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Nachhaltige Messestände sind Ausstellungskonzepte, die ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit durch ressourcenschonende Materialien, Wiederverwendbarkeit, energieeffiziente Technik und verantwortungsvolle Logistik in den Messeauftritt integrieren.

Was sind nachhaltige Messestände?

Die Veranstaltungsbranche ist ein bedeutender Emittent: Laut EventManager Blog (2022) erzeugt ein durchschnittlicher dreitägiger Messestand ca. 5–15 Tonnen CO₂-Äquivalent (inkl. Reise, Energie, Material, Logistik). Die EU-Taxonomie, der European Green Deal und wachsender Stakeholder-Druck (Kunden, Investoren, Mitarbeiter) treiben die Transformation der Branche voran.

Green Events ist ein übergeordnetes Konzept, das alle Nachhaltigkeitsmaßnahmen für Live-Events und Messebeteiligungen zusammenfasst. Es umfasst nicht nur den Stand selbst, sondern die gesamte Wertschöpfungskette: Materialproduktion, Transport, Energieverbrauch, Personalmobilität, Catering, Abfallmanagement.

Die Messe Frankfurt war die erste Messeveranstalterin weltweit, die alle Veranstaltungen nach ISO 20121 (Event Sustainability Management Systems) zertifiziert hat (2019).

Erklärung

Dimensionen nachhaltiger Messestände

1. Materialwahl und Kreislaufwirtschaft

Das größte Hebel: Was wird aus dem Standbaumaterial nach der Messe?

  • Modulsystem statt Individualstand: Wiederverwendbare Aluminium- oder Stahlprofile (Octanorm, Aluvision, Syma) können 50+ mal auf- und abgebaut werden. Deutlich ressourceneffizienter als Einweg-MDF-Konstruktionen.
  • Natürliche Materialien: Bambus, FSC-zertifiziertes Holz, Kork, Hanf-Dämmung, Leinen-Textilien statt PVC-Folie
  • Recycling-Materialien: Platten aus Recycling-Kunststoff (z. B. Covestro Makrolon), Teppiche aus Recycling-Garnen, Akustikelemente aus Altpapier
  • Mietsysteme: Möbel und Technik mieten statt kaufen – nach Messe zurück in den Kreislauf
  • Verpackung: Einweg-Karton durch wiederverwendbare Transportkisten ersetzen

2. Energieeffizienz

  • LED-Beleuchtung (→ Lichtplanung in Ausstellungen – Beleuchtungskonzepte für Messe und Museum): 70–90 % Energiereduktion gegenüber Halogen
  • Smarte Steuerung: Beleuchtung und AV nur wenn Besucher anwesend (Bewegungssensoren, Zeitschaltuhren)
  • Ökostrombezug: Viele Messeveranstalter bieten Ökostrom-Zertifikat für Standfläche an (Mehrkosten ca. 15–25 %)
  • Niedrigverbrauch-Geräte: Energy Star-zertifizierte AV-Geräte, Notebook statt Desktop, SSD statt HDD

3. Transport und Logistik

Transport ist oft der größte CO₂-Posten bei Messebeteiligungen:

  • Nähe-Strategie: Messebauer und Dienstleister aus der Region des Messeorts beauftragen (reduziert Transport-km)
  • Bahn statt Lkw: Für Standmaterial auf Langstreckentransporten Bahntransport nutzen (DB Cargo, intermodaler Transport)
  • Laderaumoptimierung: Vollauslastung der Transportmittel, kein Halbleer-Transport
  • Anreise-Kompensation: Zugtickets für Standpersonal statt Flug; Fahrgemeinschaften

4. Catering und Verbrauchsmaterial

  • Kein Einwegplastik (EU-Einwegplastik-Richtlinie 2021)
  • Regionale und saisonale Zutaten
  • Mehrweggeschirr und -becher
  • Kompostierbare Alternativen (wo Mehrweg nicht möglich)
  • Überschussessen spenden (Too Good To Go, Foodsharing-Netzwerke)

5. Abfallmanagement

  • Getrennte Sammlung auf dem Stand (Papier, Restmüll, Plastik, Lebensmittel)
  • Standreste dem Messeveranstalter oder Sozialprojekten anbieten (Möbel, Grafiken)
  • Grafiken: Solvent-freie Tinten, PVC-freie Materialien erleichtern Recycling
  • Teppich: Rückgabe an Hersteller-Recyclingsystemen (z. B. Interface „Mission Zero")

6. CO₂-Kompensation

Nicht vermeidbare Emissionen können kompensiert werden:

  • Goldstandard-Zertifikate: Renommierte Kompensationsprojekte (Waldschutz, Solarenergie in Entwicklungsländern)
  • Eigene Aufforstung: Manche Aussteller pflanzen für jede Messebeteiligung Bäume
  • Science-Based Targets (SBTs): Unternehmen mit SBT-Commitments haben verbindliche Reduktionspfade und dürfen Kompensation nur für unvermeidbare Restemissionen nutzen

Zertifizierungen und Standards

StandardBereichBeschreibung
ISO 20121:2012Event-ManagementNachhaltigkeitsmanagementsystem für Events
ISO 14001:2015UmweltmanagementFür Messebau-Unternehmen
FSCHolzForest Stewardship Council – nachhaltiger Forstwirtschaft
PEFCHolzProgramme for the Endorsement of Forest Certification
GreenSignHotels/LocationsNachhaltigkeitszertifizierung für Eventlocations
blauer EngelMaterialien/DruckDeutsches Umweltzeichen für Produkte
FAMAB Responsibility IndexMessebauBranchenspezifisches Nachhaltigkeits-Rating

FAMAB Responsibility Index

Der FAMAB Responsibility Index wurde 2020 eingeführt und bewertet Messebau-Unternehmen nach:

  • Ökologie (Materialien, Energie, Emissionen)
  • Soziales (Arbeitsbedingungen, Diversität, Lieferkette)
  • Ökonomie (Governance, Transparenz)

Aussteller können bei zertifizierten Mitgliedsunternehmen nachhaltigere Stands beauftragen.

Beispiele

  • Fraunhofer-Gesellschaft (Hannover Messe): Vollständig modularer Systemstand, ausschließlich LED, Recycling-Teppich, Verzicht auf Einwegplastik. Nachhaltigkeitsbericht für jeden Messeauftritt.
  • Interface (Carpet, Nürnberg): Präsentiert auf Messen nur auf Teppichen aus Recyclingmaterial; gezeigtes Material wird nach Messe zurück ins Recyclingsystem gegeben.
  • Deutsche Bahn (Expo Real München): „DB Lautwerk"-Stand komplett aus Mietmöbeln, Ökostrom, ÖPNV-Anreise-Kampagne für Besucher
  • Messe Frankfurt „Green Globe"-Programm: Alle Aussteller können Ökostrom wählen, nachhaltige Mobilitätspakete buchen, CO₂-Fußabdruck-Kalkulation nutzen.

In der Praxis

Nachhaltigkeits-Checkliste für Messestände:

Material:

  • [ ] Modulsystem oder wiederverwendbarer Individualstand?
  • [ ] FSC/PEFC-zertifiziertes Holz?
  • [ ] PVC-freie Grafiken (Latex- oder Dye-Sub-Druck)?
  • [ ] Miete statt Kauf für Möbel und Technik?
  • [ ] Entsorgungskonzept geplant?

Energie:

  • [ ] LED-Beleuchtung durchgängig?
  • [ ] Ökostrom beim Veranstalter gebucht?
  • [ ] AV-Geräte energieeffizient und automatisch abschaltend?

Transport:

  • [ ] Transporteur aus Messestadtnähe?
  • [ ] Bahnversand möglich?
  • [ ] Laderaumauslastung optimiert?

Catering:

  • [ ] Mehrweggeschirr?
  • [ ] Keine Einwegplastik-Artikel?
  • [ ] Regionale/saisonale Produkte?

Abfall:

  • [ ] Getrennte Sammlung eingerichtet?
  • [ ] Überschüsse an Lebensmittel-Sharing weitergegeben?
  • [ ] Standreste für Weitergabe markiert?

Budget-Hinweis: Nachhaltiger Messebau kostet nicht zwingend mehr. Modulare Systeme amortisieren sich ab der 2.–3. Nutzung deutlich günstiger als Neuanfertigung. LED spart langfristig Energiekosten.

Vergleich & Abgrenzung

Nachhaltiger Stand vs. Greenwashing: Nachhaltigkeit muss substanziell und kommunizierbar sein – nicht bloß ein grüner Aufkleber auf konventionellem Aufbau. Verbraucher und B2B-Partner erkennen Greenwashing zunehmend; Glaubwürdigkeit erfordert Messbarkeit und Transparenz.

Modulsystem vs. Individualstand: Modulsysteme sind nachhaltiger durch Wiederverwendbarkeit; Individualstände bieten mehr Gestaltungsfreiheit. Die Frage ist nicht entweder-oder, sondern wie der Individualstand für mehrfache Nutzung konzipiert wird.

Green Event vs. klimaneutraler Event: Klimaneutralität (netto-null CO₂) ist ein spezifischeres Ziel innerhalb des Green-Event-Konzepts; Green Events können auch ohne vollständige CO₂-Neutralität erhebliche Verbesserungen erreichen.

Häufige Fragen (FAQ)

Kostet nachhaltiger Messebau mehr? Kurzfristig manchmal ja (höherwertige Materialien, Ökostrom-Aufschlag). Langfristig nein – Mietmodelle, Wiederverwendung und Energieeffizienz sparen Kosten. Rechnung immer über mehrere Messejahre aufmachen.

Welche Veranstalter bieten aktiv Nachhaltigkeitsoptionen? Messe Frankfurt (Green Globe), Koelnmesse (Greentex), Deutsche Messe Hannover (Sustainability Framework), Messe München. Alle großen deutschen Messeveranstalter haben Nachhaltigkeitsprogramme.

Kann CO₂ aus Messebeteiligungen überhaupt kompensiert werden? Ja – aber Kompensation ist die letzte Option nach Vermeidung und Reduktion. Goldstandard- oder VCS-zertifizierte Projekte (z. B. Renforestierungsprojekte) sind empfehlenswert. Günstige Kompensations-Anbieter ohne Zertifizierung sind kritisch zu sehen.

Wie berechne ich den CO₂-Fußabdruck einer Messebeteiligung? Tools: FAMAB Nachhaltigkeitsrechner, atmosfair Event-Calculator, myClimate Event-Tool. Eingaben: km-Anreise Personal, Standgröße, Energieverbrauch, Materialgewicht.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • ISO 20121:2012: Event Sustainability Management Systems. Genf: ISO.
  • FAMAB (2023): FAMAB Responsibility Index – Nachhaltigkeitsbericht. Rheda-Wiedenbrück: FAMAB.
  • Mair, Judith (2012): Conferences and Conventions: A Research Perspective. Abingdon: Routledge. (Kapitel Green Events)
  • Müller, Christian / Schade, Günter (2018): Nachhaltigkeitsmanagement im Eventbereich. Hamburg: epubli.
  • UNEP (2012): Sustainable Events Guide. Nairobi: UNEP.
  • Green Meeting Industry Council (GMIC) (2023): Sustainable Event Standards. Washington: GMIC. [gmicglobal.org]
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