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Weißabgleich (White Balance) ist die Anpassung der Farbtemperatur einer Kameraaufnahme oder eines Displays so, dass neutrale Farben (Weiß, Grau) unter der herrschenden Lichtbedingung tatsächlich neutral erscheinen und Farbstiche durch verschiedene Lichtquellen korrigiert werden.

Was ist Weißabgleich?

Unser Gehirn ist ein erstaunlicher Farbkonstanz-Mechanismus: Ein weißes Blatt Papier erscheint uns sowohl im warmen Licht einer Glühbirne als auch im kühlen Neonlicht der Schule als weiß – obwohl das reflektierte Licht in beiden Fällen physikalisch völlig unterschiedliche Spektren hat. Kameras haben diesen Mechanismus nicht von Haus aus. Ohne Weißabgleich erscheinen Aufnahmen unter Glühlampen orange, unter Leuchtstoffröhren grün-gelblich.

Der Weißabgleich simuliert die Farbkonstanz des menschlichen Gehirns: Er bestimmt, welche Farbe in der Szene als „neutrales Weiß" gilt, und skaliert die Rot-, Grün- und Blau-Kanäle so, dass dieses Weiß tatsächlich neutral (R = G = B) im Bild erscheint (Poynton, 2012).

Erklärung

Physikalische Grundlage

Licht verschiedener Quellen hat unterschiedliche Spektren. Das drückt sich in der Farbtemperatur aus (gemessen in Kelvin). Vereinfacht:

  • Niedriger Kelvin-Wert (< 3.500 K) = warmes, rötlich-oranges Licht (Kerzenflamme ~1.800 K, Glühlampe ~2.700 K)
  • Mittlerer Kelvin-Wert (4.000–6.000 K) = weißes bis leicht kühles Licht (Morgen-/Abendsonne ~3.500 K, Mittagssonne ~5.500 K)
  • Hoher Kelvin-Wert (> 6.500 K) = kaltes, bläuliches Licht (bewölkter Himmel ~7.000 K, Schatten ~8.000 K)

Der Weißabgleich gibt der Kamera an, bei welcher Farbtemperatur die Lichtquelle liegt, und berechnet daraus die Kanalgewichtung für RGB.

Weißabgleich-Methoden in der Kamera

Auto White Balance (AWB): Die Kamera analysiert die Szene und schätzt die Farbtemperatur algorithmisch. Gut für schnelles Arbeiten, aber nicht immer korrekt – besonders bei dominanten Farbflächen (z. B. grüne Wiese) oder Mischlicht täuscht AWB sich.

Vorwahl (Preset): Vordefinierte Farbtemperaturen für typische Szenarien:

  • Tageslicht (~5.500 K)
  • Bewölkter Himmel (~6.500 K)
  • Schatten (~7.000 K)
  • Kunstlicht / Glühlampe (~3.200 K)
  • Leuchtstoffröhre (~4.200 K, variabel)

Benutzerdefiniert (Custom): Die Kamera misst eine graue oder weiße Referenzfläche und berechnet den Weißabgleich exakt für die herrschenden Lichtbedingungen. Für professionelle Bildberichterstattung, Werbefotografie und Videoproduktion der präziseste Ansatz.

Manuell / Kelvin-Eingabe: Direkteingabe eines Kelvin-Werts. Wird von erfahrenen Fotografen und Videografen verwendet, die exakte und reproduzierbare Werte benötigen (z. B. für Tagesproduktionen, die konsistent 5.500 K verwenden).

Weißabgleich und der Tint-Parameter

Farbtemperatur (Kelvin) beschreibt die Warm-Kalt-Achse (Orange ↔ Blau). Aber Lichtquellen können auch auf der Tint-Achse abweichen: Leuchtstoffröhren und LEDs haben oft einen Grünstich oder Magentastich, der durch Kelvin allein nicht korrigierbar ist.

In Raw-Verarbeitungsprogrammen (Lightroom, Camera Raw) gibt es deshalb neben dem Kelvin-Schieberegler auch einen Tint-Regler (Grün ↔ Magenta), der diese zweite Achse korrigiert. Ein vollständiger Weißabgleich erfordert immer beide Parameter.

Weißabgleich in Raw vs. JPEG

Raw (NEF, CR3, ARW etc.): Der Weißabgleich ist bei Raw-Dateien nicht destruktiv eingebakkt. Er ist nur ein Metadaten-Tag, der bei der Entwicklung angewendet wird. In Lightroom, Camera Raw oder Capture One kann er jederzeit verlustfrei geändert werden.

JPEG: Bei JPEG ist der Weißabgleich fest in die Bildpixel eingerechnet. Eine nachträgliche Korrektur ist möglich, aber verliert an Qualität (Kanal-Clipping, Rauschen).

Empfehlung für professionelle Arbeit: Immer in Raw fotografieren, Weißabgleich in der Entwicklung setzen – bietet maximale Flexibilität.

Weißabgleich in Video

In der Videoproduktion ist konsistenter Weißabgleich besonders kritisch: Beim Schnitt werden Clips zusammengefügt, und ein uneinheitlicher Weißabgleich fällt sofort auf. Übliche Praxis:

  • Kamera auf manuellen Weißabgleich oder Kelvin-Wert setzen
  • Graukarte oder WhiBal-Karte am Beginn jeder Einstellung einfilmen
  • In der Post-Production alle Clips auf denselben Weißpunkt korrigieren

Log-Aufnahme: Bei Log-Codecs (ARRI Log C, Sony S-Log, Canon Log) ist der Weißabgleich in den Log-Daten enthalten und wird in der Post-Production bei der LUT-Anwendung berücksichtigt. Der Colorist korrigiert den Weißabgleich im Grade, nicht an der Kamera.

Weißabgleich bei Displays

Bei Displays bezeichnet Weißabgleich (Display White Balance) die Einstellung des Weißpunkts: D65 (6500 K) für allgemeine Bildschirmarbeit, D50 (5000 K) für druckorientierte Workflows. Diese Einstellung wird bei der Monitor-Kalibrierung gesetzt und nicht durch manuelle Kelvin-Eingabe, sondern durch Messung und Anpassung der RGB-Kanäle des Displays.

Beispiele

Beispiel 1 – Portrait unter Mischbeleuchtung: Ein Fotograf fotografiert in einem Raum mit Tageslichtfenstern und Kunstlicht. AWB wechselt zwischen Schüssen. Lösung: Manueller Weißabgleich mit einer grauen Karte unter der dominanten Lichtquelle. Alle Bilder des Sets haben konsistenten Weißabgleich.

Beispiel 2 – Produktfotografie im Studio: Ein Katalogfotograf stellt das Studio-Blitzlicht auf 5.500 K ein und gibt diesen Wert als Kelvin-Weißabgleich in die Kamera ein. Alle Produktfotos der Session haben exakt denselben Weißabgleich und lassen sich in Lightroom als Batch verarbeiten.

Beispiel 3 – Interview-Video: Eine Dokumentarfilmerin interviewt eine Person im Café. Das Umgebungslicht ist Mischlicht (Fenster + Deckenbeleuchtung). Sie nimmt eine graue Karte auf, stellt den benutzerdefinierten Weißabgleich in der Kamera ein (3.200 K Tint +7) und hat eine neutrale Hauttöne über die gesamte Interviewlänge.

In der Praxis

Weißabgleich-Hilfsmittel

Graukarte (18 % Grau): Der Klassiker. Fotografiert in der Szene, ermöglicht exakten Weißabgleich in der Post. X-Rite ColorChecker Passport enthält eine neutrale Graukarte.

WhiBal-Karte: Spezielle Karte mit kalibriertem Neutralweiß, konzipiert für schnellen Weißabgleich.

ExpoDisc: Filterscheibe, die vor das Objektiv gesetzt wird und das Umgebungslicht auf eine Weise diffusiert, die einen direkten Weißabgleich ermöglicht.

Weißabgleich in Lightroom

In Lightroom Classic gibt es im Entwickeln-Modul unter dem Weißabgleich-Bereich:

  • Preset-Dropdown (Tageslicht, Kunstlicht etc.)
  • Temp-Schieberegler (Kelvin-Wert)
  • Tint-Schieberegler (Grün/Magenta)
  • Pipette: Klick auf neutrales Grau im Bild → automatischer Weißabgleich

Vergleich & Abgrenzung

MethodePräzisionFlexibilitätAufwand
Auto (AWB)GeringHochKein
PresetMittelMittelGering
BenutzerdefiniertHochGering (am Set)Mittel
Kelvin-EingabeHochMittelGering
Post-Production RawSehr hochSehr hochMittel

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Weißabgleich und Farbkorrektur? Weißabgleich korrigiert den globalen Farbstich durch die Lichtquelle (Warm-Kalt-Achse, Grün-Magenta). Farbkorrektur ist ein weiter gefasster Begriff, der auch selektive Farbkorrekturen, Gradationsanpassungen und kreative Farbgestaltung umfasst.

Kann ein falscher Weißabgleich in JPEG vollständig korrigiert werden? Nicht verlustfrei. Bei starkem Weißabgleich-Fehler im JPEG können Kanäle geclippt sein – dann sind Lichter oder Schatten in einem Kanal unwiederbringlich verloren.

Welcher Kelvin-Wert ist „korrekt"? Es gibt kein universelles Richtig – es gibt das, was die Szene neutral wiedergibt, und es gibt den kreativen Willen. Warmes Abendlicht bewusst warm zu lassen (kein Weißabgleich korrigieren) ist eine legitime kreative Entscheidung.

Weiterführend

  • Poynton, C. (2012). Digital Video and HD: Algorithms and Interfaces (2. Aufl.). Morgan Kaufmann.
  • Hunt, R. W. G. (2004). The Reproduction of Colour (6. Aufl.). Wiley.
  • X-Rite: ColorChecker Passport Anleitung und Kalibrierungs-Workflow.
  • ISO 7589:2002 – Photography – Illuminants for sensitometry – Specifications for daylight, incandescent tungsten and printer illuminants
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