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ACES (Academy Color Encoding System) ist ein offener Farbmanagement-Framework der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS), der einen szenenbasierten Arbeitsfarbraum für alle Phasen der Film- und VFX-Produktion vom Set bis zur Lieferung definiert.

Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Farbsysteme & Farbräume · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: ACES2065-1, ACEScc, ACEScct, ACEScg; englisch: Academy Color Encoding System

Was ist ACES?

ACES wurde 2014 von der Academy of Motion Picture Arts and Sciences (AMPAS) in der Version 1.0 veröffentlicht und ist seitdem zum De-facto-Standard für professionelle Film-, Fernsehen- und VFX-Produktionen avanciert. ACES löst ein fundamentales Problem: Verschiedene Kameras (ARRI, RED, Sony, Canon, BlackMagic) liefern Footage in unterschiedlichen Farbräumen und Log-Formaten. ACES schafft eine neutrale, geräteunabhängige Plattform, auf der all dieses Material vereinheitlicht wird – von der Kamera über den Schnitt, die VFX-Komposition und das Color Grading bis zur Archivierung und Ausgabe auf verschiedenen Endmedien.

Erklärung

Die ACES-Architektur: ACES besteht aus mehreren aufeinander aufbauenden Komponenten:

ACES2065-1 (Archiv-Farbraum): Der primäre ACES-Farbraum für Archivierung. Sehr großer Gamut (größer als jeder bekannte Display-Gamut), lineares Licht (kein Gamma), Weißpunkt D60. Enthält alle darstellbaren und einige imaginäre Farben. Dateien in diesem Format werden als EXR oder DPX mit ACES-Profil gespeichert.

ACEScc und ACEScct (Grading-Farbräume): Logarithmische Kodierungen des ACES-Farbraums für Color-Grading-Anwendungen:

  • ACEScc: Logarithmisches ACES für DaVinci Resolve, Baselight, Nucoda. Entspricht dem Verhalten historischer Film-Lookup-Tabellen.
  • ACEScct: „cc" mit zusätzlichem „Toe" in der Logarithmuskurve – für Coloristen, die Lift-Anpassungen intuitiver handhaben wollen.

ACEScg (Compositing-Farbraum): Linearer ACES-Farbraum für VFX-Compositing in Nuke, Fusion, Houdini. Gleicher Gamut wie ACES2065-1, aber lineares Licht für korrekte Licht- und Reflexionsberechnungen.

IDT (Input Device Transform): Konvertiert kameraspezifisches Rohmaterial in ACES2065-1. Jede Kamera/Log-Format-Kombination hat eine eigene IDT:

  • ARRI LogC4 → ACES (IDT)
  • Sony Venice S-Log3/S-Gamut3.Cine → ACES (IDT)
  • RED IPP2 → ACES (IDT)
  • Blackmagic Film → ACES (IDT)

RRT (Reference Rendering Transform): Konvertiert ACES2065-1 in den szenenbasierten S-2014-006-Standard. Dieser Schritt simuliert, wie Filmmaterial auf klassischem Projektionsmaterial aussehen würde – er fügt die charakteristische „cinematische" Tonwertkurve mit angehobenen Schatten und compressierten Lichtern hinzu.

ODT (Output Device Transform): Konvertiert ACES + RRT in das Ausgabeformat für das Zielmedium:

  • ODT für Rec.709/sRGB: Kinofilm für TV/Streaming
  • ODT für DCI-P3: Kinofilmprojektion
  • ODT für Rec.2020 PQ (HDR10): UHD-HDR-Streaming
  • ODT für Rec.2020 HLG: Broadcast HDR
  • ODT für P3-D65 (Display P3): Apple-Geräte

ACES-Gamut: ACES2065-1 deckt mehr als 100 % der menschlich wahrnehmbaren Farben ab (inkl. imaginärer Farben), mit halboffenen Grenzen in Richtung hoher Lichtstärken. Der Farbraum ist scene-referred (Szene-bezogen) und linear, was bedeutet, dass Lichtmengen als absolute physikalische Werte codiert werden können.

Vorteile von ACES in der Produktion:

  1. Kamera-Unabhängigkeit: Verschiedene Kamerahersteller liefern unterschiedliches Bildmaterial; ACES normiert alles auf einen gemeinsamen Raum.
  2. Look Development: Der Creative Look (Look Modification Transform, LMT) wird unabhängig vom Output-Medium entwickelt und kann für jedes Ausgabeformat neu gerendert werden.
  3. Archivierungsstandard: ACES2065-1 ist der ISO 20722-Standard für Filmarchivierung.
  4. HDR + SDR aus einer Mastering-Session: Mit ACES können HDR (Rec.2020 PQ) und SDR (Rec.709) aus demselben ACES-Master gleichzeitig erzeugt werden.

ACES 1.3 vs. ACES 2.0: ACES 2.0 (2024) führt verbesserte Gamut-Mapping-Algorithmen ein, die den Übergang zwischen HDR und SDR natürlicher gestalten. Der neue Output Transform in ACES 2.0 ist ein signifikantes Update gegenüber dem aus 2014 stammenden RRT+ODT-System.

Beispiele

  1. Netflix-Produktion in DaVinci Resolve mit ACES: Projekteinstellungen → Color Science: ACES → Timeline Color Space: ACEScct → Output: Rec.2020 ST2084 (HDR10) + Rec.709 (SDR). Alle Kameras (ARRI, RED, Sony) werden über IDTs in ACES normiert.
  2. VFX-Pipeline in Nuke: Compositing in ACEScg (lineares Licht). CGI-Elemente und Plate-Material aus verschiedenen Quellen werden in ACEScg konvertiert und gemeinsam gerendert. Viewer-Nodes nutzen einen ODT für die Darstellung am Monitor (Rec.709 ODT).
  3. Spielfilm-Postproduktion: Arri Alexa Footage (ARRI LogC4 → IDT) wird in ACEScc gegradet. Color Grading auf Dolby Vision + Rec.709 SDR gleichzeitig aus einer Grading-Session.
  4. Archivierung für Filmrestaurierung: Ein Filmstudio konvertiert digitales Footage in ACES2065-1 EXR-Sequenzen als unveränderliche Masterarchive gemäß ISO 20722.
  5. Game-VFX in Houdini/Unreal Engine: Houdini nutzt für VFX-Berechnungen ACEScg (lineares Licht); Unreal Engine 5 unterstützt ACES für konsistentes Tone-Mapping in Echtzeit-Rendering.

In der Praxis

DaVinci Resolve – ACES-Workflow:

  1. Neue Datenbank und Projekt anlegen
  2. Projekteinstellungen → Color Management → Color science: ACES
  3. ACES version: ACES 1.3 (oder 2.0 wenn verfügbar)
  4. ACES Input Transform: Kameramaterial-spezifisch (z. B. ARRI LogC4 / AWG4)
  5. ACES Output Transform: Rec.709 Gamma 2.4 (für SDR-Monitoring)
  6. Color grading in ACEScct-Raum

Nuke – ACES in OCIO: Nuke nutzt OpenColorIO (OCIO) für das Farbmanagement. Mit der ACES-OCIO-Konfiguration werden alle Farbräume automatisch verwaltet. Die Konfigurationsdatei (aces1.3config.ocio) wird im Projekt referenziert.

OpenColorIO (OCIO): ACES ist eng mit OpenColorIO verknüpft – dem offenen Farbmanagement-Framework der Academy. OCIO-Konfigurationsdateien definieren alle Transformationen (IDT, RRT, ODT) und können in Nuke, Fusion, Maya, Houdini, Blender und vielen anderen Tools genutzt werden.

Vergleich & Abgrenzung

ACES vs. Rec.709/Rec.2020: Rec.709 und Rec.2020 sind display-referred Standards – sie beschreiben, wie Farben auf Displays aussehen sollen. ACES ist scene-referred – es beschreibt die ursprüngliche Szenenbeleuchtung. ACES ist der Arbeitsfarbraum; Rec.709 und Rec.2020 sind Ausgabeformate.

ACES vs. DaVinci Wide Gamut (DWG): DaVinci Resolve's eigenes Farbsystem (DaVinci YRGB Color Managed) ist eine Alternative zu ACES. DWG ist proprietär aber eng in Resolve integriert. ACES ist der offene Industriestandard, der geräte- und herstellerunabhängig ist.

ACES vs. LOG-Formate: Log-Formate (S-Log3, ARRI LogC, Blackmagic Film) sind kameraspezifische Kodierungen. ACES normiert diese über IDTs in einen gemeinsamen Farbraum.

Häufige Fragen (FAQ)

Muss ich ACES für kleine Produktionen verwenden? Für einfache YouTube-Videos, kurze Werbefilme oder Schulprojekte ist ACES in der Regel überdimensioniert. Ein einfacher Rec.709-Workflow in DaVinci Resolve ist für diese Zwecke ausreichend. ACES lohnt sich bei: Multi-Kamera-Produktionen mit verschiedenen Kameramarken, Produktionen, die sowohl in HDR als auch SDR geliefert werden müssen, VFX-intensiven Projekten und Archivproduktionen mit langer Lebenserwartung.

Warum sieht ACES am Anfang der Grading-Session so anders aus? ACES-Material ohne Color Grading (also mit RRT und ODT auf Rec.709) sieht oft kontrast- und gesättigungsreich aus – manchmal zu viel im Vergleich zu einem einfachen Log-Workflow. Das liegt an der RRT (Reference Rendering Transform), die eine cinematische S-Kurve anwendet. Coloristen mit ACES-Erfahrung wissen, wie sie von diesem Ausgangspunkt aus effektiv gradern. Einige Studios verwenden daher Custom-LMTs (Look Modification Transforms), um einen neutraleren Ausgangspunkt zu schaffen.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Academy of Motion Picture Arts and Sciences (2019): ACES Specification S-2014-006: A Common File Format for the Exchange of Images in the Academy Color Encoding System. AMPAS.
  • Academy of Motion Picture Arts and Sciences (2021): ACES Technical Overview. AMPAS.
  • Kennel, Glenn (2006): „Color Encoding in Digital Cinema". In: SMPTE Motion Imaging Journal, 115(7–8), S. 282–291.
  • Giorgianni, Edward J. / Madden, Thomas E. (1998): Digital Color Management: Encoding Solutions. Addison Wesley.
  • OpenColorIO (2024): ACES Configuration Documentation.
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