Wayfinding Design ist die gestalterische Disziplin, die Menschen durch Zeichen, Farben, Materialien, Typografie und räumliche Hinweise dabei unterstützt, sich in komplexen Gebäuden, Anlagen oder städtischen Umgebungen zu orientieren und ihr Ziel zu finden.
Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Ausstellungsdesign & Museum · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Orientierungsdesign, Beschilderungssystem, Leitsystemdesign, Environmental Graphic Design (EGD)
Was ist Wayfinding Design?
Wayfinding (englisch: Wegfindung) bezeichnet die kognitive Leistung, den eigenen Standort zu bestimmen, ein Ziel zu lokalisieren und einen Weg dahin zu planen. Wayfinding Design ist die gestalterische Antwort auf diese kognitive Aufgabe: Es schafft die visuellen und räumlichen Hinweise, die diese Leistung erleichtern oder erst ermöglichen. Ob im Krankenhaus, Flughafen, Museum, Universitätsgebäude oder in der Innenstadt – Wayfinding Design ist überall dort notwendig, wo Menschen ohne Vorkenntnisse navigieren müssen.
Erklärung
Der Begriff „Wayfinding" wurde 1960 vom Stadtplaner Kevin Lynch in seinem Buch „The Image of the City" geprägt. Lynch analysierte, wie Menschen kognitive Karten ihrer Städte konstruieren, und identifizierte fünf Schlüsselelemente der Orientierung: Wege (paths), Grenzen (edges), Bezirke (districts), Knotenpunkte (nodes) und Wahrzeichen (landmarks). Diese Kategorien sind bis heute grundlegend für das Wayfinding Design.
Modernes Wayfinding Design umfasst mehrere Designebenen:
Räumliche Ebene (Primäres Wayfinding): Architektonische Elemente als natürliche Orientierungshilfen – markante Eingänge, visuelle Achsen, Licht, das auf wichtige Ziele verweist, und charakteristische Raumgestalten, die als Landmarks wirken. Gutes Gebäudedesign reduziert den Bedarf an expliziten Schildern.
Grafische Ebene (Sekundäres Wayfinding): Schilder, Piktogramme, Karten, digitale Displays, Bodenmarkierungen und Farbcodierungen ergänzen die räumliche Orientierung. Hier liegt der klassische Kern des Wayfinding Designs.
Digitale Ebene (Tertiäres Wayfinding): Smartphone-Apps mit Indoor-Navigation, digitale Wegeleitsysteme (Digital Signage), QR-Code-basierte Lagepläne und AR-Navigationsassistenten.
Wayfinding-Systeme werden nach dem Prinzip der sequenziellen Entscheidungsunterstützung aufgebaut: An jedem Punkt, an dem ein Besucher eine Richtungsentscheidung treffen muss, muss ein Orientierungshinweis verfügbar sein – nicht zu früh (unnötig viele Informationen), nicht zu spät (Besucher verlaufen sich bereits).
Hierarchie der Information: Hauptorientierungszeichen (große Übersicht beim Eingang), Leitzeichen (Hauptwege zwischen Bereichen), Identifikationszeichen (Bezeichnung des Ziels), Sicherheits- und Rettungszeichen (eigenes System nach ISO-Norm). Diese Hierarchie muss konsequent in Größe, Position und Gestaltelementik durchgehalten werden.
Führende Büros im Wayfinding Design: Pentagram (verschiedene Büros), Integral Ruedi Baur (Paris/Zürich), MetaDesign (Berlin/Zürich), Bureau Mijksenaar (Amsterdam), Calori & Vanden-Eynden (New York).
Beispiele
- Berliner U-Bahn und S-Bahn (BVG/S-Bahn Berlin) – Eines der umfangreichsten integrierten Wayfinding-Systeme Europas; Liniencodes, Farben und Karten wurden über Jahrzehnte standardisiert.
- Heathrow Airport, London (Mimram/LPA) – Mehrfach ausgezeichnetes Wayfinding-System für Millionen internationaler Passagiere täglich; konsistente Typografie, Farbzonen und mehrsprachige Beschilderung.
- MoMA, New York – Wayfinding-System von Pentagram (Michael Bierut); klare, serifenlose Typografie auf weißem Grund als konsequentes Erscheinungsbild des White-Cube-Museums.
- Changi Airport, Singapur – Als weltweit bester Flughafen ausgezeichnet; das Wayfinding-System integriert Beschilderung nahtlos mit Architektur, Bepflanzung und Licht.
- Universitätsklinikum Freiburg – Farbcodiertes Wayfinding-System in einem der komplexesten Gebäudekomplexe Deutschlands; Farbstreifen an Böden und Wänden leiten zu Abteilungen.
In der Praxis
Ein Wayfinding-Projekt beginnt mit einer Raumanalyse: Grundrisse, Nutzungsszenarien, Nutzerprofile (Erstbesucher, Stammbesucher, nicht Deutschsprachige, Sehbehinderte). Dann folgt eine Informationsarchitektur (Hierarchie aller Ziele und Routen) und die Designentwicklung (Schriften, Farben, Piktogramme, Schildformate, Materialien). Schließlich entstehen Montage- und Produktionspläne für Handwerker und Lieferanten. Software: Adobe Illustrator (Grafik), Revit/AutoCAD (Einbaupläne), Rhino (3D-Schilddesign). Normen: DIN 4844 (Sicherheitszeichen), ISO 7001 (Piktogramme), DIN 18040 (Barrierefreiheit).
Vergleich & Abgrenzung
Wayfinding Design ist breiter als Leitsystem Design (das oft nur die Schildgestaltung beschreibt) und umfasst räumliche, grafische und digitale Ebenen. Signaletik ist der französischsprachig geprägte Begriff für ähnliche Konzepte. Environmental Graphic Design (EGD) ist der nordamerikanische Oberbegriff, der neben Wayfinding auch Branding im Raum und Wandgestaltung einschließt.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist der häufigste Fehler im Wayfinding Design? Zu viele Schilder mit zu vielen Informationen gleichzeitig. Wenn ein Besucher an einem Entscheidungspunkt drei Dutzend Ziele auf einem Schild liest, ist die Wirkung null. Gutes Wayfinding zeigt am richtigen Ort genau die richtigen Informationen – nicht mehr.
Wie verändert digitale Technologie das Wayfinding? Indoor-Positioning-Systeme (Bluetooth Beacons, WLAN-Triangulation), AR-Navigation und digitale Displays ermöglichen dynamisches, personalisiertes Wayfinding. In Krankenhäusern und Großflughäfen sind solche Systeme bereits im Einsatz. Klassische Beschilderung bleibt aber unverzichtbar als Fallback für alle, die keine Smartphones nutzen oder deren Akku leer ist.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Lynch, Kevin (1960): The Image of the City. MIT Press.
- Gibson, David (2009): The Wayfinding Handbook. Princeton Architectural Press.
- Calori, Chris & Vanden-Eynden, David (2015): Signage and Wayfinding Design. John Wiley & Sons.
- Online: Society for Environmental Graphic Design – www.segd.org
