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Times New Roman ist eine 1932 von Stanley Morison und Victor Lardent für die Tageszeitung The Times of London entworfene Zeitungsantiqua, die durch ihre hohe Lesbarkeit auf schlechtem Papier, ihre kompakten Proportionen und ihre massenhafte digitale Verbreitung zur meistgenutzten Schrift der Welt wurde.

Rubrik: Grundlagen der Gestaltung · Unterrubrik: Typografie – Schriften · Niveau: Einsteiger Designer: Stanley Morison, Victor Lardent · Jahr: 1932 · Klassifikation: DIN 16518 Klasse III – Barocke Antiqua (Transitional)


Geschichte & Entstehung

Die Entstehungsgeschichte der Times New Roman beginnt mit einer Provokation. Stanley Morison (1889–1967), Typografieberater der Monotype Corporation und einer der einflussreichsten Schrifthistoriker des 20. Jahrhunderts, veröffentlichte 1930 in einem Beitrag für die Zeitschrift der Times eine vernichtende Kritik an der typografischen Qualität der eigenen Zeitung. Morison bezeichnete den Schriftsatz der Times als veraltet und lieblos – ein bemerkenswerter Schritt, der den Herausgeber Harold Harmsworth, den zweiten Viscount Rothermere, veranlasste, Morison mit einer vollständigen typografischen Überarbeitung zu beauftragen.

Morison arbeitete mit dem Zeichner Victor Lardent (ein Grafiker der Times-Werbeabteilung) zusammen. Als Ausgangspunkt diente eine barocke Antiqua des 17. Jahrhunderts, die der Schrifthistoriker Morison selbst analysiert hatte: die „Plantin" von Robert Granjon, die Morison schon länger schätzte. Die neue Schrift sollte die Platzsparsamkeit und Robustheit einer Zeitungsschrift mit dem historischen Anstand klassischer Buchdruckschriften vereinen.

Am 3. Oktober 1932 erschien die Times erstmals in der neuen Schrift. Dem Zeitungspublikum fiel kaum etwas auf – was für Morison ein Zeichen des Erfolgs war: Eine gute Zeitungsschrift, so seine Überzeugung, sollte lesbar sein, ohne aufzufallen. Im gleichen Jahr lizenzierte Morison die Schrift für externe Nutzung bei Monotype, und Times New Roman begann ihre Verbreitung in Druckereien weltweit.

Der entscheidende Schritt zur weltweiten Dominanz war der Einsatz in Microsofts Windows 3.1 (1992) als eine der Systemschriften. Als Microsoft PCs in Büros und Haushalte einzogen, nahm Times New Roman den Status der universellen Standardschrift an – für Briefe, Berichte, wissenschaftliche Texte, Formulare. Akademische Einrichtungen weltweit schrieben sie als Schrift für Hausarbeiten vor, was eine Generation von Studierenden prägte.

Formale Merkmale

Times New Roman ist eine Transitional Antiqua – eine Übergangsform zwischen der humanistischen Renaissance-Antiqua und der rationalen klassizistischen Antiqua. Ihr Strichstärkenkontrast ist deutlich, aber nicht extrem (anders als Bodoni). Die Serifen sind gebracket (mit organischem Übergang) und relativ kurz und kräftig.

Wesentliches Merkmal ist die vergleichsweise große x-Höhe: Die Kleinbuchstaben sind im Verhältnis zur Versalhöhe groß, was die Lesbarkeit in kleinen Schriftgraden verbessert. Die Buchstaben sind breiter als bei Garamond, aber enger als bei vielen anderen Serifenschriften – das Platz sparende Prinzip der Zeitungsschrift.

Die Achsneigung folgt der klassizistischen Tradition: weitgehend senkrecht, weniger geneigt als bei humanistischen Schriften. Die Punzen (inneren Öffnungen) sind weit genug, um auf schlechtem Zeitungspapier nicht zuzulaufen. Die Strichstärken sind so bemessen, dass sie auch bei übermäßig viel Druckfarbe (Schmieren auf Zeitungspapier) noch lesbar bleiben.

Der Kursivschnitt ist enger als die Gerade und hat handschriftliche Elemente, ohne dramatisch von der Geraden abzuweichen. Der Bold-Schnitt ist durch deutlich stärkere Striche, aber ohne Proportionsänderung definiert.

Typische Verwendung

Times New Roman ist die Schrift der Institutionen und des Büros. Ihre Verbreitung verdankt sie weniger ästhetischer Wahl als technischer Vorinstallation:

  • Wissenschaft und Bildung: Standardschrift für akademische Hausarbeiten und Dissertationen an tausenden Hochschulen weltweit (oft in 12 pt, 2,5 cm Ränder)
  • Behörden und Verwaltung: Formulare, Amtsschreiben, Gerichtsurteile in vielen Ländern
  • Zeitungsdruck: Die Times of London selbst nutzte sie bis 1972, als sie auf Times Europa umstieg; viele andere Tageszeitungen haben Ableger verwendet
  • Office-Dokumente: Millionen von Briefen, Berichten, Lebensläufen
  • Juristische Texte: US-amerikanische Gerichtsdokumente und Schriftsätze

In der professionellen Gestaltung gilt Times New Roman heute als schwieriges Zeichen: Sie signalisiert „unbearbeitetes Dokument" oder fehlende typografische Entscheidung. Designstudios meiden sie bewusst und greifen für ähnliche Aufgaben auf Georgia, Palatino, Minion oder Freight Text zurück.

Digitale Verfügbarkeit

  • Windows: Vorinstalliert seit Windows 3.1 (1992) – in allen Windows-Versionen enthalten
  • macOS: Ebenfalls vorinstalliert, wenn auch Apple eigene Schriften bevorzugt
  • Microsoft Office: Default-Schrift für Word bis 2007 (dann durch Calibri ersetzt)
  • Google Fonts: Nicht direkt – aber Tinos (ChromeOS) ist eine metrisch-kompatible freie Alternative
  • Adobe Fonts: Nicht als Times New Roman, aber als Times Roman bei Adobe; verschiedene Varianten verfügbar

Die allgegenwärtige Verfügbarkeit ist zugleich das größte Problem: Times New Roman signalisiert in Designkontexten Unlust oder Unvermögen. Das ist kein Problem der Schrift selbst, sondern ihrer sozialen Konnotation.

Vergleich & Abgrenzung

Times New Roman vs. Garamond: Garamond ist feiner, eleganter und für Buchsatz in anspruchsvollen Produktionen besser geeignet. Times hat die größere x-Höhe und eignet sich besser für kleine Schriftgrade und schlechte Druckbedingungen. Garamond hat mehr Charakter und historische Tiefe, Times ist nüchterner und funktionaler.

Times New Roman vs. Georgia: Georgia (Matthew Carter, 1993) wurde explizit für Bildschirmlesbarkeit optimiert und ist die moderne Entsprechung für digitale Medien. Georgia hat größere x-Höhe, robustere Serifen und besseres Hinting als Times. In digitalen Kontexten ist Georgia deutlich überlegen.

Times New Roman vs. Palatino: Palatino (Hermann Zapf, 1948) ist breiter, mit größeren Innenräumen (Punzen) und einer handwerklicheren Ästhetik. Es wirkt weniger nüchtern als Times und eignet sich besser für anspruchsvolle Drucksachen.

Häufige Fragen (FAQ)

Warum schreiben Hochschulen Times New Roman vor? Die Vorschrift von Times New Roman (oder ähnlicher Schriften) in Schreibrichtlinien geht auf die Zeit zurück, als PCs noch nicht jede Schrift mitbrachten. Times New Roman war garantiert auf jedem Computer vorhanden, was Einheitlichkeit sicherstellte. Viele Schreibrichtlinien wurden seitdem nicht aktualisiert. Moderne Alternativen wie Calibri, Georgia oder Palatino Linotype sind funktional gleichwertig oder besser, werden aber in alten Vorschriften nicht genannt.

Hat Times New Roman etwas mit der Zeitung The Times zu tun? Ja, direkt. „New Roman" steht für eine neue Variante der Antiqua (Roman), die für die Times entwickelt wurde. Die Zeitung nutzte die Schrift von 1932 bis 1972 für ihren Textsatz, bevor sie auf modernere Presseschriften umstieg. Heute hat die Times eine eigene custom-Schrift, die aber auf der Times-Tradition aufbaut.

Verwandte Einträge

  • Garamond – die elegante Vorgängerin aus der Renaissance
  • Georgia – die bildschirmoptimierte Serifenschrift für digitale Medien
  • Bodoni – Antiqua mit maximalem Kontrast als ästhetisches Gegenstück

Weiterführend

  • Friedl, F., Ott, N. & Stein, B. (1998). Typographie – Wann, Wer, Wie. Köln: Könemann, S. 178–181
  • Loxley, S. (2006). Type: The Secret History of Letters. London: I.B. Tauris, S. 130–138
  • Lupton, E. (2010). Thinking with Type (2. Aufl.). New York: Princeton Architectural Press, S. 30–33
  • Morison, S. (1932). The Typography of The Times. London: The Times Publishing Company
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