Bio Art ist eine künstlerische Praxis, die mit lebenden Organismen – Bakterien, Pflanzen, Tieren, Zellen, Genen oder ganzen Ökosystemen – sowie biotechnologischen Verfahren wie Gentechnik, Gewebekultur und synthetischer Biologie als konstitutivem künstlerischen Material arbeitet.
Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medienkunst · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Biokunst, Biomediale Kunst, Wet Art, Living Art, Biotech Art
Was ist Bio Art?
Bio Art stellt die Frage: Was passiert, wenn Kunst lebt? Sie nutzt Organismen nicht als Bildmaterial oder Metapher, sondern als tatsächlich lebendiges, wachsendes, sterbendes Material. Damit betritt sie ethisch und wissenschaftlich hochkomplexes Terrain: Fragen nach dem Wert des Lebens, der Verantwortung gegenüber Lebewesen, der Kontrolle über biologische Prozesse und dem Verhältnis zwischen Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft stehen im Zentrum. Bio Art ist eine der provokantesten und meistdiskutierten Kunstformen der Gegenwart.
Erklärung
Entstehung und Pioniere (1990–2005)
Die institutionelle Bio Art entstand in den frühen 1990er Jahren, als biotechnologische Methoden für Künstlerinnen zugänglich wurden, die in Laborkontexten arbeiteten. Eduardo Kac, brasilianisch-amerikanischer Künstler, wurde mit dem Projekt "GFP Bunny" (2000) international bekannt: Er beauftragte Wissenschaftler, ein Kaninchen namens Alba gentechnisch mit einem fluoreszierenden Grünprotein aus einer Qualle zu verändern. Alba leuchtete unter UV-Licht grün. Das Projekt löste eine weltweite ethische Debatte aus – war es Kunst? Tierquälerei? Wissenschaftliche Provokation?
Oron Catts und Ionat Zurr gründeten 1996 das "Tissue Culture & Art Project" an der University of Western Australia und schufen Skulpturen aus in Nährmedien gezüchteten Tiergewebe – "Semi-Living Objects", die wachsen, sich verändern und sterben. Diese Objekte hinterfragen, was als lebendig, was als natürlich gilt, und welche Verantwortung Künstlerinnen gegenüber dem von ihnen erschaffenem Leben tragen.
Kritische Positionen und politische Dimensionen (ab 2000)
Steve Kurtz von Critical Art Ensemble wurde 2004 von US-Behörden verhaftet, weil Laborausrüstung in seinem Haus nach dem Tod seiner Frau für bioterroristisch gehalten wurde – ein drastisches Zeugnis für die politische Brisanz von Bio Art. Natalie Jeremijenko und ihre "Natalie Jeremijenko" genannte One-Tree-Projekt-Reihe untersuchte genetisch identische Bäume, die in unterschiedlichen sozialen Umgebungen wachsen, als Kommentar auf Umweltgerechtigkeit.
Synthetische Biologie und Designer-Organismen (ab 2010)
Mit dem Aufkommen der synthetischen Biologie und CRISPR-Genschere entstanden neue künstlerische Möglichkeiten und Verantwortlichkeiten. Künstlerinnen wie Alexandra Daisy Ginsberg arbeiten mit hypothetischen Organismen und "Extinct in the Wild"-Projekten, die ausgestorbene oder vom Aussterben bedrohte Arten thematisieren. Das Center for Genomic Gastronomy ist ein Künstlerkollektiv, das genetisch modifizierte Lebensmittel und Ökosysteme als kulinarisch-konzeptuelles Material untersucht.
Bioethik als Kunstkontext
Bio Art bewegt sich notwendig im Spannungsfeld zwischen Labor und Galerie, zwischen wissenschaftlicher Methode und ästhetischer Intention. Fragen der informierten Einwilligung – auch für nicht-menschliche Lebewesen –, der Biosicherheit und des Umgangs mit genetisch veränderten Organismen außerhalb von Labors sind ungelöste Probleme, die Bio Art strukturell begleiten.
Beispiele
- Eduardo Kac: GFP Bunny (2000) – Gentechnisch fluoreszierendes Kaninchen "Alba"; löste globale ethische Debatte über Kunst und Gentechnik aus.
- Oron Catts & Ionat Zurr: Victimless Leather (2004) – In Nährmedien gezüchtetes winziges "Jacket" aus Säugetierzellen; wächst, bis es absterben muss – ausgestellt u. a. im MoMA New York.
- Critical Art Ensemble: Contestational Biology (2002) – Performances und Interventionen, die transgene Lebensmittel und biotechnologische Konzerne thematisieren.
- Alexandra Daisy Ginsberg: The Substitute (2019) – Digitale Simulation eines nördlichen Breitmaulnashorns auf Basis von KI und biologischen Daten; Kommentar auf Artensterben.
- Neri Oxman: Wanderers (2014) – Computergenerierte Wearables, die in Symbiose mit Mikroorganismen funktionieren; Verbindung von Bio Art, Design und Architektur.
In der Praxis
Bio Art erfordert typischerweise den Zugang zu Laborinfrastruktur, was Kooperationen mit Universitäten und Forschungseinrichtungen notwendig macht. Residencies an spezialisierten Einrichtungen wie SymbioticA (University of Western Australia, Gründungsort des Tissue Culture & Art Project) bieten Künstlerinnen Laborzugang. Die Biohacker-Bewegung (Community Labs, Genspace in New York, Lab One in London) demokratisiert zunehmend biotechnologische Werkzeuge. Für einen konzeptuellen Einstieg empfehlen sich die Texte von Eugene Thacker und die Anthologie "The Aesthetics of Care" von SymbioticA.
Vergleich & Abgrenzung
Bio Art unterscheidet sich von Ökokunst oder Land Art dadurch, dass sie direkt in biologische Systeme eingreift, statt sie zu beobachten oder symbolisch zu thematisieren. Im Vergleich zu Generative Art basiert Bio Art nicht auf digitalen Algorithmen, sondern auf biologischen "Programmen" – DNA, Zellstoffwechsel, Evolution. Data Art kann biologische Daten visualisieren, ohne in das biologische System einzugreifen.
Häufige Fragen (FAQ)
Ist Bio Art ethisch vertretbar? Diese Frage wird innerhalb der Bio-Art-Community und darüber hinaus intensiv diskutiert. Viele Künstlerinnen sehen die ethische Provokation als zentralen Teil ihres Werks und arbeiten mit Bioethikerinnen zusammen. Andere kritisieren, dass künstlerische Intentionen keine ausreichende Rechtfertigung für Eingriffe in lebende Systeme darstellen. Es gibt keinen Konsens – die Debatte ist Teil des Werks.
Wo kann man Bio Art erleben? Das SymbioticA Lab in Perth, Australien ist das wichtigste Forschungs- und Ausstellungszentrum. Das Ars Electronica Festival widmet sich regelmäßig Bio Art. Die Natural History Museum-Schnittstelle und Kunsthochschulen mit naturwissenschaftlichen Kooperationen (z. B. Central Saint Martins, London) sind weitere Adressen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Kac, Eduardo (Hg.): Signs of Life: Bio Art and Beyond. MIT Press, Cambridge 2007.
- Catts, Oron / Zurr, Ionat: "Growing Semi-Living Sculptures." In: Leonardo, Vol. 35, No. 4, 2002.
- Thacker, Eugene: Biomedia. University of Minnesota Press, Minneapolis 2004.
