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Sergei Michailowitsch Eisenstein (1898–1948) war ein sowjetischer Filmregisseur und Filmtheoretiker, der in den 1920er Jahren mit Filmen wie „Panzerkreuzer Potemkin" (1925) und der Montagetheorie das politische Avantgardekino und die wissenschaftliche Filmtheorie begründete.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Films · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Sergej Eisenstein, Montage of Attractions, Dialektische Montage, Sowjetische Montage, Konstruktivistisches Kino

Was ist/war Eisensteins Montagetheorie?

Eisenstein entwickelte ab 1923 eine Theorie der Filmmontage, die radikal über Griffiths narrative Schnittpraxis hinausging: Während Griffith Schnitte nutzte, um eine Geschichte flüssig zu erzählen, verstand Eisenstein den Schnitt als Kollision zweier Bilder, aus deren Aufeinanderprall eine neue, übergeordnete Bedeutung entsteht – ähnlich wie in der marxistischen Dialektik These + Antithese = Synthese. Diese Theorie formulierte er in Aufsätzen wie „Montage der Attraktionen" (1923) und „Eisensteins Montagekonzept" und setzte sie in Meisterwerken wie „Panzerkreuzer Potemkin" (1925), „Oktober" (1927) und „Alexander Newski" (1938) praktisch um.

Erklärung

Eisenstein kam aus dem Theater und hatte bei Wsewolod Meyerhold, dem Reformer des russischen Theaters, studiert. Meyerholds Konzept der Biomechanik – das Theater als System körperlicher Stöße, die beim Zuschauer Reaktionen auslösen – übertrug Eisenstein auf den Film. Sein erster wesentlicher Theorietext „Montage der Attraktionen" (1923) postuliert, dass ein künstlerisches Werk aus „Attraktionen" zusammengesetzt sein solle: Elementen, die beim Zuschauer eine maximale emotionale und intellektuelle Erschütterung auslösen.

Den entscheidenden Schritt zur Filmtheorie machte Eisenstein mit dem Konzept der Kollisionsmontage: Wenn zwei Einstellungen aufeinanderfolgen, entsteht nicht nur der Eindruck der räumlich-zeitlichen Kontinuität, sondern eine neue Bedeutung, die in keiner der beiden Einstellungen allein enthalten war. Das bekannteste Beispiel ist die „Odessa-Treppe"-Sequenz aus „Panzerkreuzer Potemkin" (1925): Durch den rhythmischen Wechsel zwischen Soldatenstiefeln, fliehenden Müttern, einem rollenden Kinderwagen und erschossenen Zivilisten entsteht ein emotionales und politisches Statement, das weit über die bloße Dokumentation des Massakers hinausgeht.

Eisenstein unterschied mehrere Montagetypen:

  • Metrische Montage: Schnittrhythmus folgt einem festen zeitlichen Takt
  • Rhythmische Montage: Schnittrhythmus folgt der Bewegung im Bild
  • Tonale Montage: Schnittrhythmus folgt dem emotionalen „Ton" der Einstellung
  • Oberton-Montage: Kombination mehrerer simultaner Rhythmen
  • Intellektuelle Montage: Abstrakte Ideen werden durch Bildkollisionen kommuniziert (z.B. die Götzen-Sequenz in „Oktober")

Die intellektuelle Montage ist Eisensteins radikalstes und umstrittenstes Konzept: In „Oktober" (1927) schnitt er Bilder des russischen Generalissimus Kerenski mit Aufnahmen eines Pfaus zusammen – die Kollision zweier Bilder sollte dem Zuschauer den Begriff „Eitelkeit" ohne ein einziges Wort vermitteln. Dieses Konzept des „Filmgedankens" beeinflusste die Filmtheorie bis in die Gegenwart.

Die politische Dimension ist von Eisensteins Werk nicht zu trennen: Seine großen Filme entstanden im Auftrag der sowjetischen Regierung als Propagandawerke zur Feier der Oktoberrevolution. Dies führte auch zu Konflikten: „Oktober" wurde auf Befehl Stalins umgeschnitten, weil Trotzki aus der Geschichte getilgt werden sollte. Eisenstein lavierte zeitlebens zwischen künstlerischem Anspruch und politischen Vorgaben – zuletzt in „Iwan der Schreckliche" (1944–1946), dessen zweiten Teil Stalin verbot, weil er Parallelen zwischen Iwan und Stalin sah.

Neben Eisenstein sind die sowjetischen Montage-Theoretiker Wsewolod Pudowkin (der Montage eher als verbindende Erzählstruktur verstand) und Dsiga Wertow (der mit dem „Kino-Auge" eine dokumentarische Montagetheorie entwickelte) die wichtigsten Vertreter dieser filmästhetischen Schule.

Wichtige Filme & Regisseure

  • „Panzerkreuzer Potemkin" (Броненосец Потёмкин) (Sergei Eisenstein, 1925) – Das Meisterwerk der sowjetischen Montage; die Odessa-Treppe ist eine der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte
  • „Streik" (Stachka) (Sergei Eisenstein, 1925) – Erstlingsfilm; Massenprotagonist als kollektiver Held
  • „Oktober" (Oktyabr) (Sergei Eisenstein, 1927) – Rekonstruktion der Oktoberrevolution; radikale intellektuelle Montage
  • „Mutter" (Mat) (Wsewolod Pudowkin, 1926) – Humanistischere Montagepraxis; starke Einzelfigur im historischen Kontext
  • „Der Mann mit der Kamera" (Dsiga Wertow, 1929) – Dokumentarfilmisches Meisterwerk; Kino-Auge als epistemologisches Experiment
  • „Alexander Newski" (Sergei Eisenstein, 1938) – Tonfilmdurchbruch mit Sergei Prokofiew; synchronisierte Bild-Ton-Montage

Historische Bedeutung

Eisensteins Montagetheorie ist die erste umfassende wissenschaftliche Theorie des Films und eine der einflussreichsten überhaupt. Sie begründete die Filmwissenschaft als akademische Disziplin. Die Nouvelle Vague – besonders Jean-Luc Godard – experimentierte explizit mit Eisensteins Montageprinzipien. In der Werbung und im Musikvideo ist die kollisive Montage allgegenwärtig. Regisseure wie Francis Ford Coppola, Brian De Palma und Christopher Nolan haben Eisensteins Erbe verarbeitet. Die „Odessa-Treppe" ist eine der am meisten zitierten, parodierten und hommageerten Sequenzen der Filmgeschichte – von Brian De Palmas „The Untouchables" (1987) bis zu Pixars „Die Unglaublichen" (2004).

Vergleich & Abgrenzung

Eisenstein und Griffith repräsentieren zwei grundlegende Montagekonzepte: Griffiths „verbindende Montage" zielt auf narrative Kontinuität und emotionale Identifikation; Eisensteins „kollisive Montage" zielt auf intellektuelle Erschütterung und politische Erkenntnis. Pudowkin steht zwischen beiden: Er übernimmt von Eisenstein die Montageidee, bevorzugt aber wie Griffith eine psychologisch individualisierte Erzählweise. Dsiga Wertow radikalisiert den dokumentarischen Impuls und lehnt den gespielten Film ganz ab.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist die „Kollisionsmontage" und woher stammt das Konzept? Die Kollisionsmontage bedeutet, dass zwei aufeinanderfolgende Einstellungen nicht verbindend, sondern kontrastierend oder widersprechend montiert werden, sodass aus ihrer Kollision eine neue, dritte Bedeutung entsteht. Eisenstein entlehnte das Konzept aus der marxistischen Dialektik (These + Antithese = Synthese) und aus dem japanischen Schriftsystem: Zwei isolierte Zeichen (z.B. „Auge" + „Wasser") ergeben zusammen ein neues Konzept (z.B. „Weinen").

Wie wirkte sich Eisensteins Konflikt mit Stalin auf sein Werk aus? Eisenstein genoss anfangs den Rückhalt der sowjetischen Führung, geriet aber zunehmend in Schwierigkeiten. Sein Mexiko-Filmprojekt „¡Que viva México!" (1930–1932) wurde abgebrochen, das Filmmaterial von seinem Produzenten Upton Sinclair ohne Eisensteins Zustimmung verkauft. Sein Film „Beshin Meadow" (1935–1937) wurde auf Anweisung der Behörden verboten und weitgehend vernichtet. Schließlich wurde der zweite Teil von „Iwan der Schreckliche" (1946) verboten, weil Stalin sich darin selbst karikiert sah.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Eisenstein, Sergei: „Ausgewählte Aufsätze", Henschelverlag, 1960
  • Bordwell, David: „The Cinema of Eisenstein", Harvard University Press, 1993
  • Russisches Filmarchiv Gosfilmofond:
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