Pergament und Vellum sind aus ungegerbter, gespannter und geglätteter Tierhaut hergestellte Schreibträger, die in der historischen Kalligrafie als hochwertige, dauerhafte Alternative zu Papier dienen.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Profi Synonyme / Auch bekannt als: Parchment, Vellum, Tierhautträger, Membran
Was ist Pergament und Vellum?
Pergament und Vellum sind beschreibbare Materialien aus Tierhaut. Pergament wird üblicherweise aus Schaf- oder Ziegenhaut gewonnen, das feinere Vellum traditionell aus Kalbshaut. Beide Schreibträger waren über Jahrhunderte das Standardmaterial europäischer Handschriften, bevor Papier sich durchsetzte. Wer mit Pergament arbeitet, erhält eine Oberfläche, die keine andere imitieren kann: gestochen scharfe Haarlinien, hervorragende Goldhaftung und die Möglichkeit, Fehler mit dem Messer herauszukratzen.
Erklärung
Herstellungsprozess
Die Herstellung von echtem Pergament und Vellum folgt einem handwerklichen Prozess, der sich seit dem Mittelalter kaum verändert hat:
- Kalkbad (5–7 Tage): Die frische Tierhaut wird in eine Kalklösung (Calcium-Hydroxid-Lauge) eingelegt. Das Kalkbad löst Haare und Oberhaut, tötet Bakterien ab und quillt die Kollagenfasern auf. Schaf- und Ziegenhäute brauchen etwas weniger Zeit als die dicke Kalbshaut.
- Spannen im Rahmen: Die gequollene, haarlose Haut wird über einen hölzernen Rahmen gespannt und mit Schnüren gesichert. Beim Trocknen zieht die Haut zusammen und muss gleichmäßig gespannt bleiben, sonst verzieht sie sich.
- Halbmondmesser (Lunellum): Während die Haut noch leicht feucht ist, schaben Pergamenter/innen mit dem halbmondförmigen Lunellum in kreisenden Bewegungen die Fleischreste (Innenseite) und Reste der Oberhaut (Außenseite) ab. Dieser Schritt bestimmt maßgeblich die Qualität der Oberfläche.
- Bimsstein-Politur: Nach dem vollständigen Trocknen wird die Haut mit Bimsstein in verschiedenen Körnungen geglättet. Man beginnt mit grober Körnung (etwa 120 Grit), arbeitet sich über 220 bis zu 400 Grit vor. Das Ergebnis ist eine gleichmäßige, leicht matte Oberfläche, die Tinte hervorragend annimmt.
Pouncing mit Sandarak
Vor dem Beschreiben wird echtes Pergament oft mit Sandarak-Pulver behandelt, dem sogenannten Pouncing. Sandarak ist ein natürliches Harz (gewonnen aus dem Sandarakbaum, Tetraclinis articulata), das in feiner Pulverform erhältlich ist. Das Verfahren:
- Einen kleinen Teelöffel Sandarak-Pulver auf die Pergamentfläche streuen.
- Mit einem weichen Baumwolltuch in kreisenden Bewegungen einarbeiten.
- Überschüssiges Pulver abklopfen oder abpusten.
- Das Ergebnis prüfen: Die Oberfläche sollte nun leicht rau und matt sein.
Sandarak entfettet die Haut, schließt die Poren minimal an und verhindert, dass Tinte ausläuft. Besonders hilfreich ist es, wenn Pergament bereits gealtert ist oder Fingerabdrücke aufweist.
Echter Tierhaut vs. Vegetable Parchment
Im Handel taucht häufig der Begriff „Pergamentpapier" auf, der zu Verwechslungen führt. Hier die Unterschiede:
| Merkmal | Echtes Pergament/Vellum | Vegetable Parchment |
|---|---|---|
| Material | Tierhaut (Kalb, Schaf, Ziege) | Zellulosepapier, säurebehandelt |
| Preis | 15–50 € pro Blatt | unter 1 € pro Blatt |
| Oberfläche | leicht rau, samtig | glatt, leicht durchscheinend |
| Korrekturen | Auskratzen möglich | kaum möglich |
| Langlebigkeit | Jahrhunderte | Jahrzehnte |
| Goldhaftung | ausgezeichnet | schlecht |
Vegetable Parchment (dt. Pergamentpapier oder Pergamynpapier) entsteht, indem normales Papier mit Schwefelsäure behandelt wird. Das verändert die Zellulose und ergibt eine pergamentähnliche Optik, aber ohne die Eigenschaften von echtem Tierhautmaterial. Für professionelle Kalligrafie und insbesondere für Vergoldung ist es kein gleichwertiger Ersatz.
Moderne Alternativen und Lieferanten
Lieferanten für echtes Vellum und Pergament
- William Cowley (UK, Schwerin, gegr. 1650): Einer der ältesten Pergamenter Europas, stellt Kalbsvellum, Schafpergament und Ziege her. Direktbestellung möglich, internationaler Versand.
- Pergamena (New York, USA): Betrieben von Jesse Meyer, der auch als „Gold Leaf & Metallic Powders"-Händler bekannt ist. Pergamena bietet ungewöhnliche Häute (z. B. Fischhaut-Vellum) und ist auf historische Buchbindearbeiten spezialisiert.
- Kleinere Pergamenter/innen finden sich vereinzelt in Deutschland und Österreich, oft über Buchbinderei-Fachverbände oder Handwerksmessen.
Preiseinordnung
Echtes Vellum und Pergament ist kostspielig: Ein Blatt Kalbsvellum im Format DIN A4 bis A3 kostet je nach Qualität und Anbieter zwischen 15 € und 50 €. Große Bögen (z. B. 50 × 70 cm) können 80–120 € erreichen. Das Kokosnuss- oder Fischhaut-Vellum von Spezialanbietern liegt am oberen Ende.
Moderne synthetische Alternativen
Wer die Haptik von Pergament schätzt, aber zu einem günstigeren Preis arbeiten möchte, hat einige gut geeignete Alternativen:
- Kozuke (Japan): Hochwertiges, büttenpapierähnliches japanisches Papier mit leicht rauer Oberfläche, nimmt Tinte sehr gut auf.
- Fabriano Pergamena: Italienisches Papier mit pergamentähnlicher Oberfläche und guter Festigkeit, ab ca. 1–3 € pro Blatt.
- Denril Multi-Media Vellum: Klarsichtiges, synthetisches Zeichenvellum (Kunststofffolie) für technische Anwendungen und Lettering, keine echte Pergament-Haptik, aber stabil gegenüber Feuchtigkeit.
Beispiele
- Mittelalterliche Codices: Bibeln und Stundenbücher auf Kalbsvellum.
- Urkunden und Diplome: Repräsentative Dokumente auf Pergament.
- Ketubot und Tora-Rollen: Rituelle Schriften auf koscherem Pergament (Klaf).
- Moderne Auftragskalligrafie: Ehrenurkunden auf echtem Vellum.
- Karten und Konzepte: Fabriano Pergamena als erschwinglicher Kompromiss.
In der Praxis
Pergament wird vor dem Beschreiben mit Bimssteinpulver oder Sandarak-Pouncing entfettet und poliert. Da das Material auf Luftfeuchtigkeit reagiert, sollte man direkten Hautkontakt mit der Schreibfläche meiden und das Stück mit einem sauberen Papier schützen. Im Sommer oder in feuchten Räumen kann sich Pergament unter dem Schreibdruck wellen; flaches Beschweren nach dem Schreiben hilft. Eisengallustinte (→ Eisengallustinte) und echtes Blattgold haften auf Vellum besonders gut.
Vergleich & Abgrenzung
Vellum und Pergament werden oft synonym gebraucht, doch Vellum bezeichnet streng das feinere Kalbsmaterial. Beide unterscheiden sich grundlegend von Papier.
| Merkmal | Pergament/Vellum | Papier |
|---|---|---|
| Material | Tierhaut | Pflanzenfaser |
| Korrektur | Auskratzen möglich | kaum möglich |
| Feuchteempfindlichkeit | hoch | gering |
| Preis | 15–50 € / Blatt | unter 1 € / Blatt |
| Goldhaftung | sehr gut | schlecht |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Pergament und Vellum? Pergament ist der Oberbegriff für unbehandelte, gespannte Tierhaut, meist aus Schaf oder Ziege. Vellum bezeichnet traditionell das feinere, glattere Material aus Kalbshaut. Im Alltag werden beide Begriffe oft gleichbedeutend verwendet, streng genommen ist Vellum die Spitzenqualität.
Warum kann man auf Pergament Fehler herauskratzen? Tinte zieht in die feste Hautoberfläche nicht tief ein, sondern bleibt nahe der Oberfläche. Mit einem scharfen Federmesser lässt sich die oberste Schicht samt Tinte vorsichtig abschaben, ohne das Material zu zerstören. Das ist einer der größten praktischen Vorteile gegenüber Papier.
Wie teuer ist echtes Vellum? Je nach Anbieter und Qualität kostet ein Blatt Kalbsvellum im Format A4 bis A3 zwischen 15 € und 50 €. Spezialformate und ungewöhnliche Häute liegen höher. Moderne Alternativen wie Fabriano Pergamena bieten eine ähnliche Optik zu einem Bruchteil des Preises.
Wie lange hält das Pouncing-Pulver? Sandarak-Pulver hält sich trocken gelagert nahezu unbegrenzt. Nach dem Auftragen auf Pergament sollte man zügig schreiben, da die Wirkung nach einigen Stunden nachlässt, besonders bei Feuchtigkeit.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Drogin, Marc (1980): Medieval Calligraphy: Its History and Technique. Dover Publications.
- de Hamel, Christopher (1992): Scribes and Illuminators. University of Toronto Press.
- Reed, Ronald (1972): Ancient Skins, Parchments and Leathers. Seminar Press.
- Clemens, Raymond; Graham, Timothy (2007): Introduction to Manuscript Studies. Cornell University Press.
