New Hollywood bezeichnet eine Periode amerikanischer Filmgeschichte von etwa 1967 bis 1980, in der eine Generation junger, von der europäischen Kunstfilm-Bewegung inspirierter Regisseure – darunter Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Steven Spielberg und George Lucas – das amerikanische Kino ästhetisch erneuerte und gleichzeitig mit „Jaws" (1975) und „Star Wars" (1977) das Blockbuster-Modell erfand, das das heutige Hollywood definiert.
Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Films · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: American New Wave, Hollywood Renaissance, New American Cinema (engerer Begriff), „Movie Brats"-Generation
Was ist/war das New Hollywood?
New Hollywood ist eine der komplexesten und widersprüchlichsten Perioden der Filmgeschichte: Es war gleichzeitig das Goldene Zeitalter des amerikanischen Autorenfilms UND die Erfindungszeit des Blockbusters, der diesen Autorenfilm schließlich verdrängte. Die Periode beginnt mit dem kommerziellen und kulturellen Schock von „Bonnie and Clyde" (1967) und „The Graduate" (1967), die bewiesen, dass das junge Publikum radikale, moralisch ambivalente Geschichten akzeptierte, und endet mit dem Triumph des Blockbuster-Modells nach „Star Wars" (1977), das die Logik des Hollywood-Kinos auf Jahrzehnte festlegte.
Erklärung
Mehrere parallele Entwicklungen schufen die Voraussetzungen des New Hollywood:
Der Zusammenbruch des alten Systems: Das Paramount-Urteil (1948) hatte die Studios gezwungen, ihre Kinoketten zu verkaufen. Das Fernsehen fraß das Stammpublikum weg. Teure Großproduktionen wie „Cleopatra" (1963) und „Hello, Dolly!" (1969) platzten als Flops. Die Studios standen vor dem Bankrott und waren bereit, Risiken einzugehen.
Das neue Publikum: Die Babyboomer-Generation, im Aufruhr der Bürgerrechtsbewegung, des Vietnam-Krieges und des kulturellen Wandels der 1960er, wollte keine eskapistischen Genrefilme mehr. Sie wollte Wahrheit, Ambivalenz, Antihelden. Die Abschaffung des Hays Code 1968 und sein Ersatz durch das Ratings-System (G/PG/R/X) öffneten zudem den Weg für explizitere Inhalte.
Die Nouvelle-Vague-Generation: Junge amerikanische Regisseure wie Coppola, Scorsese, Brian De Palma, Peter Bogdanovich und William Friedkin hatten die europäischen Kunstfilme der 1950er und 1960er intensiv studiert. Sie brachten die Techniken der Nouvelle Vague – Handkamera, moralische Ambivalenz, nicht-lineares Erzählen, Reflexivität – in das amerikanische Genre-Kino.
Die Schlüsselfilme dieser Phase:
„Easy Rider" (Dennis Hopper, 1969) war der erste Beweis für die kommerzielle Kraft des neuen Kinos: Mit einem Budget von 400.000 Dollar einspielte der Film über 60 Millionen Dollar und zeigte den Studios, dass junge Regisseure ohne großes Budget Riesengewinne erzielen konnten.
„Der Pate" (Francis Ford Coppola, 1972) und seine Fortsetzung „Der Pate II" (1974) verbanden das europäische Autorenmodell mit dem amerikanischen Genrekino auf einem künstlerischen Niveau, das bis dahin undenkbar schien: Ein Gangsterfilm als griechische Tragödie über Familie, Macht und den amerikanischen Traum.
„Chinatown" (Roman Polanski, 1974) perfektionierte die Revitalisierung des Film noir als moralisch pessimistischer Kommentar zur amerikanischen Geschichte.
„Apocalypse Now" (Coppola, 1979) war gleichzeitig der Gipfel und der Abgrund des New Hollywood: ein wahnsinnig ehrgeiziges Autorenprojekt, das den Vietnam-Krieg mit Conrad und Eliot thematisierte, beinahe die Produktion sprengte und am Ende ein Meisterwerk war.
Die Blockbuster-Wende: „Jaws" (Steven Spielberg, 1975) und „Star Wars" (George Lucas, 1977) änderten die Logik des Hollywood-Kinos fundamental. „Jaws" war der erste Film, der als simultaner Massenstart in über 400 Kinos mit massiver TV-Werbung vermarktet wurde – das Geburtsjahr des Sommer-Blockbusters. „Star Wars" bewies, dass ein Franchise mit Merchandise und Sequels eine neue Einnahmequelle war. Die Studios erkannten, dass das Blockbuster-Modell risikoärmer und profitabler war als das Autoren-Modell.
Das New Hollywood endete nicht mit einem Knall, sondern mit einem schleichenden Rückzug: Die Kosten explodierten (Ciminos „Heaven's Gate", 1980, der teuerste Flop der Geschichte, war ein Symbol); die Studios übernahmen wieder die Kontrolle; das Autorenmodell wurde an den Rand gedrängt. Die „Movie Brats" entweder passten sich an (Spielberg, Lucas, die nun das kommerzielle System verkörperten) oder kämpften weiter am Rand (Coppola, Scorsese).
Wichtige Filme & Regisseure
- „Bonnie and Clyde" (Arthur Penn, 1967) – Startschuss des New Hollywood; Gewaltdarstellung und moralische Ambivalenz als Programm
- „Easy Rider" (Dennis Hopper, 1969) – Gegenkultur-Roadmovie; minimales Budget, maximale kulturelle Wirkung
- „Der Pate" (The Godfather) (Francis Ford Coppola, 1972) – Gangstertragödie als Autorenkino-Meisterwerk; kommerziell und künstlerisch erfolgreich
- „Chinatown" (Roman Polanski, 1974) – Film noir als pessimistischer Historienkommentar; Jack Nicholson und Faye Dunaway
- „Taxi Driver" (Martin Scorsese, 1976) – Einsamer Antiheld im urbanen Verfall; Robert De Niro und die Krise des American Dream
- „Apocalypse Now" (Francis Ford Coppola, 1979) – Vietnam als Herz der Finsternis; episches Autorenprojekt an der Grenze des Machbaren
- „Jaws" (Der weiße Hai) (Steven Spielberg, 1975) – Erfindung des Sommer-Blockbusters; Handwerk, Spannung und Massenvermarktung
Historische Bedeutung
Das New Hollywood ist das letzte goldene Zeitalter des amerikanischen Autorenfilms im kommerziellen Rahmen. Die Filme dieser Periode – von „The Godfather" über „Chinatown" bis „Taxi Driver" – gehören zu den meistzitierten, meistanalysierten und einflussreichsten der Filmgeschichte. Gleichzeitig ist das New Hollywood der Geburtsort des Blockbuster-Modells, das die Filmwirtschaft seit 1977 dominiert und das Autorenkino aus dem Mainstream verdrängte. Diese Doppelnatur – größte künstlerische Freiheit und gleichzeitige Schaffung der Mechanismen, die diese Freiheit wieder einschränkten – macht das New Hollywood zu einer der faszinierendsten und widersprüchlichsten Epochen der Kinogeschichte.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zum klassischen Hollywood (1930–1960) zeichnet sich das New Hollywood durch moralische Ambivalenz seiner Protagonisten, eine offenere und explizitere Behandlung von Sex und Gewalt und den Einfluss europäischen Autorenfilms aus. Im Vergleich zur Nouvelle Vague ist New Hollywood weniger theoretisch und intellektuell, dafür handwerklich oft überwältigender. Im Vergleich zum zeitgenössischen Blockbuster-Hollywood (post-1980) war das New Hollywood bereit, Antihelden, Niederlagen und moralische Offenheit zu tolerieren.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum gilt „Heaven's Gate" (1980) als Symbol für das Ende des New Hollywood? Michael Cimino, Regisseur von „The Deer Hunter" (1978, Oscar-Gewinner), erhielt von United Artists nahezu unbegrenzte kreative Kontrolle für sein Western-Epos „Heaven's Gate". Das Projekt wurde ein gigantischer Flop: Budget von 44 Millionen Dollar, Einnahmen von 3,5 Millionen. Das Debakel ruinierte United Artists und führte dazu, dass die Studios künftigen Regisseuren weit weniger Autonomie einräumten. Es symbolisiert den Abschluss der New-Hollywood-Epoche der Regisseur-Macht.
Welcher Zusammenhang besteht zwischen New Hollywood und dem heutigen Franchise-Kino? Direkt: „Star Wars" und „Jaws" lieferten das Blaupause für das moderne Franchise-Kino mit Sequels, Merchandise und Massenstart. George Lucas und Steven Spielberg, beide aus der New-Hollywood-Generation kommend, wurden zu den Vätern des modernen Blockbuster-Systems. Die Ironie ist, dass dieselbe Generation, die das Autorenkino wiederbelebte, auch das Modell schuf, das es wieder verdrängte.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Biskind, Peter: „Easy Riders, Raging Bulls. Sex, Drogen und Film – wie eine Generation das Kino revolutionierte", Heyne, 2005
- King, Geoff: „New Hollywood Cinema: An Introduction", I.B. Tauris, 2002
- American Film Institute:
