Die englischen Schreibmeister des 18. Jahrhunderts entwickelten und verbreiteten die Roundhand- und Copperplate-Schrift, die mit der flexiblen Spitzfeder geschrieben wird und bis heute Vorbild der formellen Kalligrafie ist.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Geschichte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: English Roundhand, Copperplate-Schule, Penmen, Writing Masters
Was sind die englischen Schreibmeister?
Die englischen Schreibmeister waren professionelle Schreiblehrer und Kalligrafen im England des 18. Jahrhunderts. Sie systematisierten die Spitzfederschrift Roundhand (auch Copperplate genannt) und verbreiteten sie über kunstvoll gestochene Vorlagenbücher. Die englischen Schreibmeister verbanden kaufmännische Gebrauchsschrift mit kalligrafischer Eleganz.
Erklärung
Der Begriff „Copperplate" rührt daher, dass die Vorlagen in Kupferplatten (copper plates) graviert und gedruckt wurden; die gestochenen Linien gaben der Schrift ihren feinen, kontrastreichen Charakter. Die englischen Schreibmeister knüpften an die niederländische und französische Tradition der Barocke Schreibkunst an, entwickelten daraus jedoch eine klarere, kommerziell nutzbare Gebrauchsschrift. Der Buchdruck hatte zuvor die professionellen Kopierschreiber weitgehend überflüssig gemacht; nun etablierten sich Schreibmeister als Lehrer einer hochstilisierten Handschriftkunst, die ausdrücklich mit dem mechanischen Druck nicht konkurrierte, sondern eine eigene Eleganz beanspruchte.
Zentrale Werke sind George Bickhams „The Universal Penman" (1733–1741), eine Sammlung von Blättern verschiedener Schreibmeister, sowie die Vorlagen von Charles Snell und John Ayres. Die englischen Schreibmeister legten Wert auf gleichmäßige Neigung (etwa 52 Grad), rhythmische Verbindungen und den kontrollierten Druckwechsel der flexiblen Spitzfeder. Schule machte dabei das Prinzip der sogenannten Drillübungen: Ovale, Spiralen und Auf- und Abstriche wurden in langen Reihen geübt, bevor der Lernende einzelne Buchstaben anging. Diese methodische Grundlage unterschied die englischen Schreibmeister von ihren Vorgängern, die häufig Buchstaben direkt imitieren ließen.
Die Roundhand wurde im 18. und 19. Jahrhundert zur internationalen Geschäfts- und Briefschrift und beeinflusste später die amerikanische Spencerian-Schrift sowie die Schulausgangsschriften. Bis heute orientiert sich die formelle Pointed-Pen-Kalligrafie an den Vorlagen der englischen Schreibmeister.
Die Verbreitung gelang auch durch Schulen und Handelsakademien, die das Schreiben mit der Spitzfeder als Berufskompetenz für Kontoristinnen und Kontoristen lehrten. In London und Bristol entstanden regelrechte Schreibschulen, die Zeugnisse für kaufmännische Schreibfertigkeit ausstellten. Dieser Bildungskontext machte die Roundhand zur meistgelehrten Schrift Englands im 18. Jahrhundert und sicherte ihrer Ästhetik eine Langzeitwirkung bis in die Gegenwart der formellen Kalligrafie.
Beispiele
- George Bickham „The Universal Penman" (1733–1741): Standardwerk der Roundhand, 212 Kupferstich-Tafeln.
- Charles Snell „The Art of Writing" (1712): strenge, regelbasierte Roundhand.
- John Ayres „A Tutor to Penmanship" (1698): früher Übergang von der Barockschrift zur Roundhand.
- Kaufmännische Korrespondenz: Roundhand als internationale Geschäftsschrift.
- Engrosser's Script: spätere, hochkalligrafische Ausprägung der Copperplate für Ehrenurkunden.
In der Praxis
Die Schriften der englischen Schreibmeister werden heute mit flexiblen Spitzfedern (z. B. Nikko G, Gillott) auf glattem Papier geübt. Charakteristisch sind eine konstante Neigung von etwa 52–55 Grad und die strikte Trennung von Haar- und Schattenstrichen. Einsteiger/innen beginnen mit Drill-Übungen für Ovale und Aufstriche, bevor sie Buchstaben verbinden. Historische Vorlagen aus dem „Universal Penman" sind als Dover-Reprint (1941) und frei zugänglich als digitale Scans verfügbar und dienen als Studienmaterial.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Englische Schreibmeister (Roundhand) | Italic / Kanzleikursive |
|---|---|---|
| Werkzeug | flexible Spitzfeder | Breitfeder |
| Strichkontrast | durch Druck erzeugt | durch Federwinkel erzeugt |
| Epoche | 18. Jahrhundert | 16. Jahrhundert |
Häufige Fragen (FAQ)
Ist Copperplate dasselbe wie Roundhand? Im Wesentlichen ja: Roundhand ist die englische Bezeichnung der Schrift, Copperplate verweist auf die Kupferstich-Vorlagen, über die sie verbreitet wurde.
Welches Werkzeug nutzten die englischen Schreibmeister? Die flexible Spitzfeder, deren Druckwechsel die charakteristischen feinen Haar- und kräftigen Schattenstriche erzeugt.
Welchen Neigungswinkel empfehlen die englischen Schreibmeister? Etwa 52–55 Grad von der Horizontalen; George Bickham und seine Zeitgenossen lehrten eine charakteristisch schräge, nach rechts geneigte Schrift.
Verwandte Einträge
- Barocke Schreibkunst
- Erfindung des Buchdrucks (Wirkung auf Handschrift)
- Schreibmeister der Renaissance
Weiterführend
- Bickham, George (1941, Reprint): The Universal Penman. Dover Publications.
- Henning, William E. (2002): An Elegant Hand: The Golden Age of American Penmanship. Oak Knoll Press.
- Knight, Stan (2012): Historical Scripts. Oak Knoll Press.
