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Piktogramme sind stark vereinfachte, ikonische Zeichen, die komplexe Informationen und Handlungsanweisungen kulturübergreifend und sprachunabhängig kommunizieren.

Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Wayfinding · Niveau: Fortgeschritten


Was sind Piktogramme?

Ein Piktogramm (von lat. pictum, gemalt + griech. gramma, Geschriebenes) ist ein stilisiertes, grafisch reduziertes Bild, das eine Information direkt und intuitiv vermittelt. Im Kontext von Signaletik und Wayfinding – Grundlagen sind Piktogramme das wichtigste sprachunabhängige Orientierungsmittel. Sie sind international verständlich, funktionieren auch auf kleine Flächen gedruckt und sind im Gegensatz zu Texthinweisen für Analphabeten und Fremdsprachler zugänglich.


Erklärung

Historische Entwicklung

Die Wurzeln moderner Piktogramme liegen in der frühen Moderne. Otto Neurath entwickelte mit seinem Wiener Methode der Bildstatistik und dem ISOTYPE-System (International System of Typographic Picture Education) ab 1925 eine visuelle Bildsprache für statistisch-gesellschaftliche Kommunikation. Neuraths Prinzip – „Zeichen statt Worte" – beeinflusst die Piktogramm-Entwicklung bis heute.

Den entscheidenden Schub brachten internationale Großveranstaltungen:

  • 1964 Olympische Spiele Tokio: Masaru Katsumies Piktogramm-System war das erste vollständige olympische Zeichensystem. Es schuf die visuelle Vorlage für alle späteren Sportpiktogramme.
  • 1972 Olympische Spiele München: Otl Aicher entwickelte mit seinem Team das bis heute einflussreichste Piktogrammsystem. Die geometrisch-rasterbasierte Methodik ermöglichte ein konsistentes System aus 21 Sportpiktogrammen und über 100 Informationszeichen. Aichers Werk setzte den Standard für alle nachfolgenden Systeme.
  • 1974 AIGA/DOT-Symbols: Im Auftrag des US-amerikanischen Transportministeriums (DOT) entwickelte das American Institute of Graphic Arts (AIGA) ein Set von 50 Piktogrammen für öffentliche Verkehrsmittel und Flughäfen. Diese Symbole sind heute gemeinfrei und bilden die Basis vieler internationaler Leitsysteme.

Internationale Normen

ISO 7010 – Sicherheitszeichen

Die wichtigste internationale Piktogramm-Norm ist ISO 7010 (Graphical symbols – Safety colours and safety signs – Registered safety signs). Sie legt Sicherheitszeichen für folgende Kategorien fest:

  • E (Emergency/Erste Hilfe und Flucht): grüner Hintergrund, z.B. Notausgang, Erste-Hilfe-Kasten
  • F (Fire-fighting/Brandschutz): roter Hintergrund, z.B. Feuerlöscher, Brandmelder
  • M (Mandatory/Gebote): blauer Hintergrund, z.B. Schutzhelm tragen
  • P (Prohibition/Verbote): roter Kreis mit Schrägbalken, z.B. Rauchen verboten
  • W (Warning/Warnung): gelb-schwarzes Dreieck, z.B. Hochspannung

In Deutschland ist ISO 7010 über die ASR A1.3 (Arbeitsstättenregel) und die DIN 4844 verbindlich für Sicherheitszeichen.

ISO 22727 – Informationspiktogramme

Für allgemeine Informationspiktogramme in öffentlichen Räumen (Toiletten, Eingang, Aufzug etc.) gilt ISO 22727 (Graphical symbols – Creation and design of public information symbols). Sie definiert Gestaltungsprinzipien, aber kein verbindliches Zeichenrepertoire.

DIN 32975 – Barrierefreie Gestaltung

Für barrierefreie Anwendungen regelt DIN 32975 die kontrastreiche Gestaltung von Zeichen, was direkte Auswirkungen auf Piktogramm-Gestaltung hat (Mindestkontrast, Größe, Hintergrundfarbe).

Gestaltungsprinzipien

Gute Piktogramme folgen nach Neurath und dem modernen SEGD-Standard diesen Regeln:

  1. Reduktion: Nur das Wesentliche, keine Details
  2. Konsistenz: Einheitlicher Strich, einheitliche Perspektive (meist Frontansicht oder 3/4-Ansicht)
  3. Kontrast: Eindeutige Figur-Grund-Trennung
  4. Kompatibilität: Einfügung ins bestehende System ohne visuelle Brüche
  5. Testbarkeit: Verständnistests mit Zielgruppen vor Einsatz

Beispiele

  • Flughafen-Piktogramme: IATA und ACI haben auf Basis der AIGA-Symbole weltweit harmonisierte Piktogrammsets für Flughäfen entwickelt – erkennbar an Symbolen wie Gepäckausgabe, Zoll, Immigration.
  • Olympische Sommerspiele Paris 2024: Interbrand Paris entwickelte neue Sport-Piktogramme auf Basis des französischen Strich-Stils (Fencing-inspizierte Linienführung), was international diskutiert wurde.
  • Expo-Leitsysteme: Weltausstellungen nutzen spezifisch entwickelte Piktogrammsets, die kulturelle Diversität berücksichtigen müssen.

In der Praxis

Für Messe-Leitsysteme werden Piktogramme aus ISO- und AIGA-Bibliotheken häufig leicht angepasst, um zum Corporate Design des Auftraggebers zu passen. Dabei muss darauf geachtet werden, dass Sicherheitspiktogramme (ISO 7010) nicht verändert werden dürfen. Informationspiktogramme dürfen stilistisch angepasst werden, solange die Erkennbarkeit erhalten bleibt.

Wichtig ist die Zielgruppenprüfung: Piktogramme, die in westlichen Kulturkreisen eindeutig erscheinen, können in anderen Kulturen missverständlich sein. Internationale Events erfordern deshalb Nutzertests mit diversen Gruppen.


Vergleich & Abgrenzung

BegriffBedeutung
PiktogrammIkonisches Zeichen, Ähnlichkeit mit dem Bezeichneten
IdeogrammAbstraktes Zeichen für eine Idee (z.B. Yin/Yang)
IconDigitales Symbol, oft im UI-Kontext
SymbolKonventionelles Zeichen (z.B. Verkehrszeichen)
LogoMarkenzeichen, keine Orientierungsfunktion

Häufige Fragen (FAQ)

Darf ich ISO-7010-Piktogramme frei verwenden? ISO-Normen sind urheberrechtlich geschützt; die ISO-7010-Zeichen selbst sind jedoch als Sicherheitszeichen normiert und können in Deutschland auf Basis der ASR A1.3 ohne Lizenzgebühren eingesetzt werden. Die AIGA/DOT-Symbole sind gemeinfrei (Public Domain).

Wie groß müssen Piktogramme sein? Als Faustregel gilt 1:30 Verhältnis Zeichengröße zu Betrachtungsabstand. Ein Piktogramm, das auf 10 Meter lesbar sein soll, braucht mindestens 33 mm Zeichenfläche. DIN 32975 gibt konkretere Werte für barrierefreie Anwendungen.

Kann man eigene Piktogramme entwickeln? Ja, und es ist oft sinnvoll für besondere Inhalte (z.B. spezifische Messeservices). Die Eigenentwicklung muss jedoch Nutzertests bestehen und das bestehende Systemvokabular nicht stören.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Aicher, Otl; Krampen, Martin (1977): Zeichensysteme der visuellen Kommunikation. Alexander Koch Verlag, Stuttgart.
  • Neurath, Otto (1936): International Picture Language. Kegan Paul, London.
  • Mollerup, Per (2013): Data Design: Visualising Quantities, Locations, and Connections. Bloomsbury, London.
  • ISO (2011): ISO 7010 – Graphical Symbols: Safety Colours and Safety Signs. International Organization for Standardization, Genf.
  • AIGA (1974): Symbol Signs: The System of Passenger/Pedestrian Oriented Symbols. Hrsg. US Department of Transportation, Washington D.C.
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