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Open-Source-Schriften sind Schriften, deren Quellcode und Schriftdateien unter offenen Lizenzen veröffentlicht werden – sie dürfen kostenlos genutzt, modifiziert und weitergegeben werden, auch für kommerzielle Projekte.

Was ist eine Open-Source-Schrift?

Der Begriff „Open-Source-Schrift" bezeichnet eine Schrift, die unter einer offenen Lizenz steht, die freie Nutzung, Weitergabe und in der Regel auch Modifikation erlaubt. Die gebräuchlichste Lizenz für Schriften ist die SIL Open Font License (OFL), die 2005 von SIL International entwickelt wurde. Sie erlaubt:

  • Kostenlose Nutzung für private und kommerzielle Projekte
  • Einbettung in Dokumente, PDFs, Apps und Webseiten
  • Modifikation und Anpassung der Schrift
  • Weitergabe von Derivaten unter derselben Lizenz (Copyleft)

Die Apache License 2.0 ist ebenfalls verbreitet, insbesondere bei Schriften aus dem Google Fonts Ökosystem. Sie erlaubt ähnliche Freiheiten, ist jedoch etwas freizügiger in Bezug auf Namensrechte.

Im Gegensatz zu kommerziellen Schriften – bei denen jede Nutzungsart (Desktop, Web, App, Druck) eine eigene Lizenz erfordert – deckt die OFL alle Nutzungsformen in einem einzigen Dokument ab. Das ist ein wesentlicher Vorteil für Teams, die Schriften konsistent in verschiedenen Medien einsetzen.

Erklärung

Die wichtigsten Open-Source-Schriften

#### Inter

Inter ist die bedeutendste Open-Source-Schrift der letzten Jahre. Sie wurde von Rasmus Andersson entwickelt und 2017 veröffentlicht. Inter ist eine humanistische Grotesk, die speziell für Benutzeroberflächen optimiert wurde: kleines x, offene Formen, klare Lesbarkeit auch bei kleinen Schriftgrößen auf Bildschirmen.

Inter wird unter der SIL OFL veröffentlicht und ist heute Standard in zahlreichen Design-Systemen. Verwendungen: GitHub, Notion, Linear, Vercel, viele weitere Tech-Unternehmen. Besonderheit: Inter unterstützt seit Version 4.0 das Variable Font-Format mit mehreren Achsen (Gewicht, optische Größe).

Projektseite: rsms.me/inter

#### Source Sans Pro / Source Serif Pro / Source Code Pro

Adobe veröffentlichte 2012 mit Source Sans Pro die erste Schrift unter ihrer Open-Source-Schriftinitiative. Entworfen von Paul D. Hunt, ist Source Sans eine klare, moderne Grotesk in sechs Gewichten, die für digitale und Printmedien optimiert ist. Die Familie wurde 2023 zu Source Sans 3 aktualisiert mit Unterstützung für Variable Fonts.

Die Source-Familie umfasst:

  • Source Sans – humanistische Grotesk für Fließtext und UI
  • Source Serif – begleitende Serifenschrift für redaktionelle Inhalte
  • Source Code Pro – Monospace-Schrift für Code und technische Dokumentation

Alle drei Schriften sind aufeinander abgestimmt und können zusammen verwendet werden. Sie sind über Google Fonts und Adobe Fonts zugänglich.

#### IBM Plex

IBM Plex ist die Corporate-Schrift von IBM, die seit 2017 als Open Source veröffentlicht wird. Entworfen von Mike Abbink und dem Bold Monday Studio, umfasst die Familie:

  • IBM Plex Sans – serifenlose Hauptschrift
  • IBM Plex Serif – klassische Serifenschrift
  • IBM Plex Mono – Monospace für Code
  • IBM Plex Sans Condensed – kondensierte Variante

IBM Plex ist in 100+ Sprachen verfügbar und deckt durch umfangreiche Unicode-Unterstützung praktisch alle lateinischen, griechischen, kyrillischen und arabischen Schriftsysteme ab. Die Schrift steht unter der SIL OFL auf GitHub: github.com/IBM/plex

#### Noto Sans / Noto Serif

Noto ist Googles ambitioniertestes Schriftprojekt: Eine Familie, die alle Schriftsysteme der Welt abdecken soll – das Ziel ist die Eliminierung aller „Tofu"-Zeichen (leere Rechtecke für nicht darstellbare Glyphen). Noto Sans und Noto Serif umfassen heute über 100 Schriftsysteme und über eine Million Glyphen.

Noto ist besonders relevant für internationale Projekte mit mehrsprachigem Content. Die Schriften stehen unter der SIL OFL und sind über Google Fonts verfügbar.

#### Weitere bedeutende Open-Source-Schriften

  • Roboto (2011, Christian Robertson für Google): Die Android-Systemschrift, humanistische Grotesk mit mechanischen Zügen
  • Lato (2010, Łukasz Dziedzic): Warme, humanistische Grotesk, weit verbreitet in Corporate-Kommunikation
  • Merriweather (Eben Sorkin): Optisch angepasste Serifenschrift für Bildschirmlesbarkeit
  • Playfair Display (Claus Eggers Sørensen): Kontrastreich, klassisch, für Display-Einsatz
  • Libre Baskerville (Impallari Type): Neuinterpretation der Baskerville für Webfonts
  • Crimson Text / Crimson Pro (Sebastian Kosch): Klassische Buchschrift, inspiriert von Old Style Schriften
  • Josefin Sans (Santiago Orozco): Geometrische Grotesk der 1920er Jahre
  • Raleway (Matt McInerney et al.): Elegante Display-Schrift, bekannt für das doppelte W

#### Spezifisch für den deutschen Sprachraum

Das GUST e-foundry aus Polen stellt hochwertige Open-Source-Schriften für akademische und wissenschaftliche Zwecke bereit, darunter TeX Gyre-Varianten klassischer Schriften (Termes als Times-Variante, Pagella als Palatino-Variante etc.).

Schriftentwicklung und GitHub

Die meisten modernen Open-Source-Schriften werden auf GitHub entwickelt und gepflegt. Das ermöglicht:

  • Transparente Versionsverwaltung
  • Community-Beiträge (Bug Reports, Glyphen-Ergänzungen)
  • Nachverfolgbarkeit von Design-Entscheidungen
  • Einfachen Zugang zu Entwicklungsversionen

Tools wie FontForge (Open Source), Glyphs und RoboFont werden für die Schriftentwicklung eingesetzt. Das Format UFO (Unified Font Object) ist das bevorzugte Source-Format für Open-Source-Schriften, da es im Klartext-XML vorliegt und sich gut mit Versionskontrolle verträgt.

Beispiele

Open-Source-Schriften haben in professionellen Kontexten erheblich an Bedeutung gewonnen:

  • GitHub nutzt Inter als UI-Schrift
  • Notion setzt auf Inter für die Benutzeroberfläche
  • IBM veröffentlicht IBM Plex als Brand-Schrift (Corporate Identity)
  • Adobe nutzt Source Sans in eigenen Produkten und Dokumentationen
  • Wikipedia experimentiert mit Libre Caslon für redaktionelle Inhalte
  • Zahlreiche Start-ups und Tech-Unternehmen setzen Inter als Standard

Im Bildungsbereich – etwa bei der Lazi-Akademie – sind Open-Source-Schriften attraktiv, da Lernmaterialien ohne Lizenzbedenken weitergegeben werden können.

In der Praxis

Wann eignen sich Open-Source-Schriften?

Open-Source-Schriften sind besonders geeignet für:

  • Budget-bewusste Projekte ohne Schriftbudget
  • Open-Source-Projekte und gemeinnützige Organisationen, die ihre Materialien frei teilen
  • Bildungsmaterial, Tutorials und Dokumentationen
  • Design-Systeme, bei denen Entwickler und Designer gleichermaßen Zugang benötigen
  • Internationale Projekte mit Mehrspr

achigkeit (insbesondere Noto)

Qualitätsunterschiede beachten

Die Qualität von Open-Source-Schriften variiert erheblich. Professionell entwickelte Schriften wie Inter, IBM Plex oder die Source-Familie stehen kommerziellen Produkten in nichts nach. Einfachere Schriften können jedoch Mängel aufweisen bei:

  • Hinting (Bildschirm-Optimierung für kleine Schriftgrade)
  • Kerning (Abstände zwischen bestimmten Buchstabenkombinationen)
  • Glyphenumfang (fehlende Sonderzeichen, diakritische Zeichen)
  • Schriftschnitte (oft nur Regular und Bold, keine Zwischengewichte)

Bringhurst (2004) betont, dass eine Schrift über einen vollständigen Satz von Schnitten, Small Caps, Altziffern und Ligaturen verfügen sollte, um für professionellen Buchdruck geeignet zu sein. Bei Open-Source-Schriften ist das nicht immer gegeben.

Kombination mit anderen Schriften

Inter kombiniert gut mit:

  • Source Serif (gleiche gestalterische Familie)
  • Playfair Display (Kontrast durch klassische Serifenschrift)
  • IBM Plex Mono (Code-Inhalte)

Source Sans kombiniert gut mit:

  • Source Serif (abgestimmte Familie)
  • Playfair Display (editoriales Erscheinungsbild)

Grundsätzlich gilt die Empfehlung von Lupton (2010): Für Kombinationen aus zwei Schriften einen starken Kontrast zwischen humanistisch und geometrisch, oder zwischen Serif und Sans, wählen.

Vergleich & Abgrenzung

MerkmalOpen Source (OFL)Google Fonts CDNAdobe Fonts
KostenkostenloskostenlosCC-Abo
Nutzungsrechtesehr freifreiAbo-gebunden
Qualitätvariiertgutsehr gut
Desktop-Syncmanuellneinautomatisch
Modifikationerlaubterlaubtnicht erlaubt
DSGVOproblemlosCDN problematischkonform
Variable Fontszunehmendjaja

Häufige Fragen (FAQ)

Darf ich eine Open-Source-Schrift für ein Kundenlogo verwenden? Ja – die SIL OFL erlaubt die Nutzung in kommerziellen Projekten. Zu beachten ist die „Reserved Font Name"-Klausel: Modifizierte Versionen dürfen den Originalnamen nicht verwenden.

Kann ich eine OFL-Schrift in ein App einbetten? Ja – die OFL erlaubt die Einbettung in Anwendungen. Die Schrift muss jedoch unter der OFL weitergegeben werden, wenn die App selbst weitergegeben wird (Copyleft).

Wo finde ich hochwertige Open-Source-Schriften? Neben Google Fonts: The League of Moveable Type (theleagueofmoveabletype.com), Font Squirrel (freie kommerzielle Nutzung), GitHub (direkt bei den Projekten), Fontsource (npm).

Was ist der Unterschied zwischen OFL und Apache License? Beide erlauben freie kommerzielle Nutzung. Die OFL ist speziell für Schriften konzipiert und hat eine Copyleft-Komponente für modifizierte Schriften. Die Apache License ist allgemeiner und hat keine Copyleft-Anforderungen.

Gibt es professionelle Alternativen, die noch freier sind? Schriften unter CC0 oder Public Domain sind noch freier als OFL, aber sehr selten. Die meisten guten Open-Source-Schriften nutzen die OFL.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • SIL Open Font License: scripts.sil.org/ofl
  • Inter Font: rsms.me/inter
  • IBM Plex auf GitHub: github.com/IBM/plex
  • Google Fonts Knowledge: fonts.google.com/knowledge
  • Font Squirrel: fontsquirrel.com
  • Bringhurst, R. (2004): The Elements of Typographic Style. 3. Aufl. Hartley & Marks.
  • Lupton, E. (2010): Thinking with Type. Princeton Architectural Press.
  • Middendorp, J. (2012): Shaping Text. BIS Publishers.
  • Coles, S. (2012): The Anatomy of Type. Harper Design.
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