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Jan Tschichold (1902–1974) begann seine Laufbahn als Kalligraf und Schreibmeister; die historische Schreibkunst der Renaissance blieb zeitlebens Grundlage seiner Schrift- und Typografie­arbeit.

Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Persönlichkeiten · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Jan Tschichold, Iwan Tschichold (Geburtsname)

Was ist Jan Tschichold (Schrift & Kalligrafie)?

Jan Tschichold ist heute vor allem als Typograf der „Neuen Typographie" bekannt – seine Wurzeln liegen jedoch in der Kalligrafie. Dieser Eintrag betrachtet ihn als Schreibmeister und Erforscher der historischen Schreibkunst.

Erklärung

Bevor Jan Tschichold zum Theoretiker der modernen Typografie wurde, erlernte er an der Leipziger Akademie für graphische Künste das Schreiben mit der Breitfeder. Schon als Jugendlicher beeindruckte ihn die Schrift Edward Johnstons, dessen Lehre über die Buchgewerbeschule nach Deutschland gelangte. Jan Tschichold beherrschte die humanistische Kanzleischrift (Cancelleresca) der italienischen Renaissance meisterhaft und schrieb selbst kalligrafische Vorlagen, Urkunden und Schriftproben. Diese handwerkliche Schreibkunst bildete das Fundament seines späteren Verständnisses von Proportion, Rhythmus und Schriftform.

Auch nach seiner Hinwendung zur sachlichen Typografie blieb die Kalligrafie für Jan Tschichold zentral. Er sammelte und erforschte historische Schreibmeisterbücher und gab 1945 die Schatzkammer der Schreibkunst heraus – eine Anthologie der schönsten Schriftproben vom 16. bis 18. Jahrhundert, von Arrighi über Palatino bis zu den Barock-Schreibmeistern. Tschicholds Wissen über die Renaissance-Schreibkunst floss in seine Antiqua-Schrift Sabon und in seine Typografie-Reformen ein. Damit verbindet der Name Jan Tschichold die historische Kalligrafie mit der modernen Schriftgestaltung. (Seine grafischen und typografischen Leistungen sind in eigenen Wiki-Einträgen ausführlich behandelt.)

Beispiele

  • Schatzkammer der Schreibkunst (1945): seine Anthologie historischer Schreibmeister-Vorlagen.
  • Kanzleischrift-Kalligrafie: sicheres Beherrschen der humanistischen Cancelleresca.
  • Frühe Schriftproben: kalligrafische Urkunden und Vorlagen aus seiner Leipziger Zeit.
  • Sabon (1967): Renaissance-Antiqua, gespeist aus seinem Wissen über historische Schreibkunst.
  • Sammlung Schreibmeisterbücher: Erforschung der Vorlagenwerke von Arrighi bis Bickham.

In der Praxis

Für Kalligrafen ist Tschicholds Schatzkammer der Schreibkunst eine wertvolle Quellensammlung historischer Schriftproben. Wer die Entwicklung der abendländischen Schreibkunst studieren will, findet hier Reproduktionen der wichtigsten Schreibmeisterbücher. Tschicholds Lebensweg zeigt zudem, wie eng Kalligrafie und Typografie zusammenhängen: Ein sicheres kalligrafisches Auge schult das Gefühl für Schriftproportion und Satzrhythmus.

Vergleich & Abgrenzung

MerkmalJan Tschichold (Schrift & Kalligrafie)Hermann Zapf
RolleKalligraf → Typograf, ForscherKalligraf → Schriftgestalter
Kalligrafisches WerkSchatzkammer der SchreibkunstFeder und Stichel
SchriftSabonPalatino

Wie Hermann Zapf verband Tschichold die Renaissance-Schreibkunst mit moderner Schriftgestaltung; Tschichold wirkte zudem als Sammler und Herausgeber historischer Schreibmeisterbücher.

Häufige Fragen (FAQ)

War Jan Tschichold ein Kalligraf? Ja. Er erlernte das Schreiben mit der Breitfeder an der Leipziger Akademie, beherrschte die humanistische Kanzleischrift und gab mit der Schatzkammer der Schreibkunst eine bedeutende Anthologie historischer Schriftproben heraus.

Was ist die Schatzkammer der Schreibkunst? Eine von Tschichold 1945 herausgegebene Sammlung der schönsten Schriftproben europäischer Schreibmeister vom 16. bis 18. Jahrhundert, bis heute eine zentrale Quelle für die Geschichte der Kalligrafie.

Weiterführend

  • Tschichold, Jan (1945): Schatzkammer der Schreibkunst. Birkhäuser, Basel.
  • Tschichold, Jan (1928): Die neue Typographie. Bildungsverband der Deutschen Buchdrucker, Berlin.
  • McLean, Ruari (1975): Jan Tschichold: Typographer. Lund Humphries, London.
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