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Barrierefreies Orientierungssystem bezeichnet ein Leitsystem, das unabhängig von körperlichen, sensorischen oder kognitiven Einschränkungen von allen Menschen selbstständig und gleichberechtigt nutzbar ist.

Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Wayfinding · Niveau: Fortgeschritten


Was ist ein Barrierefreies Orientierungssystem?

Rund 13 Millionen Menschen in Deutschland leben mit einer anerkannten Schwerbehinderung; zählt man Sehbeeinträchtigungen, Hörbeeinträchtigungen und motorische Einschränkungen zusammen, betrifft Barrierefreiheit im weitesten Sinne über 20 % der Bevölkerung. Hinzu kommen situative Einschränkungen (Arm in Gips, Kinderwagen, Gepäck) und altersbedingte Einschränkungen.

Barrierefreie Orientierungssysteme sind keine Spezialanfertigung für eine Minderheit – sie sind besseres Design für alle. Dieses Konzept des Universal Design (Mace, 1985) ist heute Standard in der Wayfinding-Praxis.


Erklärung

Normative Grundlagen

DIN 18040 – Barrierefreies Bauen

Die dreiteilige DIN 18040 ist die zentrale deutsche Norm für barrierefreie Gebäude:

  • DIN 18040-1 (2010): Öffentlich zugängliche Gebäude
  • DIN 18040-2 (2011): Wohnungen
  • DIN 18040-3 (2014): Öffentlicher Verkehrs- und Freiraum

Für Leitsysteme relevant ist primär Teil 1. Sie regelt u.a.:

  • Mindestbreiten von Bewegungsflächen
  • Anforderungen an Bodenleitsysteme (taktile Bodenindikatoren)
  • Kontrastvorgaben für Türen, Wände und Orientierungszeichen
  • Anforderungen an Aufzüge und Gegensprechanlagen

DIN 32975 – Visuelle Informationen im öffentlichen Raum

DIN 32975 konkretisiert Gestaltungsanforderungen speziell für visuelle Informationssysteme:

  • Mindest-Leuchtdichtekontrast: 0,4 (Michelson-Kontrast)
  • Lesbarkeit auf vorgeschriebene Distanzen
  • Beleuchtungsanforderungen für Schilder

ISO 21542 – Barrierefreies Bauen international

Die internationale Norm ISO 21542 (2021) fasst barrierefreie Baustandards weltweit zusammen und ist für internationale Projekte (Messen, Flughäfen) relevant.

BITV 2.0 / WCAG 2.1

Obwohl primär für digitale Inhalte, fließen WCAG-Prinzipien (Wahrnehmbar, Bedienbar, Verständlich, Robust) zunehmend auch in physische Leitsystemgestaltung ein.

Taktile Bodenleitsysteme

Taktile Bodenindikatoren sind strukturierte Bodenbeläge, die durch die Füße oder den Langstock von Sehbehinderten ertastet werden können:

  • Leitstreifen (Leitlinien): Gerippte oder gestreifte Elemente, die Wege anzeigen. In Deutschland genormt nach DIN 32984.
  • Aufmerksamkeitsfelder: Noppen-strukturierte Flächen, die auf Gefahren, Entscheidungspunkte oder Zielpunkte hinweisen.
  • Warnfelder: Vor Treppen, Übergängen oder Fahrzeugen.

Taktile Elemente müssen farblich kontrastieren (heller Streifen auf dunklem Boden oder umgekehrt, Kontrast min. 0,4). In Messe-Umgebungen sind aufgeklebte oder eingelegte Leitsysteme üblich; für permanente Installationen gibt es eingelassene Varianten aus Metall, Keramik oder Hartgummi.

Sehbeeinträchtigungen

Neben Sehbehinderten (Sehschärfe unter 30 %) gibt es eine große Gruppe von Menschen mit eingeschränkter Sehleistung: ältere Menschen, Menschen mit Grauem Star, Glaukompatienten. Diese Gruppe profitiert von:

  • Großer Schrift: Mindest-Versalhöhe 15 mm auf Schildern in 2–3 m Nähe (DIN 32975)
  • Hohem Kontrast: Mindestens 0,4 Michelson-Kontrast (→ Farbe als Orientierungsmittel)
  • Hintergrundbeleuchteten Schildern: Bessere Lesbarkeit in dunklen Umgebungen
  • Taktile Beschriftung: Braille oder Reliefschrift auf Informationsmodulen, vor allem an Aufzügen

Hörbeeinträchtigungen

Etwa 15 % der Deutschen leiden an Hörbeeinträchtigungen. Für Wayfinding relevante Maßnahmen:

  • Visuelle Signale statt ausschließlich akustischer (Aufzug-Ankunft, Sicherheitsalarm)
  • Induktionsschleifen an Informationspunkten (für Hörhilfen mit Telefonspule)
  • Schriftliche Informationsalternativen zu allen audio-basierten Ansagen

Kognitive Barrierefreiheit

Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen, Demenz oder Lernbehinderungen sind einfache, klare Strukturen entscheidend:

  • Einfache Sprache auf Schildern (kein Fachjargon, keine langen Sätze)
  • Bildbasierte Kommunikation: Fotos statt Piktogramme in einigen Kontexten verständlicher
  • Ruhige, reizarme Zonen: Vermeiden von visueller Überladung an Entscheidungspunkten

Beispiele

  • Berliner Hauptbahnhof: Eines der am besten barrierefreien Bahnhofsleitsysteme Deutschlands. Flächendeckende taktile Bodenleitsysteme, kontrastreiche Beschilderung, Braille-Elemente an Aufzügen.
  • Messe Frankfurt: Taktile Leitlinien in den Hauptkorridoren aller Messehallen, kontrastreiche Farbgestaltung, Induktionsschleifen an Informationspoints.
  • Hamburger Elbphilharmonie: Preisträger des Deutschen Inklusionspreises für barrierefreies Wayfinding (2020). Besonders ausgezeichnet: die Kombination von taktiler, visueller und akustischer Orientierungsinformation.

In der Praxis

Barrierefreiheit im Leitsystem-Projekt beginnt mit einer Bedarfsanalyse: Welche Nutzergruppen besuchen das Gebäude? Ein Messegelände mit internationalem Publikum hat andere Anforderungen als eine Seniorenresidenz.

Wichtig ist die Einbindung von Betroffenen: Nur durch Tests mit Menschen mit Behinderungen lassen sich Leitsysteme wirklich barrierefrei gestalten. Organisationen wie der DVBS (Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten) oder Pro Retina bieten Beratung und Testteilnehmer an.


Vergleich & Abgrenzung

AnsatzBeschreibung
BarrierefreiheitAlle normativen Mindestanforderungen erfüllt
Universal DesignOptimale Nutzbarkeit für alle von Anfang an mitgedacht
InklusionGesellschaftliches Ziel, das über technische Normen hinausgeht
Design for AllEuropäischer Begriff für Universal Design

Häufige Fragen (FAQ)

Ist Barrierefreiheit im Leitsystem gesetzlich vorgeschrieben? Für öffentlich zugängliche Gebäude schreiben die Landesbauordnungen und das BGG (Behindertengleichstellungsgesetz) Barrierefreiheit vor. Für private Veranstaltungsstätten gilt es als gute fachliche Praxis.

Was kostet ein barrierefreies Leitsystem mehr als ein nicht-barrierefreies? Bei Neuplanungen entstehen kaum Mehrkosten, wenn Barrierefreiheit von Anfang an eingeplant wird. Nachträgliche Nachrüstung kann teuer sein (taktile Bodenanpassungen, Schriftersatz).


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • DIN 18040-1 (2010): Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen – Teil 1: Öffentlich zugängliche Gebäude. Beuth Verlag, Berlin.
  • DIN 32975 (2009): Gestaltung visueller Informationen im öffentlichen Raum zur barrierefreien Nutzung. Beuth Verlag, Berlin.
  • Mace, Ronald L. et al. (1997): The Universal Design File: Designing for People of All Ages and Abilities. NC State University, Raleigh.
  • Bundesfachstelle Barrierefreiheit (2021): Leitfaden Barrierefreie Kommunikation. Berlin.
  • Neumann, Peter; Reuber, Paul (2004): Ökonomische Impulse eines barrierefreien Tourismus für alle. BMWT, Bonn.
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