New German Cinema (deutsch: Neues Deutsches Kino) bezeichnet eine Welle des deutschen Autorenkinos zwischen etwa 1962 und 1982, angeführt von Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders und Werner Herzog, die eine politisch-kritische und ästhetisch-radikale Alternative zum deutschen Unterhaltungskino der Nachkriegszeit schufen.
Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Films · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Neues Deutsches Kino, Junger Deutscher Film, Autorenfilm, New German Film
Was ist/war das New German Cinema?
Das New German Cinema entstand als Reaktion auf die Stagnation des deutschen Nachkriegskinos, das sich in Heimatfilmen, Krimis und Unterhaltungsproduktionen erschöpft hatte, und auf den internationalen Impuls der Nouvelle Vague. Als Gründungsmoment gilt das Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962, in dem 26 junge deutsche Filmemacher – darunter Alexander Kluge, Edgar Reitz und Haro Senft – beim Westdeutschen Kurzfilmtag in Oberhausen erklärten: „Papas Kino ist tot." Sie forderten das Recht, eigene Filme zu machen, unabhängig von kommerziellen Zwängen, und kündigten einen Neuanfang des deutschen Films an.
Erklärung
Das Oberhausener Manifest von 1962 war eine Absichtserklärung, keine unmittelbare Praxis. Der eigentliche Durchbruch des New German Cinema kam in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre, als staatliche Förderstrukturen entstanden (Kuratorium junger deutscher Film, 1965; Filmförderungsanstalt, 1968), die unabhängige Produktionen ermöglichten, die ohne kommerzielle Kinogarantien nicht realisierbar gewesen wären.
Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) war die produktivste und polarisierendste Figur des New German Cinema. In knapp 15 Jahren schuf er über 40 Spielfilme, zahlreiche Theaterstücke und Fernsehproduktionen – eine Produktivität, die von keinem anderen westeuropäischen Regisseur seiner Generation erreicht wurde. Fassbinders Kino verbindet die Melodram-Traditionen des Hollywooder Regisseurs Douglas Sirk mit einer schonungslosen Analyse der deutschen Gesellschaft und ihrer verdrängten Nazi-Vergangenheit, ihrer Einsamkeit, ihrer sexuellen Repression und ihrer kapitalistischen Strukturen. Filme wie „Katzelmacher" (1969), „Angst essen Seele auf" (1974), „Die Ehe der Maria Braun" (1979) und die Mammutproduktion „Berlin Alexanderplatz" (1980, ursprünglich fürs Fernsehen) zählen zu den bedeutendsten deutschen Filmwerken überhaupt.
Wim Wenders (geb. 1945) entwickelte ein lyrischeres, reisegeprägte Kino, das die Kultur-Identität zwischen Deutschland und Amerika, zwischen Heimatlosigkeit und Sehnsucht untersuchte. Sein „road movie"-Zyklus – „Alice in den Städten" (1974), „Falsche Bewegung" (1975), „Im Lauf der Zeit" (1976) – und der internationale Durchbruch mit „Paris, Texas" (1984) und dem Dokumentarfilm „Der Himmel über Berlin" (1987) machten ihn zum bekanntesten deutschen Regisseur weltweit.
Werner Herzog (geb. 1942) schuf ein Kino der Obsession und des Extrems: Filme, in denen die Grenzen von Vernunft, Natur und menschlicher Leidenschaft ausgelotet werden. „Aguirre, der Zorn Gottes" (1972), „Fitzcarraldo" (1982) und „Nosferatu – Phantom der Nacht" (1979) entstanden unter legendär schwierigen Bedingungen – im Dschungel Amazoniens, auf einem echten Dampfschiff, das über einen Berg geschleppt wurde – und reflektieren in ihrer Produktionsgeschichte die Obsession ihrer Themen. Herzogs konfliktreiche Zusammenarbeit mit dem Schauspieler Klaus Kinski gehört zu den berühmtesten und gefährlichsten Regisseur-Schauspieler-Beziehungen der Filmgeschichte.
Weitere wichtige Regisseure des New German Cinema:
- Volker Schlöndorff (Cannes-Palme d'Or für „Die Blechtrommel", 1979)
- Margarethe von Trotta (politisches Frauenkino, „Marianne und Juliane", 1981)
- Alexander Kluge (experimentelles Erzählkino, essayistischer Film)
- Edgar Reitz (die monumentale „Heimat"-Saga, 1984)
Das New German Cinema verdankte seine wirtschaftliche Basis zu einem guten Teil dem Fernsehen: Das ZDF und die ARD koproduzierten zahlreiche Autorenfilme und sicherten so ihre Realisierung, wenn auch oft zu Lasten der Kinoauswertung.
Wichtige Filme & Regisseure
- „Aguirre, der Zorn Gottes" (Werner Herzog, 1972) – Monumentalfilm über Wahnsinn und Macht; Klaus Kinski am Rande des Zusammenbruchs im Amazonas-Dschungel
- „Angst essen Seele auf" (Rainer Werner Fassbinder, 1974) – Melodrama über Rassismus und gesellschaftliche Ausgrenzung; explizite Douglas-Sirk-Hommage
- „Die Blechtrommel" (Volker Schlöndorff, 1979) – Grass-Adaption; Palme d'Or Cannes; Kindheitsblick auf den Nationalsozialismus
- „Im Lauf der Zeit" (Wim Wenders, 1976) – S/W-Roadmovie durch die deutsch-deutsche Grenzregion; melancholische Meditation über Kultur und Einsamkeit
- „Nosferatu – Phantom der Nacht" (Werner Herzog, 1979) – Remake des Murnau-Klassikers mit Klaus Kinski; expressionistische Bildsprache und humanisierter Vampir
- „Die Ehe der Maria Braun" (Rainer Werner Fassbinder, 1979) – Nachkriegsdeutschland als Melodrama; wirtschaftliches Wunder und moralisches Versagen
- „Paris, Texas" (Wim Wenders, 1984) – Internationaler Durchbruch; Roadmovie über Verlust und Neubeginn
Historische Bedeutung
Das New German Cinema stellte eine der wenigen ernsthaften Auseinandersetzungen mit der Nazi-Vergangenheit im deutschen Nachkriegskino dar. Fassbinder, Herzog und Wenders schufen ein Kino, das internationale Anerkennung gewann und Deutschland auf der Weltkarte des Autorenkinos etablierte. Es inspirierte Generationen von Filmemachern und Filmstudenten weltweit und ist heute Pflichtlektüre in filmwissenschaftlichen Curricula. Das Modell der staatlichen Filmförderung als Basis für Autorenkino, das in Deutschland entwickelt wurde, wurde international adaptiert.
Vergleich & Abgrenzung
Das New German Cinema teilt mit der Nouvelle Vague die Abkehr vom kommerziellen Studiosystem und die Betonung der Regie-Autorschaft, unterscheidet sich aber durch seinen schwereren, politischeren Ton und seine explizite Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Während die Nouvelle Vague das Kino als Spielraum und die Filmgeschichte als Schatzkammer behandelte, war das New German Cinema stärker von politischer Verantwortung getrieben.
Häufige Fragen (FAQ)
Was war das Oberhausener Manifest und was hat es erreicht? Das Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962 war ein öffentliches Statement von 26 jungen deutschen Filmemachern, die das bestehende deutsche Kino für tot erklärten und einen künstlerisch freien Neuanfang forderten. Es führte direkt zur Einrichtung staatlicher Förderstrukturen (Kuratorium junger deutscher Film, 1965) und ermöglichte so die Produktion zahlreicher unabhängiger Filme ohne kommerzielle Kinogarantie.
Warum sind Fassbinders Filme immer noch aktuell? Fassbinder verarbeitete in seinen Filmen Themen – gesellschaftliche Ausgrenzung, Rassismus, sexuelle Unterdrückung, kapitalistische Entfremdung, verdrängte Geschichte –, die nichts von ihrer Brisanz verloren haben. Sein Blick auf Deutschland als Gesellschaft, die unter dem Deckmantel des Wirtschaftswunders alte Strukturen weiterführte, ist analytisch scharf und von dokumentarischer Präzision – auch wenn seine Filme formal hochstilisiert sind.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Rentschler, Eric: „West German Film in the Course of Time", Redgrave, 1984
- Elsaesser, Thomas: „New German Cinema: A History", BFI/Macmillan, 1989
- Deutsche Kinemathek Berlin:
