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Internationale Filmfestivals sind öffentliche Veranstaltungen, die Spielfilme aus aller Welt zeigen, bewerten und auszeichnen; die drei bedeutendsten – die Filmfestspiele von Venedig (gegründet 1932), das Festival de Cannes (1946) und die Internationale Filmfestspiele Berlin (Berlinale, 1951) – bilden das sogenannte „Goldene Dreieck" der Weltkinofestspiele.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Films · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: „Big Three" der Filmfestivals, Festival-Trio, Internationale Filmfestspiele

Was ist/war ein internationales Filmfestival?

Filmfestivals sind multifunktionale Institutionen: Sie sind Schaufenster für das internationale Arthouse-Kino, Filmmarkt für den Vertrieb von Produktionen, kulturpolitisches Instrument ihrer Gastgeberländer und Instanz für die Kanonbildung – Festivals entscheiden mit, welche Filme als bedeutsam gelten und global gesehen werden. Die drei großen – Venedig, Cannes und Berlin – prägen zusammen das internationale Filmbild mehr als jede andere Institution außerhalb Hollywoods.

Erklärung

Venedig – Das älteste Filmfestival der Welt (seit 1932): Die Filmfestspiele von Venedig (Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica) wurden 1932 unter dem faschistischen Regime Mussolinis gegründet – zunächst ohne Wettbewerb, als kulturelle Hommage an die Filmkunst. 1934 wurde ein Wettbewerb eingeführt; die erste Goldene Löwin (Leone d'Oro) wurde vergeben.

In der Anfangszeit war das Festival von politischen Einflüssen geprägt: Die ersten Leone d'Oro gingen fast ausschließlich an deutsche und italienische Produktionen, was den faschistischen Kulturpolitiken entsprechend favorisiert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg transformierte sich Venedig in ein wirklich internationales Festival. Es fand stets im späten August/frühen September im Palazzo del Cinema auf dem Lido di Venezia statt – ein glamouröser Ort, der dem Festival seinen einzigartigen Charakter gab.

Historische Venedig-Gewinner umfassen Werke von Akira Kurosawa, John Ford, Jean Renoir, Satyajit Ray und in jüngerer Zeit Guillermo del Toro, Alfonso Cuarón und venezianische Spezialitäten wie Terrence Malick, Chlöe Zhao und Todd Phillips.

Cannes – Das glamouröseste und politischste Festival (seit 1946): Das Festival de Cannes wurde 1939 geplant, aber durch den Kriegsausbruch abgesagt; die erste Ausgabe fand 1946 statt. Cannes etablierte sich rasch als das prestige-trächtigste und international einflussreichste Filmfestival der Welt. Die Palme d'Or – die Goldene Palme – ist die begehrteste Auszeichnung im internationalen Arthouse-Kino.

Cannes war und ist politisch: Das Festival wurde 1968 auf Initiative von François Truffaut und Jean-Luc Godard, solidarisch mit den Studentenprotesten des Mai 1968, mitten im Wettbewerb abgebrochen – eines der dramatischsten politischen Ereignisse der Festivalgeschichte. 2022 wurde das russische Kino nach dem Angriff auf die Ukraine ausgeschlossen.

Die Cannes-Jury vergibt neben der Palme d'Or den Grand Prix, den Jury-Preis und weitere Auszeichnungen. Die Entscheidungen der Jury – die jedes Jahr neu zusammengesetzt wird – sind stets kulturell bedeutsam und oft kontrovers. Cannes hat die Karrieren von Regisseuren wie Francis Ford Coppola, Quentin Tarantino, Abbas Kiarostami, Wong Kar-Wai, Krzysztof Kieślowski und Bong Joon-ho entscheidend mitgeprägt.

Das Cannes-Filmmarkt (Marché du Film) ist gleichzeitig der größte Filmhandelsplatz der Welt: Hunderte von Produktionen werden während der zwei Festivalwochen zwischen Verleihern und Produzenten aus aller Welt gehandelt. Dies macht Cannes zu einem wirtschaftlichen Nervenzentrum der internationalen Filmindustrie.

Die Berlinale – Das politischste und zugänglichste Festival (seit 1951): Die Internationalen Filmfestspiele Berlin wurden 1951 auf Initiative der amerikanischen Besatzungsmacht gegründet – als kulturelles Schaufenster der freien Welt im Kalten Krieg. West-Berlin, mitten in der sowjetischen Besatzungszone, sollte durch ein international ausgerichtetes Filmfestival kulturelle Strahlkraft gewinnen.

Die Berlinale war von Beginn an politischer als ihre Schwesterveranstaltungen: Während der Kalten Krieg in den 1950ern und 1960ern die Programmauswahl beeinflusste, öffnete die Berlinale sich ab den 1970ern für osteuropäisches und asiatisches Kino und wurde zum Forum für politisch engagiertes Filmemachen. Die „Forum"-Sektion (gegründet 1971) ist bis heute eine der wichtigsten Plattformen für experimentelles und politisches Weltkino.

Der Goldene Bär (Berlinale) ist nach Palme d'Or und Leone d'Oro die dritthöchste Festivalauszeichnung der Welt. Gewinner umfassen Werke von Rainer Werner Fassbinder, Ousmane Sembène, Ang Lee, Michael Winterbottom und zuletzt Burak Çevik und Jafar Panahi (dessen Bär im Gefängnis in Empfang genommen werden musste, da er im Iran unter Hausarrest stand – ein symbolischer Akt politischer Solidarität).

Die Berlinale gilt als das demokratischste der drei großen Festivals: Sie hat den höchsten Publikumszuspruch (über 300.000 verkaufte Kinotickets jährlich) und ist durch ihr Sektionssystem (Wettbewerb, Panorama, Forum, Generations, Encounters) für ein breites Publikum und vielfältige Filmstile zugänglich.

Jenseits des Goldenen Dreiecks: Neben den „Big Three" gibt es zahlreiche weitere bedeutende internationale Festivals: Sundance (USA, Fokus auf unabhängiges amerikanisches Kino), Tribeca (New York), Toronto International Film Festival (TIFF, eines der wichtigsten Marktfestivals), Rotterdam (experimentell), Locarno (Schweiz), San Sebastián (Spanien), und viele mehr. Das Internationale Kurzfilmfestival Oberhausen ist für die deutsche Kinogeschichte bedeutsam (Oberhausener Manifest 1962).

Die Festivals in der Streaming-Ära: Mit dem Aufstieg von Netflix und anderen Streaming-Plattformen als Filmproduzenten entstand eine Kontroverse: Venedig zeigte und prämierte Netflix-Produktionen; Cannes schloss Streaming-Originals ohne Kino-Distribution zunächst aus dem Wettbewerb aus, akzeptierte sie dann aber unter Bedingungen. Die Spannung zwischen der Kinopflicht der Festivals und der Realität des digitalen Vertriebs ist ungelöst.

Wichtige Preise und historische Bedeutung

  • Palme d'Or (Cannes): An Filmemacher wie Francis Ford Coppola (1979), Quentin Tarantino (1994), Michael Haneke (zweimal), Palme für Parasite (2019, gleichzeitig Oscar-Sieger)
  • Leone d'Oro (Venedig): An Akira Kurosawa, John Ford, Ang Lee, Guillermo del Toro, Chlöe Zhao
  • Goldener Bär (Berlin): An Rainer Werner Fassbinder, Jafar Panahi, Ang Lee, Ousmane Sembène

Die drei Festivals zusammen prägen die internationale Filmkultur, indem sie Filme sichtbar machen, die ohne Festival-Präsentation keine internationale Verbreitung gefunden hätten. Sie sind Gatekeeper der Kunstkino-Kanonbildung.

Historische Bedeutung

Internationale Filmfestivals sind die wichtigsten kulturellen Institutionen für die Sichtbarkeit des Weltfilms jenseits des Hollywood-Mainstream. Ohne Cannes wäre die Nouvelle Vague möglicherweise ein nationales Phänomen geblieben; ohne Venedig hätten Akira Kurosawa und Satyajit Ray das westliche Publikum nicht früh erreicht; ohne die Berlinale hätten osteuropäische und asiatische Kinos in der Nachkriegszeit weniger internationale Resonanz gefunden.

Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zu den Oscars (Academy Awards), die den amerikanischen Filmmarkt spiegeln und kommerziell ausgerichtete Mainstream-Produktionen prämieren, sind die großen Filmfestivals explizit auf künstlerische Qualität und internationale Vielfalt ausgerichtet. Oscar-Gewinner und Palme-d'Or-Gewinner überschneiden sich selten; die wenigen Ausnahmen (Parasite, 2019/2020) zeigen, wie bedeutsam diese Überschneidungen kulturell sind.

Häufige Fragen (FAQ)

Welches ist das wichtigste Filmfestival der Welt? Die Antwort hängt vom Maßstab ab: Cannes gilt als das prestige-trächtigste und medial beachtetste Festival; Venedig als das älteste und historisch bedeutsamste; die Berlinale als das am stärksten politisch engagierte und publikumsnächste. Toronto ist für die Filmbranche durch seinen Markt und seine Oscar-Relevanz (frühere Premiere = größere Oscar-Chancen) besonders strategisch wichtig.

Wie werden Filme für Filmfestivals ausgewählt? Jedes Festival hat ein eigenes Auswahlkomitee (Selektion), das aus Hunderten oder Tausenden von Einreichungen die Programme zusammenstellt. Die Kriterien sind unterschiedlich, umfassen aber typischerweise künstlerische Qualität, thematische Relevanz, Welturaufführung oder spezifische Uraufführung für den jeweiligen Markt, und die Balance des Programms in Bezug auf Nationalitäten, Genres und ästhetische Ansätze.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • De Valck, Marijke: „Film Festivals: From European Geopolitics to Global Cinephilia", Amsterdam University Press, 2007
  • Elsaesser, Thomas: „Film Festival Networks: The New Topographies of Cinema in Europe", in: European Cinema: Face to Face with Hollywood, Amsterdam University Press, 2005
  • Festival-Websites: | |
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