Science Center Design bezeichnet die Gestaltungsdisziplin, die Ausstellungsräume für naturwissenschaftliche, technische und mathematische Phänomene entwickelt – auf Basis des Hands-on-Prinzips: Lernen durch eigenes Erleben und Experimentieren.
Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Ausstellungsdesign & Museum · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Science-Museum-Design, Mitmachmuseum, Exploratoriumsdesign, Hands-on-Ausstellung, Entdeckungsmuseum
Was ist Science Center Design?
Science Centers sind Ausstellungshäuser, in denen das Publikum naturwissenschaftliche Phänomene nicht passiv betrachtet, sondern aktiv durch Experimente und Interaktionen erlebt. Im Unterschied zu klassischen Naturkundemuseen (die mit Sammlungsobjekten arbeiten) stehen im Science Center Modelle, Experimente und Demonstrationen im Mittelpunkt. Science Center Design ist die Disziplin, die diese Experiential Learning Environments konzipiert, gestaltet und technisch umsetzt.
Erklärung
Das Science Center als eigenständige Institutionsform entstand mit der Gründung des Exploratoriums in San Francisco (1969) durch den Physiker Frank Oppenheimer. Oppenheimers Grundprinzip: Wissenschaft muss sinnlich erfahrbar sein, nicht nur intellektuell erklärt. Das Exploratorium etablierte das „Please Touch"-Prinzip und wurde zum weltweiten Vorbild für hunderte von Science Centers, die in den folgenden Jahrzehnten entstanden.
Design-Prinzipien des Science Centers:
Hands-on / Minds-on: Jede Station soll sowohl körperliche Interaktion ermöglichen als auch kognitive Auseinandersetzung anregen. Eine bloße „Berühr mich"-Station ohne intellektuelle Anschlussfrage genügt nicht.
Offene Endpunkte: Gute Science-Center-Stationen haben keinen vorgegebenen richtigen Ausgang. Besucher erkunden, variieren, stellen Hypothesen auf – ähnlich wie in echter wissenschaftlicher Praxis.
Robustheit und Wartbarkeit: Science-Center-Stationen werden täglich von tausenden Menschen bedient – unter erheblicher mechanischer Belastung. Design muss industrierobusten Standards genügen; Wartungszugänge und Austauschbarkeit von Teilen sind kritisch.
Themation: Stationen werden in thematischen Zonen geclustert (z. B. Optik, Mechanik, Akustik, Biologie). Thematisch zusammenhängende Exponate fördern konzeptuelles Verständnis.
Skalierbarkeit: Eine gute Station ist für Kinder ab 6 Jahren ebenso faszinierend wie für Erwachsene und Fachexperten – durch unterschiedliche Zugangsebenen und Tiefenschichten.
Räumliche Gestaltung: Science Centers arbeiten häufig mit offenen, hallenartigen Grundrissen, die freie Bewegung erlauben und Übersicht über viele Stationen gleichzeitig bieten. Akustisch kann dies problematisch sein (viele Besucher, laute Interaktionen); akustische Gestaltung (Schallabsorbierung) ist daher kritisch. Sitzgelegenheiten und ruhige Rückzugszonen für intensive Auseinandersetzung sind wichtige Ergänzungen.
Digitale Integration: Moderne Science Centers integrieren zunehmend digitale Schnittstellen: Tablets, die Messwerte aus physischen Experimenten aufnehmen und visualisieren; Augmented-Reality-Overlays; kollaborative Bildschirme für Gruppenexperimente.
Explainer-Personal: Science Centers setzen oft auf geschulte Mitarbeiter (Explainer), die Stationen demonstrieren, Fragen beantworten und tiefere Diskussionen anregen. Das Design muss Raum für diese Interaktion einplanen.
Weltweit führende Science Center: Exploratorium San Francisco, Deutsches Museum München, Phæno Wolfsburg (Zaha Hadid), Cité des Sciences et de l'Industrie Paris, Ontario Science Centre Toronto, Scienceworks Melbourne.
Beispiele
- Exploratorium, San Francisco – Das Original; 650 Hands-on-Stationen zu Physik, Wahrnehmung, Biologie und Gesellschaft; das offene Warehouse-Design ermöglicht freie Erkundung ohne vorgegebene Route; weltweit meistzitiertes Science-Center-Konzept.
- Phæno, Wolfsburg (Zaha Hadid, 2005) – Spektakuläre Schüsselarchitektur als Science Center; 250 Stationen zu Naturphänomenen; das Gebäude selbst ist Exponat durch seine ungewöhnliche Geometrie.
- Deutsches Museum München – Hybrid aus traditionellem Technikmuseum und Science Center; historische Originalmaschinen ergänzt durch aktive Demonstrationslabore und neue Mitmachbereiche.
- Cité des Sciences et de l'Industrie, Paris (La Villette) – Das größte Science Center Europas mit 30.000 m² Ausstellungsfläche; permanente Geode-Kuppel als IMAX-Kino; spezialisierte Bereiche für Kinder (Cité des Enfants), Jugendliche und Erwachsene.
- ZOOM Kindermuseum, Wien – Spezialisiertes Science Center für Kinder bis 14 Jahre; konsequentes Mitmach-Design in vier Hauptbereichen; preisgekrönte Architektur (Mario Botta) und Ausstellungsgestaltung.
In der Praxis
Science-Center-Stationen werden in einem iterativen Prototyping-Prozess entwickelt: Erste Prototypen aus Holz, MDF und einfachen Materialien werden mit echten Besuchern getestet, bevor sie in dauerhafte Materialien (Stahl, Polyethylen, gehärtetes Glas) überführt werden. Spezialfirmen für Science-Center-Stationen wie Design I/O (New York), Roto (Los Angeles) oder hhdfun (Berlin) haben umfangreiche Erfahrungen in robustem interaktivem Design. Software für Steuerungskomponenten: Arduino-basierte Mikrocontroller für einfache Systeme; industrielle SPS (Speicherprogrammierbare Steuerung) für komplexe Mechanik.
Vergleich & Abgrenzung
Science Centers unterscheiden sich von Naturkundemuseen durch den Vorrang von Phänomenen gegenüber Sammlungsobjekten. Gegenüber didaktischen Ausstellungen ist das Lernziel nicht systematische Wissensvermittlung, sondern Neugier, Staunen und eigenständige Entdeckung. Technikmuseen (wie das Deutsche Museum) sind Hybride: Sie kombinieren historische Originaltechnik mit Demonstrationselementen. Kindermuseen sind altersgruppen-spezifische Science-Center-Varianten.
Häufige Fragen (FAQ)
Was unterscheidet ein Science Center von einem Kindermuseum? Science Centers richten sich an alle Altersgruppen, wenngleich sie besonders für Schulklassen und Familien attraktiv sind. Kindermuseen sind explizit auf Kinder bis ca. 12–14 Jahre ausgerichtet und passen Maßstäbe, Themen und Komplexität entsprechend an. Science Centers versuchen, durch mehrere Ebenen gleichzeitig Kinder und Erwachsene anzusprechen.
Können auch Geisteswissenschaften im Science Center behandelt werden? Ja – viele moderne Science Centers erweitern ihr Themenspektrum auf Gesellschaftswissenschaften, Psychologie und sogar Kunst (Perception-Stationen des Exploratoriums). Das Prinzip der hands-on Erfahrbarkeit lässt sich auf viele Disziplinen übertragen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Hein, George E. (1998): Learning in the Museum. Routledge.
- Allen, Sue (2004): Designs for Learning in Science Museums. Exploratorium.
- Online: Exploratorium – www.exploratorium.edu
- Online: Association of Science and Technology Centers (ASTC) – www.astc.org
- Online: Phæno Wolfsburg – www.phaeno.de
