OpenType ist ein 1997 von Microsoft und Adobe gemeinsam entwickeltes Schriftdateiformat, das TrueType und PostScript-Technologien vereint und erweiterte typografische Features wie Ligaturen, Alternates, Kerning und mehrsprachige Unterstützung in einer einzigen Datei ermöglicht.
Rubrik: Grundlagen Gestaltung · Unterrubrik: Typografie Schriften · Niveau: Fortgeschritten
Was ist OpenType?
OpenType ist heute das Standard-Schriftformat für Desktop-Publishing, Webdesign und Drucktechnik. Anders als seine Vorgänger – TrueType (Apple/Microsoft, 1991) und PostScript Type 1 (Adobe, 1984) – wurde OpenType von Beginn an für plattformübergreifenden Einsatz und einen erheblich erweiterten Funktionsumfang konzipiert.
Eine einzelne OpenType-Datei (.otf oder .ttf) kann bis zu 65.536 Glyphen enthalten, läuft nativ auf Windows, macOS und Linux, unterstützt komplexe Schriftsysteme (Arabisch, Devanagari, CJK etc.) und enthält Tabellen für typografische Intelligenz: Kerning-Paare, Ligatur-Regeln, alternative Zeichen, kontextuelle Substitutionen und mehr.
Für professionelle Typografen ist das Wissen um OpenType-Features entscheidend: Viele hochwertige Schriften bieten Funktionen, die in Standard-Software nicht automatisch aktiviert sind.
Erklärung
Technische Vorgeschichte
PostScript Type 1 (1984): Adobe entwickelte PostScript als Seitenbeschreibungssprache und Type-1-Schriften als zugehöriges Schriftformat. Type-1-Schriften bestanden aus zwei Teilen (Screen-Font und Printer-Font) und waren durch Adobes Spezifikationen lange Zeit ein geschlossenes System.
TrueType (1991): Apple und Microsoft entwickelten als Reaktion auf Adobes Marktmacht gemeinsam TrueType. TrueType vereinte Screen- und Printer-Font in einer Datei und bot bessere Hinting-Möglichkeiten für Bildschirmdarstellung. Es wurde das dominierende Format auf Windows und macOS.
OpenType (1997–2000): Microsoft und Adobe arbeiteten gemeinsam an einem Format, das beide Technologien vereinte. OpenType kann sowohl TrueType- als auch PostScript-Outlines enthalten (erkennbar an .ttf vs. .otf) und erweitert beide um die OpenType-Feature-Tabellen.
OpenType-Feature-Tabellen
Das wichtigste technische Konzept von OpenType sind die GSUB (Glyph Substitution) und GPOS (Glyph Positioning) Tabellen:
GSUB (Glyph Substitution): Ermöglicht den Austausch von Glyphen basierend auf Regeln:
liga– Standardligaturen (fi, fl, ff)dlig– Diskretionäre Ligaturen (ct, st)swsh– Schwungbuchstaben (Swash)smcp– Small Caps (echte Kapitälchen, keine skalierten Versalien)onum– Old Style Numerals (Mediävalziffern)lnum– Lining Numerals (Versalziffern)frac– Echte Brüche (1/2 statt 1⁄2 aus separaten Zeichen)sups– Hochgestellte Zeichensalt– Stilistische Alternates
GPOS (Glyph Positioning): Kontrolliert die Abstände zwischen Glyphen:
kern– Kerning-Paaremark– Positionierung von Diakritikamkmk– Positionierung gestapelter Diakritika
OpenType-Versionen und Erweiterungen
OpenType 1.4 (2006): Erweiterte mehrsprachige Unterstützung, verbesserte Metadaten.
OpenType 1.8 (2016): Variable Fonts – die wichtigste Erweiterung seit der Einführung. Details dazu im Eintrag Variable Fonts: Technologie & Geschichte.
OpenType 1.9 (2021) / COLR v1: Farbige Schriften (Color Fonts) mit Gradienten, ermöglicht Emoji und dekorative Schriften mit echten Farbverläufen.
WOFF / WOFF2 (Web Open Font Format): Komprimierte Container-Formate für OpenType im Web, entwickelt 2009–2018. WOFF2 (Google, 2018) erreicht etwa 30 % bessere Kompression als WOFF.
Beispiele
Ligatur-Verwendung: In InDesign lassen sich Standardligaturen (liga) über Zeichenformate aktivieren. „fi" und „fl" werden dann als verbundene Glyphen gerendert, statt als getrennte Buchstaben.
Small Caps: Eine Schrift mit smcp-Feature stellt echte Kapitälchen bereit – geometrisch korrekte Kleinversalien mit derselben Strichstärke wie der Fließtext. Fake Small Caps (skalierte Versalien in Word) haben dünnere Striche und sehen unprofessionell aus.
Mediävalziffern: Mit onum werden Ziffern aktiviert, die Ober- und Unterlängen haben (3, 4, 5, 7, 9 reichen unter die Grundlinie). Für Fließtext eleganter; lnum liefert die standardmäßigen Versalziffern.
CSS-Implementierung: ``css font-feature-settings: "liga" 1, "kern" 1, "onum" 1; /* Oder mit font-variant (moderner): */ font-variant-ligatures: common-ligatures; font-variant-numeric: oldstyle-nums; ``
In der Praxis
InDesign: Das professionellste Umfeld für OpenType-Features. Über das Glyphen-Panel und die Zeichenformate sind alle Features einer Schrift zugänglich. Das „OpenType"-Untermenü im Zeichenformatmenü ermöglicht direkte Aktivierung.
Microsoft Word: Unterstützt seit Office 2010 grundlegende OpenType-Features – Ligaturen, Kerning, Zahlenformen – über den Erweiterten Zeichenformatierungs-Dialog.
Webfonts: Im Browser werden OpenType-Features über CSS font-feature-settings oder die moderneren font-variant-*-Eigenschaften gesteuert. Nicht alle Features werden von allen Browsern vollständig unterstützt.
Schriftkauf: Beim Kauf einer professionellen Schrift ist der OpenType-Feature-Umfang ein wichtiges Qualitätsmerkmal. Kostenlose Schriften haben oft eingeschränkte Glyphen-Vorräte; hochwertige OpenType-Schriften (z. B. Adobe Garamond Pro) können über 1.000 Glyphen und 30+ Features umfassen.
Prüfung: Das kostenlose Tool FontDrop (fontdrop.info) zeigt alle OpenType-Features und Glyphen einer Schriftdatei im Browser an.
Vergleich & Abgrenzung
| Aspekt | Type 1 | TrueType | OpenType |
|---|---|---|---|
| Jahr | 1984 | 1991 | 1997 |
| Plattform | Mac/PostScript | Mac/Windows | Universal |
| Max. Glyphen | 256 | 65.536 | 65.536 |
| Features (Ligaturen etc.) | Keine | Keine | Umfangreich |
| Variable Fonts | Nein | Nein | Ja (ab 1.8) |
| Status | Veraltet | Aktiv | Standard |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen .otf und .ttf? Beide sind OpenType-Dateien – der Unterschied liegt in der Art der Outline-Beschreibung. .otf enthält PostScript-Outlines (CFF), .ttf enthält TrueType-Outlines. Für den alltäglichen Einsatz ist der Unterschied kaum relevant; .ttf hat tendenziell besseres Hinting für niedrige Auflösungen.
Kann ich OpenType-Features in Canva oder Figma nutzen? Canva hat eingeschränkten OpenType-Support. Figma unterstützt seit 2020 grundlegende Features (Ligaturen, numerische Varianten). Für vollständigen Feature-Zugriff ist InDesign oder ein spezialisiertes Typografie-Tool erforderlich.
Was ist ein Glyph? Ein Glyph ist die spezifische grafische Form eines Zeichens. Ein Zeichen (z. B. „a") kann mehrere Glyphen haben – z. B. die Standard-Form, eine Swash-Variante und eine Small-Cap-Form.
Wie viele OpenType-Features aktiviert eine normale Schrift automatisch? Nur wenige: Kerning und Standardligaturen (liga) sind üblicherweise standardmäßig aktiv. Alle anderen Features müssen explizit aktiviert werden – entweder in der Software oder über CSS.
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Weiterführend
- Adobe Systems: OpenType Feature File Specification. adobe-type-tools.github.io, laufend aktualisiert.
- Microsoft: OpenType Specification. docs.microsoft.com/en-us/typography/, laufend aktualisiert.
- Haralambous, Yannis: Fonts & Encodings. O'Reilly Media, 2007.
- Lupton, Ellen: Thinking with Type. Princeton Architectural Press, 2. Aufl. 2010.
- Santa Maria, Jason: On Web Typography. A Book Apart, 2014.
