Neue Haas Grotesk ist eine 2010 von Christian Schwartz für Commercial Type digitalisierte Rekonstruktion der ursprünglichen Haas-Grotesk von 1957, die die Korrekturen der Neue Helvetica (1983) rückgängig macht und den ursprünglichen Charakter der Schrift wiederherstellt.
Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Typografie – Schriften · Niveau: Einsteiger Designer: Max Miedinger, Eduard Hoffmann (Original 1957); Christian Schwartz (Digitalisierung 2010) · Jahr: 1957 (Original) / 1983 (Neue Helvetica) / 2010 (Neue Haas Grotesk, Schwartz) · Klassifikation: DIN 16518 Klasse VI – Serifenlose Linear-Antiqua (Neo-Grotesk)
Geschichte & Entstehung
Um die Neue Haas Grotesk zu verstehen, muss man die Schichtung ihrer Geschichte kennen. Es gibt drei wesentliche Stufen:
Stufe 1: Neue Haas-Grotesk / Haas'sche Schriftgießerei (1957–1960) Max Miedinger und Eduard Hoffmann entwickelten 1957 die Schrift für die Haas-Gießerei in der Schweiz. Sie hieß ursprünglich „Neue Haas-Grotesk" und zeichnete sich durch spezifische, sorgfältig balancierte Proportionen aus, die für den Bleisatz in verschiedenen optischen Größen optimiert waren – jede Größe hatte leicht angepasste Formen.
Stufe 2: Helvetica / Neue Helvetica (1960–1983) Als Linotype und Stempel die Schrift übernahmen und zu Helvetica umbenannten, begannen Vereinfachungen und Vereinheitlichungen. Die Neue Helvetica (1983) standardisierte alle Schnitte auf einheitliche digitale Proportionen und schuf ein nummeriertes System nach Univers-Vorbild. Dabei gingen die feinen Unterschiede der ursprünglichen Bleisatz-Größen verloren – was Typografen mit historischem Bewusstsein störte.
Stufe 3: Neue Haas Grotesk (2010) Christian Schwartz, einer der führenden amerikanischen Schriftgestalter, rekonstruierte für Commercial Type die ursprüngliche Haas-Grotesk auf Basis von Originalbleidrucken und Schriftproben aus den 1950er und 1960er Jahren. Das Ziel: keine Linotype-Helvetica, sondern das Original – mit seinen lebendigeren Proportionen, dem charakteristischeren Spacing und den Details, die bei der Digitalisierung verloren gegangen waren.
Parallel existiert als dritter Strang die „Helvetica Now" (2019, Monotype), die ebenfalls eine Neufassung anstrebt, aber andere Entscheidungen trifft: drei optische Größen (Micro, Text, Display) mit 48 Schnitten, stärker auf zeitgemäße digitale Anwendungen ausgerichtet.
Formale Merkmale
Die wesentlichen Unterschiede zwischen Neue Haas Grotesk, Neue Helvetica und Helvetica Now:
Neue Haas Grotesk (Schwartz, 2010):
- Offenere Buchstabenformen (besonders „a", „e", „g")
- Weniger eng gespactes Standard-Spacing
- Stärkere Beibehaltung der historischen Buchstabenvarianten
- Verzicht auf das strenge Linotype-Nummernsystem; traditionelle Schnittbezeichnungen
- Umfang: 16 Schnitte (nicht so umfangreich wie Neue Helvetica)
Neue Helvetica (Linotype, 1983):
- Harmonisierte, einheitliche Proportionen für alle Schnitte
- Nummeriertes System (25 Thin bis 95 Black)
- Enge Buchstabenabstände für kompakten Textsatz
- Standardisierte Terminals (alle waagerecht)
- 51 Schnitte insgesamt
Helvetica Now (Monotype, 2019):
- Drei optische Größen: Micro, Text, Display
- Jeweils angepasste Proportionen für die optimale optische Größe
- 48 Schnitte
- Verbesserte Lesbarkeit in kleinen Größen (Micro)
- Modernisiertes Spacing und Kerning
Die Qualität des Schriftbildes variiert erheblich: In großen Schriftgraden (Display) fallen die Unterschiede kaum auf; in kleinen Graden (9–12 pt Fließtext) zeigt die Neue Haas Grotesk durch offenere Formen und besseres Spacing eine leicht höhere Lesbarkeit als die strenge Neue Helvetica.
Typische Verwendung
Neue Haas Grotesk ist eine Schrift für Typografen, die die Geschichte kennen und auf historische Authentizität Wert legen:
- Design-Studios: Hochwertige Corporate-Identity-Projekte, bei denen die Differenz zur gewöhnlichen Helvetica gewünscht ist
- Verlagswesen: Verlage, die typografische Qualität signalisieren möchten
- Kulturinstitutionen: Museen, Galerien mit hohem Designanspruch
- Luxusgüter: Marken, die durch subtile typografische Qualität Exklusivität signalisieren
- Akademisch: Typografieausbildung als Lehrbeispiel für Schriftrevision und historische Rekonstruktion
Helvetica Now (die Monotype-Version) hat dagegen eine breitere Verbreitung in kommerziellen Digital-Projekten, da sie ausdrücklich für Screen-Typografie und responsive Design optimiert wurde.
Digitale Verfügbarkeit
- Neue Haas Grotesk (Schwartz): Commercial Type – ca. 50–350 USD je nach Lizenz; Web-Fontsupport inklusive
- Neue Helvetica: Linotype/Monotype; in Adobe Fonts und als Einzellizenz
- Helvetica Now: Monotype; in Adobe Fonts enthalten; als vollständige Familie käuflich
- Adobe Fonts: Beide Hauptversionen (Neue Helvetica und Helvetica Now) verfügbar
- Hinweis: Es ist wichtig zu unterscheiden, welche Variante man lizenziert, da Namen ähnlich klingen, aber unterschiedliche Schriften vorliegen
Vergleich & Abgrenzung
Neue Haas Grotesk vs. Neue Helvetica: Das ist der zentrale Vergleich. Die Neue Haas Grotesk bewahrt die Eigenheiten des Originals; die Neue Helvetica standardisiert und vereinheitlicht. Für Typografen, die die Haas-Grotesk-Ästhetik schätzen, ist erstere die richtigere Wahl; für systematische Corporate-Design-Anwendungen ist letztere praktischer.
Neue Haas Grotesk vs. Helvetica Now: Schwartz' Neue Haas Grotesk ist historisch orientiert; Helvetica Now ist zeitgemäß orientiert. Helvetica Now löst das Problem kleiner Schriftgrade durch optische Größen, Neue Haas Grotesk durch offenere Buchstabenformen.
Alle Helvetica-Varianten vs. Univers: Adrian Frutigers Univers bleibt der systematischere und in manchen Anwendungen kohärentere Ansatz. Die Helvetica-Familie ist in ihrer Geschichte komplexer und historisch verworrener.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum gibt es so viele verschiedene „Helvetica"-Versionen? Die Bezeichnung „Helvetica" ist bei Monotype/Linotype geschützt, aber die Schriftgeschichte ist komplex: Haas (Schweiz), Stempel (Deutschland) und Linotype (USA) hatten alle teils leicht unterschiedliche Versionen im Einsatz, die für verschiedene Drucktechnologien angepasst wurden. Bei der Digitalisierung entstanden weitere Versionen. Die Neue Haas Grotesk von Christian Schwartz ist der Versuch, die ursprünglichste Version zu rekonstruieren – quasi die „Ur-Helvetica" vor allen Kompromissen.
Für welche Projekte sollte man welche Version wählen? Für Screen-Design und Apps: Helvetica Now (beste digitale Optimierung). Für Corporate-Print in großen Schriftgraden: Alle Varianten funktionieren, Neue Haas Grotesk für mehr Charakter. Für systematische Unternehmenskommunikation mit vielen Schnitten: Neue Helvetica (größte Familie). Für typografische Aussage und historisches Bewusstsein: Neue Haas Grotesk (Schwartz).
Verwandte Einträge
- Helvetica – die Mutterversion und ihr Weg zur meistgenutzten Schrift der Welt
- Univers – Adrian Frutigers parallele systematische Grotesk
- Akzidenz-Grotesk – die historische Quelle, aus der beide schöpfen
Weiterführend
- Friedl, F., Ott, N. & Stein, B. (1998). Typographie – Wann, Wer, Wie. Köln: Könemann, S. 196–201
- Loxley, S. (2006). Type: The Secret History of Letters. London: I.B. Tauris, S. 172–180
- Lupton, E. (2010). Thinking with Type (2. Aufl.). New York: Princeton Architectural Press, S. 44–47
- Commercial Type. (2010). Neue Haas Grotesk: Specimen. New York: Commercial Type [Schriftmuster]
