Hieroglyphen sind die Bild- und Lautschrift des Alten Ägypten, die Zeichen für Wörter, Laute und Deutungshilfen kombinierte und über drei Jahrtausende verwendet wurde.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Geschichte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: ägyptische Hieroglyphen, hieroglyphics, Heilige Zeichen
Was sind Hieroglyphen?
Hieroglyphen sind das monumentale Schriftsystem des Alten Ägypten, das ab etwa 3300 v. Chr. belegt ist. Der Name stammt aus dem Griechischen und bedeutet „heilige Einritzungen", weil die Zeichen vor allem auf Tempeln und Gräbern erschienen.
Erklärung
Hieroglyphen verbinden drei Zeichenarten: Logogramme (ein Bild steht für ein Wort), Phonogramme (Zeichen für einen oder mehrere Konsonanten) und Determinative (stumme Deutungszeichen, die die Wortbedeutung klären). Diese Mischung macht die Hieroglyphen zu einem komplexen, zugleich bildhaften und lautlichen System. Im Gegensatz zu einem Alphabet schrieben die Ägypter dabei keine Vokale aus.
Zeichenbestand und Systematik
Der Zeichenbestand der Hieroglyphen ist groß: In der klassischen Periode wurden etwa 750 Zeichen regelmäßig verwendet, in der Spätzeit wuchs die Zahl auf mehrere tausend an. Die Zeichen sind bildhaft: Sie zeigen Menschen, Tiere, Pflanzen, Gebrauchsgegenstände und Himmelszeichen. Trotz dieser Bildhaftigkeit funktionieren sie nicht rein piktografisch. Ein Zeichen kann ein Wort bedeuten, einen Laut bezeichnen oder als stilles Bedeutungshinweis dienen. Erst wer alle drei Ebenen beherrscht, kann Hieroglyphen lesen.
Hieroglyphen konnten von links nach rechts, von rechts nach links und senkrecht geschrieben werden. Die Leserichtung zeigen die Figuren an: Man liest auf die menschlichen und tierischen Zeichen zu, also in Richtung, in die sie schauen.
Hieratisch und Demotisch
Neben der monumentalen Form gab es schneller schreibbare Varianten: das Hieratische für Verwaltung und Religion und später das Demotische für den Alltag. Die klassischen Hieroglyphen blieben für repräsentative Inschriften reserviert, während Hieratisch und Demotisch auf Papyrus und Ostraka (Tonscherben) flüssiger eingesetzt werden konnten. Damit hatte Ägypten ein nach Verwendungszweck abgestuftes Schriftsystem, ein früher Vorläufer der Unterscheidung zwischen Auszeichnungs- und Grundschrift.
Karthographie des Schriftbilds
Die ästhetische Qualität der Hieroglyphen war für die Ägypter nicht nebensächlich. Tempelinschriften sind sorgfältig in Raster gesetzt, Zeichen füllen Flächen harmonisch aus, Zwischenräume werden durch kleine Füllzeichen geschlossen. Das Ergebnis ist ein Schriftbild, das gleichzeitig Text und Ornament ist. Diese Verbindung von Inhalt und Bild macht Hieroglyphen zu einem frühen Beispiel für das, was in der modernen Gestaltung als Typografie und Layout bezeichnet wird.
Entzifferung: Der Stein von Rosette
Die Entzifferung gelang Jean-François Champollion 1822 mithilfe des Steins von Rosette, der denselben Text in Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch trug. Damit konnten die Hieroglyphen nach Jahrhunderten des Vergessens wieder gelesen werden, ein Meilenstein der Schriftgeschichte und der Ägyptologie. Vorarbeiten leistete Thomas Young, der erkannte, dass die Kartuschen (ovale Umrahmungen) Königsnamen enthalten. Champollion gelang der entscheidende Durchbruch, indem er nachwies, dass die Zeichen teils lautlich, teils bildlich funktionieren.
Bedeutung für die Schriftgeschichte
Hieroglyphen gehören zu den ältesten bekannten Schriftsystemen der Welt, zeitgleich mit der Keilschrift Mesopotamiens entstanden. Sie prägten die Schriftentwicklung des Mittelmeerraums indirekt: Das hieroglyphische Prinzip, aus Bildzeichen Lautzeichen abzuleiten, findet sich auch im phönizischen Alphabet, das möglicherweise auf kanaanäische Schriften mit ägyptischem Einfluss zurückgeht.
Beispiele
- Beispiel 1: Königsnamen in ovalen Kartuschen.
- Beispiel 2: Tempelinschriften in Karnak und Luxor.
- Beispiel 3: Das Totenbuch auf Papyrus.
- Beispiel 4: Der Stein von Rosette als Schlüssel zur Entzifferung.
- Beispiel 5: Grabwände mit bildhaften Opferszenen und Beischriften.
In der Praxis
Für Gestalter/innen sind Hieroglyphen ein frühes Beispiel dafür, wie Bild und Schrift zu einer Einheit verschmelzen. In der Kalligrafie und im Lettering werden ägyptische Motive gelegentlich zitiert, ohne den Anspruch echter Lesbarkeit. Wer Hieroglyphen verstehen will, braucht Kenntnisse über Logogramme, Phonogramme und Determinative, ein lohnendes Thema für Kurse zur Schriftgeschichte. In der Ausbildung von Medien- und Kommunikationsdesigner/innen dienen Hieroglyphen als Anschauungsbeispiel für bildhafte Kommunikation und die Frage, wo Bild endet und Schrift beginnt.
Vergleich & Abgrenzung
Hieroglyphen werden oft mit der Keilschrift verglichen; beide sind alt und gemischt aufgebaut, unterscheiden sich aber stark in Material und Erscheinung.
| Merkmal | Hieroglyphen | Keilschrift |
|---|---|---|
| Aussehen | bildhaft | keilförmig |
| Träger | Stein, Papyrus | Tontafel |
| Vokale | nicht geschrieben | nicht geschrieben |
| Herkunft | Ägypten | Mesopotamien |
Häufige Fragen (FAQ)
Sind Hieroglyphen nur Bilder? Nein. Hieroglyphen sind eine vollwertige Schrift, die Laute, Wörter und Deutungshilfen kombiniert. Sie können gesprochene Sprache abbilden, auch wenn die Zeichen bildhaft wirken.
Wie wurden Hieroglyphen entziffert? Jean-François Champollion entzifferte sie 1822 mithilfe des Steins von Rosette, der denselben Text in drei Schriften wiedergibt: Hieroglyphen, Demotisch und Griechisch. Der griechische Teil war lesbar und ermöglichte den Vergleich.
In welche Richtung werden Hieroglyphen gelesen? Die Leserichtung ist nicht fest: Texte laufen von links nach rechts, von rechts nach links oder von oben nach unten. Die Schaurichtung der dargestellten Figuren zeigt die Leserichtung an.
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Weiterführend
- Davies, W. V. (1987): Egyptian Hieroglyphs. British Museum Press.
- Allen, James P. (2014): Middle Egyptian. Cambridge University Press.
- Robinson, Andrew (2007): The Story of Writing. Thames & Hudson.
