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Erlebnisausstellung bezeichnet eine Ausstellungsform, bei der das emotionale und sensorische Erleben der Besucherinnen und Besucher als oberstes Gestaltungsziel gilt – durch immersive Rauminszenierungen, multisensorische Reize und narrative Dramaturgie.

Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Ausstellungsdesign & Museum · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Immersive Ausstellung, Experience Exhibition, Erlebnisraum, Szenografische Ausstellung

Was ist eine Erlebnisausstellung?

Erlebnisausstellungen gehen über die bloße Informationsvermittlung hinaus: Sie wollen Besucherinnen und Besucher in eine andere Welt entführen, Emotionen auslösen, Neugier wecken und bleibende Erinnerungen schaffen. Das Erlebnis selbst – das Staunen, das Erschaudern, die Freude, das Nachdenken – ist das Produkt. Erlebnisausstellungen finden sich in Planetarien, Science Centern, Brandlands (z. B. BMW Welt, Volkswagen Autostadt), populären Sonderausstellungen und zunehmend auch in klassischen Museen.

Erklärung

Das Konzept der Erlebnisausstellung wurzelt in der Experience Economy, einem Begriff des Wirtschaftswissenschaftlers B. Joseph Pine II (1999): In der modernen Ökonomie verkaufen Unternehmen und Institutionen keine Produkte oder Dienstleistungen mehr, sondern Erlebnisse. Diese Logik hat sich auf Museen und Ausstellungen übertragen: Besucherinnen und Besucher erwarten nicht nur Information, sondern emotionale Berührung, sensorische Stimulation und Teilhabe.

Immersion ist das Kernelement der Erlebnisausstellung: Der Besucher taucht in eine gestaltete Realität ein, die alle Sinne anspricht. Mittel der Immersion sind:

  • Raumhülle: Bodenbelag, Deckenhöhe, Wandoberflächen und Raumproportionen schaffen eine eigene Welt.
  • Licht und Ton: Atmosphärische Beleuchtungsszenarien und Soundscapes (Raumklänge) erzeugen Stimmung.
  • Duft: In Erlebnisausstellungen zu Naturthemen, historischen Epochen oder Nahrungsmitteln wird Geruch als bewusstes Gestaltungselement eingesetzt.
  • Temperatur und Haptik: Anfassstationen, unterschiedliche Bodenoberflächen oder Klimazonen ergänzen das visuelle Erlebnis.
  • Interaktion: Physische und digitale Mitmachelemente aktivieren Besucher und erhöhen Erinnerungsleistung.

Narrative Dramaturgie strukturiert eine Erlebnisausstellung wie ein Theaterstück oder einen Film: Exposition (Einführung), steigende Handlung (Hauptthemen mit zunehmender Intensität), Höhepunkt (emotionaler oder inhaltlicher Kulminationspunkt) und Auflösung (ruhigerer Abschluss, Reflexionsraum). Diese Dramaturgie steuert die Emotionskurve der Besucher.

Bedeutende Gestalter von Erlebnisausstellungen: Atelier Brückner (Stuttgart/Basel), Triad Berlin, Hettler und Hettler (Berlin), United Visual Artists (London). Szenografisch geprägte Weltausstellungen (Expo) waren immer Labore für Erlebnisausstellungskonzepte.

Beispiele

  1. Haus der Musik, Wien – Interaktive Erlebnisausstellung zur Welt der Töne und Musik; jeder Raum ist einem musikalischen Phänomen gewidmet und setzt auf multisensorische Immersion.
  2. Rain Room, MoMA New York – Installation von Random International; Besucher gehen durch Regen, ohne nass zu werden; emotionales Paradox als Ausstellungskern.
  3. Teamlab Borderless, Tokio – Vollständig immersive digitale Erlebnisausstellung ohne Wände; projizierte Welten fließen durch Räume und reagieren auf Besucher; Pionierwerk immersiver Digitalszenografie.
  4. Volkswagen Autostadt, Wolfsburg – Automobiles Erlebnismuseum mit dramatischer Fahrzeugübergabe als emotionalem Höhepunkt; Markenidentität als Erlebnisraum.
  5. Zeitgeschichtliches Forum Leipzig – Dauerausstellung zur DDR-Geschichte; immersive Alltagsrekonstruktionen (Schulzimmer, Grenzübergang) schaffen emotionale Zugänge zu historischen Themen.

In der Praxis

Erlebnisausstellungen entstehen in enger Zusammenarbeit zwischen Szenografen, AV-Technikern, Musikkomponisten, Lichtdesignern, Software-Entwicklern und Kuratoren. Der Planungsprozess umfasst ausgiebige Prototypen- und Testphasen. Technische Komponenten wie Projektionskartierung (Projection Mapping), Bewegungssensoren, Interaktionsflächen und Soundinstallationen erfordern spezialisierte Planung und Wartung. Budget liegt oft höher als bei klassischen Ausstellungen; dafür ist die Wiederbespielbarkeit und Skalierbarkeit ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor.

Vergleich & Abgrenzung

Erlebnisausstellungen unterscheiden sich von didaktischen Ausstellungen dadurch, dass das emotionale Erleben über die systematische Wissensvermittlung gestellt wird. Gegenüber interaktiven Ausstellungen ist Interaktion ein Mittel, nicht der Zweck. Die virtuelle Ausstellung überträgt immersive Prinzipien in den digitalen Raum. Im Unterschied zu Event-Installationen (kurzfristig, performativ) sind Erlebnisausstellungen auf längere Laufzeiten und Wiederholbarkeit ausgelegt.

Häufige Fragen (FAQ)

Sind Erlebnisausstellungen nur für junge Zielgruppen? Nein – gut konzipierte Erlebnisausstellungen sprechen alle Altersgruppen an. Der emotionale Zugang kann sogar ältere Besucherinnen und Besucher tiefer erreichen als rein textbasierte Präsentationen. Entscheidend ist, dass Inhalt und Erlebnisform zusammenpassen und die Ausführung qualitativ hochwertig ist.

Verdrängen Erlebnisausstellungen die klassische Museumspräsentation? Beide Formen koexistieren und ergänzen sich. Viele Museen setzen in Dauerausstellungen auf klassischere Präsentation und in Sonderausstellungen auf immersivere Formate. Wichtig ist eine bewusste Entscheidung für die passende Form je nach Inhalt und Zielgruppe.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Pine, B. Joseph & Gilmore, James H. (1999): The Experience Economy. Harvard Business School Press.
  • Loschek, Ingrid (2007): When Clothes Become Fashion. Berg Publishers.
  • Atelier Brückner (Hrsg., 2011): Szenografie / Scenography. Avedition.
  • Online: Scenography Today – www.scenographytoday.com
  • Online: Teamlab Borderless – www.teamlab.art
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