Die Keilschrift ist das in Mesopotamien entstandene Schriftsystem, bei dem keilförmige Zeichen mit einem Griffel in feuchten Ton gedrückt wurden, eines der ältesten der Welt.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Geschichte · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: cuneiform, Keilschriftzeichen
Was ist Keilschrift?
Die Keilschrift ist ein Schriftsystem, das ab etwa 3300 v. Chr. im südlichen Mesopotamien entstand. Ihren Namen verdankt sie der charakteristischen Keilform der Zeichen, die durch das Eindrücken eines Schreibgriffels in Tontafeln entsteht.
Erklärung
Die Keilschrift entwickelte sich aus frühen Bildzeichen der Sumerer, die im 4. Jahrtausend v. Chr. im südlichen Mesopotamien (dem heutigen Irak) sesshaft waren. Anfangs zeichnete man Gegenstände noch erkennbar nach, etwa eine Ähre für Getreide oder einen Ochsenkopf für das Tier. Doch das Ritzen runder Linien in Ton war mühsam und zeitaufwendig. Daher ging man dazu über, mit einem dreieckig geschnittenen Rohr- oder Holzgriffel kurze, keilförmige Abdrücke zu setzen. Aus diesen Keilen setzten sich die Zeichen zusammen, das prägende Merkmal der Keilschrift.
Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Keilschrift von einer überwiegend logografischen (bildbasierten) zu einer gemischt logografisch-silbischen Schrift. Die Zeichen wurden abstrakter, die Verbindung zum ursprünglichen Bild verschwand. Gleichzeitig wurde das System für die Schreibung grammatischer Elemente und Eigennamen erweitert. Diese Entwicklung ist ein frühes Beispiel für das Rebus-Prinzip: Ein Zeichen für ein Wort wird auch für seinen Klangwert (Silbe) verwendet.
Die Keilschrift wurde von vielen Völkern übernommen und an unterschiedliche Sprachen angepasst, darunter Akkadisch, Babylonisch, Assyrisch, Elamisch und Hethitisch. Damit war die Keilschrift über rund drei Jahrtausende das dominierende Schriftsystem des Vorderen Orients. Erst in den letzten Jahrhunderten v. Chr. wurde sie allmählich durch das aramäische Alphabet verdrängt, das leichter zu erlernen und auf beschreibbaren Materialien wie Leder und Papyrus nutzbar war.
Die erhaltenen Texte spiegeln das gesamte Spektrum altorientalischer Schriftlichkeit: Tempelabrechnungen und Handelsverträge, Rechtskodizes wie der Kodex Hammurapi, mythologische Epen wie das Gilgamesch-Epos, astronomische Beobachtungen und diplomatische Korrespondenz. Das Archiv von Amarna, gefunden in Ägypten, enthält Briefe in akkadischer Keilschrift zwischen ägyptischen Pharaonen und Königen Vorderasiens, ein Beleg für die Funktion der Keilschrift als internationale Verkehrssprache der Antike.
Bedeutend ist auch die Entzifferung im 19. Jahrhundert: Georg Friedrich Grotefend entschlüsselte 1802 erste Fragmente der altpersischen Keilschrift. Henry Rawlinson lieferte in den 1840er-Jahren den entscheidenden Durchbruch, indem er die dreisprachige Inschrift von Behistun (altpersisch, elamisch, babylonisch) systematisch analysierte. Diese Entzifferung öffnete die Tür zur Altertumswissenschaft des Nahen Ostens.
Beispiele
- Beispiel 1: Wirtschaftstexte sumerischer Tempel auf Tontafeln.
- Beispiel 2: Das babylonische Gesetzeswerk, der Kodex Hammurapi.
- Beispiel 3: Das Gilgamesch-Epos in akkadischer Keilschrift.
- Beispiel 4: Die dreisprachige Behistun-Inschrift des Dareios.
- Beispiel 5: Diplomatische Briefe aus dem Archiv von Amarna.
In der Praxis
Für die Kalligrafie ist die Keilschrift weniger Schreibvorlage als historisches Vorbild für den grundlegenden Zusammenhang von Werkzeug und Form: Der Griffel formt die Keile, so wie später die Breitfeder die Stärke-Schwäche-Kontraste der lateinischen Schrift prägt. Das Werkzeug bestimmt die Ästhetik. In Museen und Schreibwerkstätten werden gelegentlich Tontafeln nachgebildet, um die Schreibtechnik der Keilschrift erlebbar zu machen und diesen Grundgedanken anschaulich zu vermitteln.
Für Schrift- und Mediengestalter/innen ist die Keilschrift Ausgangspunkt einer langen Entwicklungslinie: von den sumerischen Tontafeln über das Phönizisches Alphabet und das Griechisches Alphabet bis zu den lateinischen Buchstaben auf heutigen Bildschirmen. Wer diese Linie kennt, entwickelt ein tieferes Verständnis dafür, wie Schrift als kulturelle Technik entsteht und sich wandelt.
Vergleich & Abgrenzung
Keilschrift und Hieroglyphen entstanden fast zeitgleich, unterscheiden sich aber in Material und Form: Keile im Ton gegenüber gemalten und gemeißelten Bildzeichen.
| Merkmal | Keilschrift | Hieroglyphen |
|---|---|---|
| Material | Tontafel | Stein, Papyrus |
| Form | Keile | Bildzeichen |
Häufige Fragen (FAQ)
Ist Keilschrift ein Alphabet? Nein. Die Keilschrift ist überwiegend eine logografisch-silbische Schrift; sie bildet Wörter und Silben ab, nicht systematisch einzelne Laute wie ein Alphabet.
Womit wurde Keilschrift geschrieben? Mit einem keilförmig geschnittenen Schreibgriffel aus Rohr oder Holz, der in noch feuchten Ton gedrückt wurde. Die Tafeln trockneten anschließend oder wurden gebrannt.
Wer entzifferte die Keilschrift? Georg Friedrich Grotefend gelang 1802 eine erste Entzifferung der altpersischen Keilschrift. Der entscheidende Durchbruch kam in den 1840er-Jahren durch Henry Rawlinson, der die dreisprachige Behistun-Inschrift (altpersisch, elamisch, babylonisch) systematisch auswertete.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Walker, Christopher B. F. (1987): Cuneiform. British Museum Press.
- Glassner, Jean-Jacques (2003): The Invention of Cuneiform. Johns Hopkins University Press.
- Haarmann, Harald (2004): Geschichte der Schrift. C.H. Beck.
