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New Typography ist das 1928 von Jan Tschichold in seinem gleichnamigen Buch formulierte Typografie-Programm, das Asymmetrie, serifenlose Schriften und funktionale Klarheit als Maßstäbe moderner Schriftsetzung definierte und die Druckgestaltung des 20. Jahrhunderts grundlegend reformierte.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Grafikdesigns · Niveau: Einsteiger Zeitraum: ca. 1925–1940 (Hauptphase) · Hauptvertreter: Jan Tschichold, Herbert Bayer, El Lissitzky

Was ist die New Typography?

New Typography ist sowohl ein Buch als auch ein Programm: Jan Tschicholds 1928 erschienenes Werk „Die neue Typographie" legte Regeln und Überzeugungen nieder, die bis dahin als selbstverständliche Konventionen der Buchgestaltung galten, und erklärte sie für überholt. Symmetrie, historische Ornamente, Serifenschriften – all das sei Ausdruck einer vergangenen Zeit. Die neue Zeit fordere eine klare, funktionale, asymmetrische Typografie.

Erklärung

Jan Tschichold (1902–1974) war kein Schüler des Bauhauses, aber er war sein aufmerksamster Beobachter. Als er 1923 die Bauhaus-Ausstellung in Weimar besuchte, war er so beeindruckt, dass er seine bis dahin klassisch-traditionelle Ausrichtung als Kalligraf und Buchgestalter radikal umdachte. 1925 erschien sein programmatisches Heft „elementare typographie" als Sondernummer der „Typographischen Mitteilungen"; 1928 folgte das Hauptwerk „Die neue Typographie".

Tschichold formulierte klare Grundsätze: Asymmetrie statt Symmetrie, weil Asymmetrie der natürlichen Lesebewegung entspreche; serifenlose Schriften (Grotesk) als einzig der Zeit gemäßer Ausdruck; konsequenter Einsatz von Weißraum und Linie als Gliederungsmittel; Hierarchie durch Schriftgröße und -gewicht statt durch Ornament. Die Druckseite sollte nach den Gesetzen der Funktion, nicht der Tradition gestaltet sein.

Diese Ideen waren nicht isoliert: El Lissitzky hatte bereits mit seinen Proun-Kompositionen und Buchgestaltungen vorgezeigt, wie Typografie zur visuellen Komposition werden kann. Das Bauhaus hatte unter Herbert Bayer die „Universal"-Schrift und eine eigene Werktypografie entwickelt. Tschichold fasste diese Strömungen zusammen, systematisierte sie und machte sie für ein breites Fachpublikum zugänglich.

Das Buch wurde zum Standardwerk für Schriftsetzer, Drucker und Grafikgestalter. Es erschien zur richtigen Zeit: Die Werbewirtschaft wuchs, Drucksachen aller Art mussten gestaltet werden, und die Branche suchte nach Orientierung. Tschicholds klare Regeln boten Antworten.

Die Geschichte der New Typography hat jedoch eine pikante Wendung: In den späten 1940er Jahren widerrief Tschichold seine Thesen und erklärte die symmetrische, auf klassischen Proportionen beruhende Buchgestaltung für überlegen. Er warf seiner eigenen „Die neue Typographie" vor, dogmatisch und totalitär zu sein – ein Vorwurf, den er auch mit den politischen Ereignissen in Deutschland begründete, die er mit dem Radikalismus der Avantgarde in Zusammenhang brachte. Seine späten Arbeiten für den Penguin Books Verlag (1946–1949) setzen auf klassische Eleganz.

Wichtige Vertreter und Werke

  1. Jan Tschichold – „Die neue Typographie" (1928): Das Grundlagenwerk schlechthin; bis heute wird es in Designstudiengängen weltweit gelesen und diskutiert.
  2. Jan Tschichold – Filmplakate für Phoebus-Palast München (1927): Tschicholds Plakate für das Münchner Kino zeigen, wie New-Typography-Prinzipien in der Praxis aussehen – Fotomontage, Asymmetrie, klare Struktur.
  3. El Lissitzky – „Für die Stimme" (Buch, 1923): Lissitzkys Buch mit Gedichten von Majakowski gilt als frühes Vorbild der New Typography; das Register am Seitenrand war eine revolutionäre Orientierungshilfe.
  4. Herbert Bayer – Universal Type (1925): Bayers Entwurf einer vollständig geometrisch konstruierten Kleinschreibschrift ohne Versalien ist das typografische Manifest des Bauhauses und ein Vorläufer moderner Schriftkonstruktionen.
  5. Kurt Schwitters – Typografische Arbeiten für Hannover (1920er): Schwitters wandte New-Typography-Prinzipien auf Stadtdruck- und Werbematerialien an und bewies ihre praktische Tauglichkeit.

Einfluss auf das moderne Design

Die New Typography ist, neben dem Bauhaus, der stärkste einzelne Einfluss auf die moderne Printgestaltung. Ihre Grundsätze – Asymmetrie, funktionale Hierarchie, Weißraumeinsatz, serifenlose Schriften – bilden bis heute das Fundament jeder guten Drucksache. Der Swiss International Style der 1950er Jahre ist die direkte Weiterentwicklung der New-Typography-Prinzipien. Auch im Webdesign, in der App-Gestaltung und im Informationsdesign sind ihre Grundsätze lebendig.

Vergleich & Abgrenzung

Die New Typography stand in einem explizit programmatischen Verhältnis zum Bauhaus – Designgeschichte und zum Russischer Konstruktivismus: Sie integrierte deren Impulse und übersetzte sie in handwerkliche Regeln für den täglichen Druckereibetrieb. Gegenüber der klassischen Buchdrucktradition (Aldus Manutius, John Baskerville, William Morris) war sie ein radikaler Bruch. Der Swiss International Style verfeinerte und systematisierte Tschicholds Programm und machte es zur internationalen Norm der Nachkriegstypografie.

Häufige Fragen (FAQ)

Was sind die typischen Merkmale der New Typography? Asymmetrisches Layout, serifenlose Schriften (Grotesk), konsequente Weißraumnutzung, klare Hierarchie durch Größe und Gewicht, funktionaler Einsatz von Linien und Flächen, Fotomontage, Ablehnung von Ornament und historischen Stilelementen. Jedes Element muss einen kommunikativen Zweck haben.

Wie beeinflusst die New Typography das heutige Design? Fast jede moderne Drucksache, Website oder App-Oberfläche folgt New-Typography-Prinzipien, ob bewusst oder unbewusst. Die Idee, dass Gestaltung funktional und nicht dekorativ sein soll, ist heute so selbstverständlich, dass ihr Ursprung vergessen wird. Tschicholds Buch wird in Designschulen weltweit als historisches Schlüsseldokument studiert.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Tschichold, Jan: Die neue Typographie. Bildungsverband der Deutschen Buchdrucker, Berlin 1928. (Nachdruck: Brinkmann & Bose, Berlin 1987.)
  • Burke, Christopher: Active Literature: Jan Tschichold and New Typography. Hyphen Press, London 2007.
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