Palatino ist eine humanistische Serifenschrift des deutschen Typografen Hermann Zapf, erstmals 1948 bei der Stempel-Gießerei veröffentlicht, deren Formsprache von den Steininschriften und Handschriften der italienischen Renaissance geprägt ist.
Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Typografie – Schriftengeschichte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Palatino Linotype, Palatino Nova, Book Antiqua (Microsoft-Lizenz), Palladio
Was ist Palatino?
Palatino gehört zur Gruppe der humanistischen Antiquaschriften und verbindet die kalligrafische Handschrift des Quattrocento mit den Anforderungen moderner Typografie. Sie wurde nach dem Renaissance-Kalligrafen Giambattista Palatino (ca. 1515–1575) benannt. Ihr weiter Buchstabenabstand, die kräftigen Serifen und die ausdrucksstarken Achsverhältnisse machen sie zu einer der lesbarsten Schriften für Fließtexte.
Erklärung
Hermann Zapf entwarf Palatino zwischen 1948 und 1950 zunächst als Bleidruck-Schrift für die D. Stempel AG in Frankfurt. Zapf war nicht nur Typograf, sondern auch leidenschaftlicher Kalligraf und ließ in Palatino bewusst die Handschriftlichkeit der italienischen Renaissance einfließen – besonders die Proportionen und Strichführungen des 16. Jahrhunderts inspirieren den Gesamtcharakter der Schrift.
Die Palatino zeichnet sich durch folgende Merkmale aus: breite, offene Buchstabenformen, deutlich ausgeprägte Serifen mit eleganten Übergängen, ein relativ großes x-Höhe-Verhältnis für hohe Lesbarkeit sowie Strichachsen, die an die Feder eines Schreibers erinnern. Besonders die Minuskeln – die Kleinbuchstaben – wirken durch ihre Striche lebhaft und variationsreich, ohne dabei unruhig zu werden.
In den 1950er und 1960er Jahren gehörte Palatino schnell zu den beliebtesten Buchdruckschriften im deutschsprachigen Raum. Durch die Digitalisierung und den Eintritt in den Fotosatz erlebte die Schrift weitreichende Verbreitung. Microsoft lizenzierte eine Variante namens „Book Antiqua" für Windows, die allerdings in Details von der Original-Palatino abweicht. Zapf selbst war über diese lizenzrechtlichen Vorgänge nicht erfreut und setzte sich zeitlebens für eine adäquate Würdigung seiner Schriften ein.
2005 erschien Palatino Nova, eine überarbeitete Fassung mit erweiterten Zeichensätzen, verbesserten Hinting-Werten für den Bildschirm und neuen Schnitten, die Zapf gemeinsam mit Linotype entwickelte. Die Familie umfasst seither Regular, Medium, Bold, Italic sowie Titling- und Imperial-Varianten.
Palatino ist nicht nur eine Brotschrift, sondern auch eine Repräsentationsschrift: Ihre Formen transportieren Bildung, Tradition und Qualität – Werte, die sie für wissenschaftliche Publikationen, Buchverlage und akademische Institutionen gleichermaßen attraktiv machen.
Beispiele
- Apple macOS und iOS – Palatino ist seit den frühen macOS-Versionen im Systempaket enthalten und wird für Textverarbeitung und Bürodokumente verwendet.
- Akademische Dissertationen – Palatino ist eine der meistempfohlenen Schriften in Promotionsordnungen deutschsprachiger Universitäten (z. B. LMU München, Universität Wien).
- Bertelsmann/Penguin-Publikationen – Hochwertige Buchverlage setzen Palatino für Fließtexte in Sachbüchern und Belletristik ein.
- Deutsche Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) – Verwendung in zahlreichen Broschüren und Informationsschriften.
- Hermann Zapf: „Manuale Typographicum" (1954) – Zapfs eigenes Standardwerk zur Typografie setzt konsequent auf Palatino und gilt als Musterbeispiel für den gelungenen Schrifteinsatz.
In der Praxis
Palatino eignet sich hervorragend für Fließtexte in Büchern, wissenschaftlichen Texten und Magazinen. Bei kleinen Schriftgraden (ab 9 pt) entfaltet sie ihre volle Lesbarkeit; für Display-Zwecke ab 18 pt empfiehlt sich Palatino Nova Titling.
Kombinationen: Palatino harmoniert besonders gut mit geometrischen serifenlosen Schriften wie Futura oder Gill Sans als Kontrast-Schrift für Überschriften. Eine klassische Kombination ist Palatino für den Fließtext mit einer humanistischen Grotesk wie Optima (ebenfalls von Zapf) für Marginalien und Bildunterschriften.
Bezug und Lizenzen:
- Palatino Nova: erhältlich über Linotype/Monotype, Einzelschnitt ab ca. 35 €, Family-Pakete ab 150 €
- Palatino Linotype: Bestandteil des Microsoft Office-Pakets (lizenziert)
- Book Antiqua: kostenfrei in Windows enthalten
- Google Fonts: „IM Fell English" ist eine frei verfügbare Alternative mit ähnlichem Charakter
Vergleich & Abgrenzung
| Eigenschaft | Palatino | Garamond | Times New Roman |
|---|---|---|---|
| Ursprung | 1948, Zapf | 16. Jh., Garamond/Griffo | 1932, Morison |
| Charakter | Kalligrafisch, warm | Historisch, filigran | Neutral, kompakt |
| x-Höhe | Mittelgroß | Klein | Mittelgroß |
| Kontrast | Mittel | Hoch | Hoch |
| Ideal für | Bücher, Hochschulen | Literatur, Feindrucke | Zeitungen, Reports |
Gegenüber Garamond wirkt Palatino robuster und moderner; sie verzichtet auf die extreme Zierlichkeit einzelner Buchstabenteile und ist damit auch bei schlechterem Druck besser lesbar. Verglichen mit Times New Roman strahlt Palatino mehr Wärme und Persönlichkeit aus – sie ist weniger neutral, dafür repräsentativer.
Häufige Fragen (FAQ)
Wofür eignet sich Palatino besonders? Palatino ist die ideale Wahl für lange Lesetexte in Büchern, Dissertationen, Berichten und Magazinen. Ihre humanistische Grundstruktur schafft Vertrauen und Leseanreiz. In akademischen Kontexten gilt sie als Standardschrift für wissenschaftliche Arbeiten, weil sie Seriosität und Lesbarkeit verbindet. Für kurze Display-Texte und Headlines auf Web-Seiten ist Palatino weniger geeignet.
Was macht Palatino unverwechselbar? Die charakteristische Eigenheit von Palatino liegt in der kalligrafischen Strichführung, die an die Federschrift des Quattrocento erinnert. Buchstaben wie das „a", das „g" und das Kapitälchen „R" tragen eindeutige Signaturen Zapfs. Kein Computer-Algorithmus kann diese handwerkliche Handschrift vollständig replizieren – was Palatino gegenüber rein technisch konzipierten Schriften auszeichnet.
Weiterführend
- Zapf, Hermann (1954): Manuale Typographicum. Frankfurt: D. Stempel AG.
- Zapf, Hermann (2007): Alphabet Stories: A Chronicle of Technical Developments. Rochester: RIT Cary Graphic Arts Press.
- Pohlen, Joep (2011): Schrift & Typo. Kompendium der Schriftgestaltung. Köln: Taschen.
- Bringhurst, Robert (2004): The Elements of Typographic Style. 3. Aufl. Vancouver: Hartley & Marks.
- Tracy, Walter (1986): Letters of Credit: A View of Type Design. London: Gordon Fraser.
