülle. Das Holzschnitt-Plakat des 19. Jahrhunderts war sein historischer Vorläufer: Auch dort dominierte die Silhouette. Im Unterschied zu Filmplakat-Design im allgemeinen Sinne – das heute von Fotomontage dominiert wird – ist Bass' Methode konzeptuell und zeitlos.

Häufige Fragen (FAQ)

Hat Saul Bass tatsächlich Szenen bei Hitchcock-Filmen mitinszeniert? Es gibt die umstrittene Behauptung, dass Bass die Duschszene in „Psycho" als Storyboard-Autor maßgeblich mitentworfen hat. Hitchcock und Bass haben beide zu Lebzeiten unterschiedliche Versionen erzählt. Gesichert ist, dass Bass die Titelsequenz und das Plakat gestaltete und Storyboards für den Film lieferte. Das Ausmaß seiner kreativen Beteiligung an der Duschszene bleibt historiografisch offen.

Welche Bedeutung hat Elaine Bass für das Werk? Elaine Bass (1927–2014) war ab 1960 Saul Bass' Ehefrau und kreative Partnerin in Bass/Yager & Associates. Sie war an der Entwicklung der Titelsequenzen maßgeblich beteiligt und gilt als gleichberechtigte Schöpferin vieler der unter Saul Bass' Namen bekannten Arbeiten. Die historische Unterschätzung ihrer Rolle ist ein typisches Problem der Designgeschichtsschreibung.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Horak, Jan-Christopher (Hrsg.): Saul Bass. A Life in Film and Design. Laurence King, London 2014.
  • Bass, Saul / Kirkham, Pat: Saul Bass. A Life in Film & Design. Laurence King, London 2011.
  • Meggs, Philip B. / Purvis, Alston W.: Meggs' History of Graphic Design. 5. Aufl. Wiley, New Jersey 2011.
← Zurück zu Grafik & Kommunikationsdesign
Infotag · 13. Mai · 15:00 Uhr · Vor Ort

Sei am Mittwoch dabei.
Bring Eltern oder Freunde mit.

Ein halber Nachmittag, der dir drei Jahre Klarheit bringen kann. Kostenlos, unverbindlich, ehrlich.

  • Rundgang durch Studios, Schnitträume und Tonstudio
  • Echte Absolventenfilme sehen
  • 1:1-Beratung zu Bewerbung & BAföG
  • Studierende direkt fragen
  • Kaffee, kein Sales-Pitch
  • Auch online möglich

Platz beim Infotag reservieren

Dauert 30 Sekunden. Bestätigung per E-Mail.
100 % kostenlos · keine Verpflichtung · jederzeit absagbar