Audiomixer (auch Tonmischpult oder Audiokonsole) in der Broadcast-Regie ist das zentrale Gerät zur Kontrolle, Mischung und Aussteuerung aller Tonquellen einer Fernsehsendung, von Studiomikrofonen bis zu eingespeisten Live-Signalen.
Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: Broadcast & TV-Produktion · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Tonmischpult, Audiokonsole, Mixing Board, Broadcast-Mischpult, Tontechnik
Was ist ein Audiomixer im Broadcast?
In der Fernsehproduktion ist der Ton genauso wichtig wie das Bild, oft hört man einen Fehler, bevor man ihn sieht. Der Audiomixer in der Broadcast-Regie sorgt dafür, dass alle Tonquellen, Moderationsmikrofone, Gästemikrofone, Einspielfilme, Jingles, Live-Schalten, Simultanübersetzungen, sauber zusammengefügt werden und den Tonstandards entsprechen. Der Tonmeister (Tonregisseur, Sound Engineer) ist der Spezialist, der dieses Pult bedient.
Erklärung
Aufbau eines Broadcast-Audiomixers
Professionelle Broadcast-Audiomixer sind digitale Konsolen mit folgenden Hauptkomponenten:
1. Eingangskanäle (Input Channels) Jeder Kanal verarbeitet eine Tonquelle. Typische Broadcast-Konsolen haben 24–64 oder mehr Eingangskanäle:
- Fader: Pegelregler (Schieberegler) für die Lautstärke des Kanals
- Channel Strip: EQ (Klangregelung), Dynamics (Kompressor, Gate), Insert-Punkt, Pan
- Pre/Post Fader Sends: Für Monitorwege (IEM der Moderatoren, Regie-Abhörung)
- Solo/Mute: Einzelnes Abhören oder Stummschalten eines Kanals
2. Summenbusse (Buses/Groups) Kanäle werden auf Summenwege (Busse) geroutet:
- Main Mix (L/R): Der Hauptausgang (Program-Ton), geht an den Sendeausgang
- Aux Sends: Weitere Ausgänge, z. B. für Webcasting, Intercom, Monitore
- Group-Fader: Gruppierungen (z. B. alle Mikrofone zusammen)
- Matrix: Flexibles Routing-System für komplexe Ausgangsstrukturen
3. Monitoring
- Control Room Monitor: Regie-Abhöranlage (Regisseur und Tonmeister hören Programm-Mix)
- PFL/AFL (Pre/After Fader Listen): Abhören einzelner Kanäle vor/nach Fader
- VU/PPM-Meter: Pegelmessung zur Lautheitskontrolle (PPM nach EBU, VU nach ANSI)
4. Automation Moderne Konsolen erlauben Automations-Recall: Szenengespeicherte Einstellungen können auf Knopfdruck abgerufen werden, nützlich bei sich wiederholenden Sendungsstrukturen.
Wichtige Hersteller im Broadcast
| Hersteller | Modell | Einsatz |
|---|---|---|
| Studer (Harman) | Vista 5 M2, Infinity | Flaggschiff öffentlich-rechtlicher Sender |
| Lawo | mc²96, mc²56 | ARD, ZDF, ORF, SRF |
| SSL (Solid State Logic) | System T, C300 | BBC, große Produktionen |
| Calrec | Apollo, Artemis | Sportübertragungen, BBC |
| Yamaha | PM10, QL5 | Mittelgroße Produktionen |
| Neve | AMS Neve GENESYS | Hochwertige Audio-Produktion |
| DiGiCo | SD12, Quantum | Live-Events, mittlere Studios |
ARD und ZDF setzen primär auf Lawo-Mischpulte. Lawo ist ein deutsches Unternehmen (Karlsruhe) und hat eine enge Beziehung zum deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Tonstandards im Broadcast
EBU R 128, Lautheitsstandard ([EBU R 128: Lautheitsstandard im Broadcast](/wiki/mediendesign-digitale-medien/broadcast/ebur128-broadcast/))
Alle Broadcast-Produktionen in Europa müssen EBU R 128 erfüllen:
- Integrated Loudness: -23 LUFS (±1 LU Toleranz)
- Der Tonmeister überwacht die Lautheit in Echtzeit mit einem Loudness Meter
Pegelstruktur im Broadcast:
- Referenzpegel: -18 dBFS ≈ 0 dBu (bei PPM-Messung)
- True Peak-Maximum: -1 dBTP (sicherer Headroom für D/A-Konverter und Broadcast-Kette)
Mehrkanal-Audio (5.1 Surround): Fernsehproduktionen, besonders Spielfilme, Dokumentationen und Sport, werden häufig in 5.1 Surround (L/R/C/LFE/Ls/Rs) abgemischt. Die Downmix-Kompatibilität zu Stereo muss sichergestellt sein (ITU-R BS.775).
IP-Audio im Broadcast
Moderne Broadcast-Studios setzen zunehmend auf AoIP (Audio over IP):
- Ravenna/AES67: Standardisiertes IP-Audio-Protokoll für professionellen Broadcast
- DANTE: Im semi-professionellen Bereich weit verbreitet
- MADI (Multichannel Audio Digital Interface): Serielles Hochkanal-Digital-Audio auf Koaxialkabel oder Glasfaser
Lawo und Studer unterstützen alle genannten Protokolle. IP-Audio ermöglicht flexible, netzwerkbasierte Audio-Verteilung ohne physische Kabelverbindungen.
Tonregie-Workflow im Live-Betrieb
Vor der Sendung:
- Einpegeln: Alle Mikrofone einchecken und auf Referenzpegel einstellen
- Szenen laden: Gespeicherte Pult-Konfiguration für das konkrete Sendungsformat abrufen
- Soundcheck Gäste: Sprachpegel, Sitz-Position prüfen
- IEM-Monitoring einrichten: In-Ear-Monitor für Moderatoren konfigurieren
Während der Sendung:
- Mikrofone im richtigen Moment aufziehen (Fader rauf)
- Rückkopplungen (Feedback) verhindern, oft durch Auto-Mute-Systeme unterstützt
- Lautheits-Echtzeit-Überwachung auf EBU R 128-Konformität
- Einspielfilme im richtigen Pegel einspielen
Beispiele
Live-Talkshow: Ein Gast spricht leiser als der Moderator. Der Tonmeister zieht den Gast-Fader dezent hoch. Gleichzeitig sorgt ein Sidechain-Kompressor dafür, dass Hintergrundmusik duckt, wenn gesprochen wird.
Nachrichtensendung: Einspielfilme haben Stereo-Ton, während der Moderator mono gesprochen hat. Der Tonmeister kalibriert die Aussteuerung jeder Quelle für einheitlichen Programm-Mix.
OB-Van Sportübertragung: Kommentator, Außenreporter, Studiosprecher und Stadionatmosphäre müssen sauber gemischt werden. Das Pult im Outside Broadcast (OB-Van): Mobile Produktion-Van hat oft 40–80 Eingangskanäle.
In der Praxis
Tonmeister im Broadcast sind hochspezialisiert und selten. Gute Tonmeister haben ein tiefes Verständnis von Akustik, Elektrotechnik und menschlicher Wahrnehmung. Ausbildungswege: BA/MA Tonmeister (z. B. Hochschule für Musik Detmold, UdK Berlin), Ausbildung Mediengestalter Bild und Ton.
Vergleich & Abgrenzung
| Pult | Broadcast-Mixer | Live-FOH-Mixer | Recording-Mixer |
|---|---|---|---|
| Einsatz | TV-Regie | Konzert, Event | Tonstudio |
| Automation | Wichtig | Weniger wichtig | Sehr wichtig |
| Kanalzahl | 24–64 | 40–100 | 32–96 |
| Standard | EBU R 128 | SPL-Richtwerte | Variabel |
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist ein PPM-Meter? PPM (Peak Programme Meter) ist der europäische Broadcast-Standard zur Pegelüberwachung. Im Gegensatz zum amerikanischen VU-Meter zeigt PPM kurze Signalspitzen akkurater an, wichtig für die Einhaltung von True-Peak-Limits.
Warum braucht ein Tonmeister ein Loudness-Meter? Weil klassische PPM-Meter nur kurzfristige Peaks messen, aber nicht die wahrgenommene Lautheit über Zeit. Loudness-Meter messen LUFS/LKFS, die menschliche Lautheitswahrnehmung nachbilden.
Was ist ein „Duc"? Ducking ist ein Prozess, bei dem eine Audiospur automatisch leiser wird (duckt), wenn eine andere Spur aktiv ist, z. B. Hintergrundmusik duckt beim Sprechen des Moderators.
Verwandte Einträge
- EBU R 128: Lautheitsstandard im Broadcast
- Live-Produktion: Regie, Monitor, PGM/PVW
- Outside Broadcast (OB-Van): Mobile Produktion
- Video Switcher / Vision Mixer
- Broadcast: Grundlagen der TV-Produktion
Weiterführend
- Rumsey, F. & McCormick, T. (2014). Sound and Recording (7. Aufl.). Focal Press.
- EBU (2014). EBU Tech 3341, Loudness Metering: EBU Mode Metering. Geneva: EBU.
- Lawo (2023). mc²56 MkII Reference Manual. Rastatt: Lawo AG.

