Schweizer Plakatstil (auch: International Typographic Style) ist eine ab den späten 1940er-Jahren in der Schweiz entwickelte Gestaltungsrichtung, die auf mathematischem Raster, serifenloser Schrift und objektivem Bildgebrauch basiert.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: International Typographic Style, Swiss Style, Internationaler Typografischer Stil
Was ist der Schweizer Plakatstil?
Der Schweizer Plakatstil gilt als eine der folgenreichsten Gestaltungsbewegungen des 20. Jahrhunderts. Er entstand an den Kunstgewerbeschulen in Basel und Zürich und prägte das Erscheinungsbild von Unternehmen, Kulturinstitutionen und öffentlichen Einrichtungen weltweit. Sein Kernprinzip lautet: Klarheit vor Dekoration, Funktion vor Ornament.
Erklärung
In den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren entwickelten Schweizer Gestalterinnen und Gestalter an den Schulen in Basel (Armin Hofmann, Emil Ruder) und Zürich (Josef Müller-Brockmann, Richard Paul Lohse) ein neues gestalterisches Vokabular. Reaktion auf die stilistische Beliebigkeit der Vorkriegszeit war eine konsequente Hinwendung zu Ordnung, Raster und typografischer Strenge.
Das Raster (Grid) ist das zentrale Werkzeug des Schweizer Plakatstils. Die Bildfläche wird in gleichmäßige Spalten und Zeilen unterteilt; alle Elemente – Typografie, Fotografie, grafische Formen – ordnen sich diesem Raster unter. Das Ergebnis ist eine Gestaltung, die trotz Komplexität sofort lesbar wirkt.
Typografisch dominiert die serifenlose Groteskschrift, wobei die Akzidenz-Grotesk und später die 1957 von Max Miedinger entworfene Helvetica zur Leitschrift des Stils wurden. Texte werden meist linksbündig gesetzt (Flattersatz), was dem Auge einen gleichmäßigen Lesefluss ermöglicht. Hierarchien entstehen durch Schriftgrad und Laufweite, nicht durch ornamentale Elemente.
Die Fotografie ersetzte im Schweizer Plakatstil die handgezeichnete Illustration nahezu vollständig. Schwarzweißfotos, oft in strengen Ausschnitten, dienten der sachlichen Information. Farbe wurde sparsam und funktional eingesetzt – Rot als Akzentfarbe, Schwarz-Weiß-Kontrast als Hauptmittel.
Josef Müller-Brockmanns Plakate für die Tonhalle Zürich (1950er–1970er) gelten als Musterbeispiele: Konzentrische Kreise, exakt ausgerichtete Schrift und keinerlei überflüssiges Beiwerk. Das Plakat für „Musica Viva" (1972) zeigt, wie geometrische Abstraktion Stimmung ohne figurative Abbildung erzeugen kann.
Der Stil breitete sich rasch international aus. Unternehmen wie IBM, Lufthansa oder Braun ließen ihre Kommunikationsmittel im Schweizer Stil gestalten. Das Buch „Grid Systems in Graphic Design" von Müller-Brockmann (1981) wurde zum Standardwerk der Gestaltungsausbildung.
Heute lebt der Schweizer Stil in der digitalen Gestaltung weiter: Bootstrap-Grids, Material Design und viele UI-Frameworks folgen denselben Rasterlogiken. Gleichzeitig reagierte die Postmoderne der 1980er mit bewusster Regelbruch gegen diese Strenge.
Beispiele
- Josef Müller-Brockmann – „Schützt das Kind" (1953): Plakat für Verkehrssicherheit; diagonale Dynamik, schreiendes Kind, minimaler Text – Emotionalität innerhalb klarer Struktur.
- Armin Hofmann – „Giselle" für das Basler Theater (1959): Überlagerte Figur auf weißem Grund, präzise Schrift, Balance zwischen Figur und Negativraum.
- Josef Müller-Brockmann – „Musica Viva" (1972): Konzentrische Kreise in Schwarz-Weiß, Typografie im Raster – pures Gestaltungsprinzip als Inhalt.
- Emil Ruder – Plakatserien für Gewerbemuseum Basel (1950er): Systematische Schrifteinsatz als alleiniges Gestaltungsmittel.
- Richard Paul Lohse – Ausstellungsplakate (1940er–1960er): Strenge Farbfeldkompositionen, die den Übergang zur Konkreten Kunst markieren.
In der Praxis
Wer heute im Schweizer Stil gestaltet, richtet zunächst ein Rastersystem ein – in Adobe InDesign über „Layout > Hilfslinien-Raster" oder in Illustrator über benutzerdefinierte Hilfslinien. Typische Spaltenanzahlen sind 4, 6 oder 12 Spalten.
Für den Druck gilt: Plakate im Schweizer Stil leben von exakter Reproduktion. Sauber vektorisierte Schriften (als Kurven oder mit eingebetteten Fonts), CMYK-Farbmodus und ein Beschnittzugabe von 3 mm sind Standard. Für Großformate (DIN A0 und größer) empfiehlt sich eine Auflösung von 150 dpi bei Endformat; schwarze Flächen werden als 100 % Schwarz (K) definiert, nicht als Composite Black.
Digitale Werkzeuge wie Figma erlauben das Anlegen von Rastersystemen direkt im Frame-Setup; das Prinzip bleibt identisch zum analogen Rasterbogen.
Vergleich & Abgrenzung
Anders als der Jugendstil-Plakat setzt der Schweizer Plakatstil auf funktionale Nüchternheit statt ornamentale Fülle. Gegenüber dem Bauhaus-Plakat ist er konsequenter in der Ablehnung von Experiment und freier Expressivität – wo das Bauhaus experimentierte, systematisierte der Schweizer Stil. Im Unterschied zum Propaganda-Plakat verfolgt er keine ideologische Absicht, sondern kommunikative Neutralität.
Häufige Fragen (FAQ)
Welche Schrift verwendet man für einen authentischen Schweizer Plakatstil? Historisch korrekt wären Akzidenz-Grotesk oder Helvetica (ab 1957). Moderne Alternativen mit ähnlicher neutraler Wirkung sind Inter, Aktiv Grotesk oder Neue Haas Grotesk. Wichtig ist nicht die exakte Schrift, sondern das Prinzip: serifenlose Groteskschrift, gleichmäßige Strichstärke, geringe optische Eigenheit.
Wie entwickle ich ein eigenes Raster für ein Plakat? Ausgehend vom Satzspiegelmaß teilt man die Seite in eine gerade Anzahl von Spalten (z. B. 6 oder 12). Jede Spalte erhält einen Spaltenabstand (Gutter). Alle Elemente – Texte, Bilder, grafische Formen – orientieren sich an diesen Spalten. Ein einfacher Einstieg: DIN A1 mit 6 gleichen Spalten, je 30 mm Spalte und 5 mm Gutter.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Müller-Brockmann, Josef: Grid Systems in Graphic Design. Niggli, Sulgen 1981.
- Meggs, Philip B. / Purvis, Alston W.: Meggs' History of Graphic Design. 5. Aufl. Wiley, New Jersey 2011.
- Hollis, Richard: Swiss Graphic Design. The Origins and Growth of an International Style 1920–1965. Laurence King, London 2006.
