Barocke Schreibkunst bezeichnet die kunstvolle, von ausladenden Schwüngen und Zierschnörkeln geprägte Kalligrafie des 17. und frühen 18. Jahrhunderts, dokumentiert in prunkvollen Schreibmeisterbüchern.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Geschichte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Barockkalligrafie, Schreibmeisterkunst, Kalligrafie des Barock
Was ist die barocke Schreibkunst?
Die barocke Schreibkunst ist die Hochphase europäischer Zierkalligrafie zwischen etwa 1600 und 1750. Sie zeichnet sich durch reiche Verzierungen, kalligrafische Schnörkel (Flourishing) und virtuose Federschwünge aus. Die barocke Schreibkunst wurde von professionellen Schreibmeistern gepflegt, die ihr Können in repräsentativen Vorlagenbüchern zur Schau stellten.
Erklärung
Nachdem der Buchdruck die Textreproduktion übernommen hatte, verlagerte sich die Handschrift auf Repräsentation, Verwaltung und Unterricht. In diesem Umfeld entstand die barocke Schreibkunst als Statussymbol bürgerlicher und höfischer Bildung. Schreibmeister waren angesehene Lehrer, die Kaufleuten, Beamten und Schülern das „schöne Schreiben" beibrachten und ihre Fähigkeiten in gestochenen Vorlagenbüchern demonstrierten.
Typisch für die barocke Schreibkunst sind die fein gestochenen Kupferstich-Vorlagen, die haarfeine Haarstriche mit kräftigen Schattenstrichen kombinieren. Das Aufkommen der flexiblen Spitzfeder ermöglichte starke Strichkontraste durch wechselnden Druck. Federschwünge umrahmten oft ganze Seiten und mündeten in figürliche Darstellungen – Vögel, Bänder, Ornamente –, die mit einem einzigen Zug ausgeführt wurden. Die barocke Schreibkunst bereitete damit die spätere englische Schreibschrift (Copperplate) vor, deren technische Grundlagen sie legte.
Beispiele
- Jan van den Velde „Spieghel der Schrijfkonste" (1605): niederländisches Hauptwerk mit virtuosen Schwüngen.
- Schreibmeisterbücher deutscher Kanzleien: Vorlagen für Fraktur- und Kursivschriften.
- George Bickham „The Universal Penman" (1733–1741): Sammlung englischer Schreibmeisterblätter.
- Federzeichnungen mit „Command of Hand": ornamentale Schwünge ohne Absetzen.
- Höfische Urkunden und Widmungsblätter: repräsentative Anwendung.
In der Praxis
Wer barocke Schreibkunst nachvollziehen möchte, arbeitet heute meist mit der flexiblen Spitzfeder und übt zunächst grundlegende Schwünge (Drills), bevor figürliche Schnörkel folgen. Wichtig ist ein ruhiger, kontrollierter Druckwechsel: Haarstriche auf dem Aufstrich, Schattenstriche auf dem Abstrich. Originale Schreibmeisterbücher sind vielfach als Faksimile verfügbar und dienen als historische Vorlage.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Barocke Schreibkunst | Gotische Buchschrift |
|---|---|---|
| Werkzeug | flexible Spitzfeder | Breitfeder |
| Charakter | schwungvoll, ornamental | streng, gebrochen |
| Zweck | Repräsentation, Lehre | Buchproduktion |
Häufige Fragen (FAQ)
Was unterscheidet barocke Schreibkunst von der englischen Schreibschrift? Die barocke Schreibkunst ist die ornamentreiche Vorstufe; die englische Schreibschrift (Copperplate) systematisierte deren Spitzfedertechnik im 18. Jahrhundert zu einer klareren Gebrauchsschrift.
Wer pflegte die barocke Schreibkunst? Professionelle Schreibmeister, die als Lehrer wirkten und ihr Können in gedruckten Vorlagenbüchern dokumentierten.
Weiterführend
- Bickham, George (1941, Reprint): The Universal Penman. Dover Publications.
- Knight, Stan (2012): Historical Scripts. Oak Knoll Press.
- Mediavilla, Claude (2006): Histoire de la calligraphie française. Albin Michel.

