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Der Neue Deutsche Film ist die kinopolitische und ästhetische Erneuerungsbewegung des bundesdeutschen Kinos zwischen 1962 und etwa 1982, ausgelöst durch das Oberhausener Manifest und getragen von Autorenfilmern wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Wim Wenders, Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Epochen & Bewegungen · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Junger Deutscher Film, New German Cinema, Autorenkino, Bundesrepublikanisches Autorenfilm

Was ist der Neue Deutsche Film?

Der Neue Deutsche Film ist die deutsche Variante der europäischen Autorenkino-Bewegungen der 1960er und 1970er Jahre. Ausgangspunkt ist das Oberhausener Manifest vom 28. Februar 1962, mit dem 26 junge Filmschaffende „Papas Kino" – das kommerzielle Heimat- und Schlagerkino der Adenauer-Ära – für tot erklärten und eine eigene, künstlerisch ambitionierte Filmsprache forderten. Aus dieser Initiative entstand bis Mitte der 1970er Jahre ein international anerkanntes Kino.

Erklärung

Das Oberhausener Manifest war zunächst nur ein Aufruf, doch es führte zur Gründung des Kuratoriums junger deutscher Film (1965) und 1974 zum Film-Fernseh-Abkommen zwischen ARD/ZDF und der Filmwirtschaft – beides Strukturen, die unabhängige Filmproduktion abseits des kommerziellen Verleihsystems überhaupt erst ermöglichten. Diese Förderlogik prägt das deutsche Kino bis heute.

Stilistisch ist der Neue Deutsche Film keine einheitliche Schule, sondern ein Bündel von Autorenhandschriften. Drei Achsen lassen sich unterscheiden: Erstens politisches Kino, das die NS-Vergangenheit, RAF und gesellschaftliche Unterdrückung verhandelt – paradigmatisch Schlöndorffs/von Trottas Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975) oder Fassbinders Die Ehe der Maria Braun (1979). Zweitens existenzielles und „visionäres" Kino bei Werner Herzog (Aguirre, 1972; Fitzcarraldo, 1982), das archaische Stoffe in extremen Landschaften erzählt. Drittens melancholisches Roadmovie und Identitätssuche bei Wim Wenders (Im Lauf der Zeit, 1976; Paris, Texas, 1984).

Der Neue Deutsche Film ist außerdem die Bewegung, die das deutsche Filmkollektiv international wieder anschlussfähig machte: Goldene Palmen in Cannes (Paris, Texas), Oscars (Die Blechtrommel für Schlöndorff, 1980), Goldener Bär (Veronika Voss, Fassbinder, 1982). Mit dem Tod Fassbinders 1982, dem Rückzug von Herzog und Wenders ins Ausland und dem Aufkommen einer neuen, kommerzielleren Generation Mitte der 1980er endet die Hochphase. Die geförderte Filmstruktur, das Selbstverständnis als Autor:in und das Bewusstsein, dass deutscher Film international relevant sein kann – all das ist Erbe dieser Epoche.

Beispiele

  • Die verlorene Ehre der Katharina Blum (Schlöndorff/von Trotta, 1975): Medienkritik im Kontext des RAF-Herbsts, basierend auf Heinrich Böll.
  • Aguirre, der Zorn Gottes (Herzog, 1972): Klaus Kinski als wahnsinniger Konquistador, Drehs im Amazonas, Kult-Filmmusik von Popol Vuh.
  • Die Ehe der Maria Braun (Fassbinder, 1979): Nachkriegsbiographie als Allegorie auf die BRD, ikonische Eröffnungsszene mit Bombenangriff.
  • Im Lauf der Zeit (Wenders, 1976): Schwarzweiß-Roadmovie entlang der innerdeutschen Grenze, einer der definierenden Wenders-Filme.
  • Die Blechtrommel (Schlöndorff, 1979): Erste deutsche Goldene Palme + Auslandsoscar nach 1945; nach Grass.
  • Deutschland bleiche Mutter (Sanders-Brahms, 1980): Frauenperspektive auf NS- und Nachkriegszeit; Beispiel für die feministische Linie.

In der Praxis

Drei Punkte sind für heutige Filmschaffende relevant. Förderlogik: Das deutsche System aus FFA, FFG, Länderfördern, BKM und Sender-Koproduktionen ist die direkte institutionelle Folge des Oberhausener Manifests – wer heute einen Debütfilm in Deutschland realisiert, bewegt sich in dieser Architektur. Autorenhaltung: Der Begriff „Autorenfilmer:in" als Regie + Buch + ggf. Schnitt + Produktion in einer Hand ist hierzulande durch diese Generation kanonisiert. Ästhetik: Lange Einstellungen, unspektakuläre Schauspielführung, regionale Stoffe, das Vertrauen auf Bild statt Schnitt – diese Tugenden sieht man bei der heutigen „Berliner Schule" (Petzold, Schanelec, Ade) ebenso wie bei jüngeren Stimmen.

Vergleich & Abgrenzung

MerkmalNeuer Deutscher FilmNouvelle Vague
Zeitraumca. 1962–1982ca. 1958–1968
AuslöserOberhausener ManifestCahiers du Cinéma, Politique des Auteurs
FinanzierungStaatliche Förderung + SenderPrivat + Subventionen
StiltypPolitisch + existenziell + biografischSpielerisch, jung, formfreudig
VorbildItalienischer NeorealismusHollywood-B-Movies + Bazin-Theorie

Nicht zu verwechseln mit der Berliner Schule ab Ende der 1990er, die zwar in Bezug auf Autorenhaltung Erbin ist, sich aber stilistisch eigen verortet (Reduktion, Beobachtung, weniger politischer Furor).

Häufige Fragen (FAQ)

Was war das Oberhausener Manifest? Eine kurze Erklärung von 26 jungen Filmschaffenden bei den Westdeutschen Kurzfilmtagen Oberhausen 1962, die ein neues, unabhängig produziertes, künstlerisch ernsthaftes Kino forderten – berühmt der Satz: „Papas Kino ist tot."

Wer gehört zu den wichtigsten Regisseur:innen? Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta, Alexander Kluge, Edgar Reitz, Hark Bohm, Helma Sanders-Brahms und Helke Sander.

Wirkt der Neue Deutsche Film bis heute? Ja, sowohl institutionell (Filmförderung, Sender-Koproduktionen) als auch ästhetisch (Berliner Schule, junge Autor:innen wie Maren Ade, Christian Petzold, Maria Schrader).

Weiterführend

  • Elsaesser, Thomas (1989/2013): New German Cinema – A History. BFI/Macmillan.
  • Brauerhoch, Annette (2017): Kino der Subjektivität – Der Neue Deutsche Film. Schüren Verlag.
  • Knight, Julia (2004): New German Cinema – Images of a Generation. Wallflower Press.
  • Deutsches Filminstitut & Filmmuseum: Dossier Oberhausener Manifest.
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