Spitzfeder ist eine biegsame Metallfeder mit feiner Spitze, deren beide Spitzenhälften sich unter Druck spreizen und so die Strichkontraste der Pointed-Pen-Schriften erzeugen.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Werkzeuge & Materialien · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Pointed Pen, Flexfeder, flexible nib, pointed nib
Was ist eine Spitzfeder?
Die Spitzfeder ist eine spitz zulaufende, elastische Feder, die im Druck nachgibt: Übt man beim Abstrich Druck aus, spreizen sich die beiden Spitzenhälften (Tines) und geben einen breiten Schattenstrich; ohne Druck entsteht ein feiner Haarstrich. Damit ist die Spitzfeder das Gegenstück zur Breitfeder.
Erklärung
Die Spitzfeder ist das definierende Werkzeug der Pointed-Pen-Kalligrafie: englische Schreibschrift (Copperplate/Kupferstich), Spencerian und modernes Pointed-Pen-Lettering. Der Strichkontrast entsteht nicht durch einen Winkel, sondern durch die Dosierung des Drucks. Die Elastizität der Feder bestimmt, wie stark sich die Spitze spreizen lässt: sehr flexible Federn erlauben dramatische Kontraste, steifere Federn sind anfängerfreundlicher.
Spitzfedern werden in der Regel in einen schräg gestellten Halter (Oblique) eingesetzt, weil die stark geneigten Pointed-Pen-Schriften so ergonomischer zu schreiben sind. Vor dem ersten Gebrauch muss die Feder entfettet werden, sonst perlt die Tinte ab. Geschrieben wird mit verdünnter Tusche oder spezieller, gut fließender Tinte; zu dickflüssige Tusche verklebt die feine Spitze. Weil die Spitze beim Aufstrich leicht im Papier hängen bleibt, ist glattes, gut geleimtes Papier entscheidend.
Das Vent Hole (Lüftungsloch)
Jede Spitzfeder hat ein kleines rundes Loch zwischen Spitze und Federkörper: das Vent Hole. Es erfüllt zwei Aufgaben: Erstens beeinflusst es die Flexibilität der Feder, da es einen Spannungsausgleich im Metall erlaubt. Zweitens zeigt es die maximale Tauchtiefe beim Befüllen an. Die Feder darf nur bis zum Vent Hole in die Tinte eingetaucht werden, nicht tiefer. Taucht man weiter ein, füllt sich der Bereich oberhalb und die Feder gibt beim Absetzen auf dem Papier einen unkontrollierten Tintenklecks ab.
Federntypen und ihre Eigenschaften
Spitzfedern unterscheiden sich erheblich in Flexibilität und Charakter. Wichtige Modelle und ihre Eigenschaften:
- Nikko G (Japan): Mittelflexibel, robuste Stahllegierung, für Copperplate und moderne Pointed-Pen-Schriften ideal. Die beliebteste Einsteiger-Feder weltweit. Vergibt viele Fehler und hält sehr lange. Preis: ca. 0,40–0,80 €.
- Brause 361 Steno (auch „Blue Pumpkin"): Benannt nach der charakteristischen blauen Schutzlackierung. Sehr weich und flexibel, erzeugt dramatische Kontraste. Für Fortgeschrittene, die maximalen Schwung wollen. Preis: ca. 0,50–1,00 €.
- Gillott 303 (England): Sehr flexibel, für erfahrene Schreiber/innen. Reagiert sehr sensibel auf Druck und verlangt präzise Druckkontrolle. Historisch das meistverkaufte Schreibwerkzeug des 19. Jahrhunderts. Preis: ca. 0,20–0,50 €.
- Gillott 404: Mittelflex, gilt als Allrounder. Weniger flexibel als die 303, dafür gutmütiger beim Aufstrich. Gut für regelmäßiges Üben. Preis: ca. 0,20–0,50 €.
- Hunt 101 (USA): Sehr weich und schmalspurig, traditionell für Ornamental Penmanship verwendet. Erzeugt haarfeine Aufstriche. Preis: ca. 0,30–0,70 €.
- Leonardt Principal EF (England): Extrem flexibel, Spezialists-Feder für Spencerian Script. Reagiert auf geringsten Druck. Nur für Fortgeschrittene geeignet. Preis: ca. 0,80–1,50 €.
Druckkontrolle üben
Die häufigste Schwierigkeit für Einsteiger/innen ist die gleichmäßige Druckkontrolle: zu viel Druck auf dem Aufstrich lässt die Spitze im Papier hängen und bricht die Feder; zu wenig Druck auf dem Abstrich ergibt flache, ausdruckslose Schrift.
Konkrete Übungssequenzen:
- Oval-Übungen: Große, gleichmäßige Ovale schreiben, beim Abstrich (rechte Seite des Ovals) sukzessive mehr Druck geben, beim Aufstrich (linke Seite) komplett entspannen. Zehn Reihen täglich.
- Wellenlinie: Gleichmäßige sinusförmige Linien über das Blatt ziehen. Druck auf den Abstrichen, Entspannung auf den Aufstrichen. Trainiert den Wechsel-Rhythmus.
- Druck-Entspannung-Sequenz: Kurze senkrechte Abstriche mit maximalem Druck wechselnd mit feinen Aufstrichen ohne Druck. Das Ziel: der Übergang soll fließend und kontrolliert erfolgen, ohne Rucken.
Geeignetes Papier für die Spitzfeder: Clairefontaine Triomphe (90 g/m², extrem glatt) und Rhodia Dot Pad sind besonders empfehlenswert, da die Oberfläche so glatt ist, dass die Spitze nie hängt.
In der Praxis
Neue Spitzfedern werden mit Spülmittel, Speichel oder kurzem Abflammen entfettet. Eingesetzt in einen Oblique-Halter, wird nur bis zum Vent Hole getaucht. Druck nur auf Abstrichen, niemals auf Aufstrichen, sonst spreizt sich die Spitze gegen die Schreibrichtung und spritzt. Nach Gebrauch sofort reinigen und trocknen. Spitzfedern sind Verschleißteile und müssen ersetzt werden, wenn die Spitze ihre Elastizität verliert oder ausfranst.
Vergleich & Abgrenzung
Die Spitzfeder wird oft mit der Breitfeder verwechselt, obwohl ihr Funktionsprinzip umgekehrt ist.
| Merkmal | Spitzfeder | Breitfeder |
|---|---|---|
| Kontrast durch | Druck | Federwinkel |
| Spitze | spitz, flexibel | gerade, breit |
| Typische Schriften | Copperplate, Spencerian | Italic, Unziale |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der Unterschied zwischen Spitzfeder und Breitfeder? Die Spitzfeder erzeugt Kontraste durch Druck, der die elastische Spitze spreizt; die Breitfeder durch den Winkel ihrer breiten, starren Kante. Sie eignen sich für jeweils andere Schriftfamilien.
Welche Spitzfeder eignet sich für Anfänger/innen? Für Einsteiger/innen eignet sich eine mittelflexible Feder wie die Nikko G, weil sie gutmütiger reagiert als sehr weiche Federn und beim Aufstrich seltener im Papier hängt.
Wie lange hält eine Spitzfeder? Das hängt von Schreibdruck, Tinte und Papier ab. Bei regelmäßigem Üben (täglich 30 Minuten) hält eine Nikko G oft mehrere Monate. Zeichen für Verschleiß: Die Spitze verliert Elastizität, die Tines spreizen ungleichmäßig oder die Feder beginnt zu kratzen.
Was bedeutet „Tines" bei einer Spitzfeder? Tines sind die beiden Hälften der Federspitze, die beim Abwärtsstrich auseinandergedrückt werden und so den breiten Schattenstrich erzeugen. Der Schlitz zwischen den Tines leitet die Tinte durch Kapillarwirkung auf das Papier.
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Weiterführend
- Henning, William E. (2002): An Elegant Hand: The Golden Age of American Penmanship. Oak Knoll Press.
- Mediavilla, Claude (2006): Kalligraphie. Verlag Hermann Schmidt.
- Sull, Michael (2018): Spencerian Script & Ornamental Penmanship. Lettering Arts.
