Exhibition Design Prozess bezeichnet die strukturierte Abfolge aller Planungs-, Entwurfs- und Realisierungsphasen, durch die eine Ausstellung von der ersten Idee bis zur Eröffnung – und darüber hinaus – entwickelt wird.
Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Ausstellungsdesign & Museum · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Ausstellungsplanung, Exhibition Development, Ausstellungsproduktion
Was ist der Exhibition Design Prozess?
Der Exhibition Design Prozess ist der gesamte Projektablauf, der eine Ausstellungsidee in ein physisches oder digitales Erlebnis verwandelt. Er ist hochgradig interdisziplinär: Kuratoren, Ausstellungsdesigner, Architekten, Grafiker, AV-Techniker, Tischler, Restauratoren und Marketingverantwortliche arbeiten über Monate oder Jahre zusammen. Der Prozess ist nicht linear, sondern iterativ – Entwürfe werden mehrfach überarbeitet, Konzepte angepasst, und neue Erkenntnisse aus der Besucherforschung fließen zurück in die Planung.
Erklärung
Ein professioneller Exhibition Design Prozess gliedert sich in folgende Hauptphasen:
Phase 1: Briefing und Strategieentwicklung Zu Beginn definieren Auftraggeber und Designteam gemeinsam den Projektrahmen: Inhalt und Thema der Ausstellung, Zielgruppen, Budget, Zeitplan, Flächenanforderungen, technische Vorgaben und übergeordnete Ziele (Bildungsauftrag, Imagegewinn, Einnahmen). Das Ergebnis ist ein schriftliches Briefing-Dokument. In dieser Phase findet auch die Nutzerforschung statt: Wer sind die potenziellen Besucherinnen und Besucher? Was wissen sie bereits, was wollen sie erfahren?
Phase 2: Konzeptentwicklung Im Konzept wird die inhaltliche Idee zur räumlichen Struktur. Zentrale Dokumente: das kuratorische Konzept (Narrativ, Exponatliste, didaktische Ziele) und das gestalterische Konzept (Raumstruktur, Farbklima, Materialsprache, Stimmungsbilder/Moodboards). Erste Grundrissskizzen und Raumdiagramme entstehen. Konzeptpräsentationen werden intern und mit dem Auftraggeber abgestimmt.
Phase 3: Entwurfsphase (Vorplanung/Entwurf) Aus dem Konzept entwickeln sich erste konkrete Entwürfe: Grundrisse im Maßstab, erste 3D-Visualisierungen (SketchUp, Rhino, Cinema 4D), Materialmuster, Prototypen von Interaktionselementen. Grafikkonzepte werden entwickelt: Schriften, Farben, Texttafelgestaltung, Lageplan. Kostenschätzungen werden verfeinert; häufig werden in dieser Phase Kürzungen notwendig.
Phase 4: Ausführungsplanung Die genehmigten Entwürfe werden in technische Ausführungspläne übertragen: CAD-Pläne für Bau- und Möbelstrukturen, Elektro- und AV-Planung, Lichtplanung (Dialux/Relux), Klimatechnikplanung (für konservierungsrelevante Bereiche). Ausschreibungsunterlagen für Handwerker, Techniker und Lieferanten werden erstellt. In Deutschland: Leistungsphasen nach HOAI (Honorarordnung für Architekten und Ingenieure).
Phase 5: Produktion und Beschaffung Exponate werden geliehen oder produziert (Leihverkehr international: Transportversicherung, Klimaboxen, Zoll). Möbel, Vitrinen, Wandsysteme und Beleuchtung werden bei spezialisierten Firmen gefertigt. Grafiken werden gedruckt; AV-Inhalte produziert; interaktive Software entwickelt. Parallel: Redaktion und Lektorat aller Ausstellungstexte.
Phase 6: Aufbau und Einrichtung Der Aufbau erfolgt in mehreren Schritten: zuerst Rohbauarbeiten (Trennwände, Elektro), dann Möbel und Vitrinen, dann Grafik und Beschriftung, zuletzt Exponate und AV-Technik. Ein Probeaufbau (Mock-up) kritischer Bereiche findet idealerweise vorab in einer Werkshalle statt. Die letzte Woche vor Eröffnung ist die intensivste: Feinjustierung von Licht, Texten, Objektpositionierung.
Phase 7: Eröffnung und Betrieb Nach der Eröffnung beginnt die Betriebsphase: regelmäßige Wartung, Austausch defekter Elemente, Aktualisierung von Inhalten. Besucherforschung (summative Evaluation) liefert Rückmeldungen zur Wirksamkeit.
Phase 8: Abbau und Nachnutzung Temporäre Ausstellungen werden abgebaut; Exponate zurückgegeben; Mobiliar verkauft, recycelt oder eingelagert. Nachhaltigkeitsaspekte werden in diesem Kontext immer wichtiger: Wiederverwendbarkeit von Materialien und Strukturen.
Beispiele
- Humboldt Forum Berlin (2021) – Jahrelanger Prozess mit umfassenden kuratorischen Debatten, mehrfachen Konzeptüberarbeitungen und öffentlichem Restitutionsdiskurs; Beispiel für ein politisch komplexes Ausstellungsprojekt.
- Expo-Pavillons (zweijährige Vorlaufzeit) – Intensive Briefing- und Ausschreibungsphasen, internationale Designteams, enge Zeitplanung für Aufbau und Abbau nach Expo-Ende.
- Stadtmuseum Bonn – Dauerausstellung – Beispiel für einen normalen kommunalen Prozess: EU-weite Ausschreibung, Konzeptwettbewerb, dreijährige Entwicklung, summative Evaluation nach der Eröffnung.
In der Praxis
Projektmanagement-Tools: MS Project, Asana, Trello für Zeitplanung; Revit (BIM), AutoCAD, SketchUp, Rhino für Planung; Cinema 4D, Lumion für Visualisierungen; Adobe Creative Suite für Grafikentwicklung. Kommunikation und Dokumentation: Confluence, SharePoint, gemeinsame Cloud-Ablagen. Kostenmanagement: strukturierte Kostenverfolgung nach DIN 276 (Kosten im Bauwesen).
Vergleich & Abgrenzung
Der Exhibition Design Prozess ist verwandt mit dem Architektur-Planungsprozess (HOAI-Leistungsphasen), aber stärker inhaltlich und kuratorisch geprägt. Im Unterschied zum Messebau (kürzere Vorlaufzeiten, stärker standardisierte Systeme, kommerzieller Fokus) ist der Museum-Design-Prozess forschungsintensiver und auf längere Lebenszyklen ausgerichtet.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie lange dauert ein Ausstellungsprojekt? Eine Wechselausstellung in einem mittelgroßen Museum kann in 6 bis 18 Monaten entwickelt werden. Eine Dauerausstellung oder ein kompletter Museumsneubau benötigt 3 bis 8 Jahre. Entscheidend sind Komplexität, Budget und die Anzahl der beteiligten Institutionen.
Wer koordiniert den Prozess? In der Regel übernimmt ein Projektleiter auf Auftraggeberseite (Museumsleitung oder Projektmanagerin) und ein Projektleiter auf Designseite (leitender Ausstellungsdesigner) die Koordination. Bei großen Projekten kommt ein professioneller Projektmanager hinzu.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Locker, Pam (2011): Exhibition Design. AVA Publishing.
- Dean, David (1994): Museum Exhibition: Theory and Practice. Routledge.
- Online: ICOM – Exhibition Planning Resources: www.icom.museum
- Online: Deutscher Museumsbund – Leitfäden: www.museumsbund.de
