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Alan Fletcher (1931–2006) ist einer der bedeutendsten britischen Grafikdesigner des 20. Jahrhunderts, Mitgründer von Pentagram und Verfasser von The Art of Looking Sideways, dem umfassendsten Kompendium kreativen Denkens im Design.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Grafikdesigner & Studios · Niveau: Einsteiger

Wer ist Alan Fletcher?

Alan Fletcher gilt als der wichtigste britische Grafikdesigner der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst Corporate Identities, Plakate, Buchgestaltung und ein einzigartiges Œuvre als Designtheoretiker. Fletcher war Mitgründer zweier prägender Designstudios – Fletcher/Forbes/Gill und später Pentagram – und hat durch sein Lehren, Schreiben und Gestalten eine ganze Generation britischer und internationaler Designer geprägt. Er verstand Design nicht als handwerkliche Disziplin, sondern als intellektuelle Praxis: das Sehen als Erkenntnismethode.

Leben und Werk

Alan Fletcher wurde am 27. September 1931 in Nairobi, Kenia (damals britisches Protektorat), geboren und wuchs in England auf. Er studierte Kunst und Design an der Hammersmith School of Art und anschließend am Royal College of Art in London. Einen entscheidenden Formungsschritt unternahm er in den USA: Fletcher studierte an der Slade School of Fine Art New York und dann an der Yale School of Art, wo er von Alexey Brodovitch und Paul Rand beeinflusst wurde.

Zurück in London arbeitete Fletcher zunächst für Agenturen, bevor er 1962 mit Colin Forbes und Bob Gill das Studio Fletcher/Forbes/Gill gründete. Dieses Studio war das erste britische Grafikdesignbüro, das internationales Renommee erlangte. 1965 wurde Gill durch Theo Crosby ersetzt, das Studio zu Crosby/Fletcher/Forbes. 1972 schließlich gründeten Fletcher, Forbes, Crosby sowie Kenneth Grange und Mervyn Kurlansky das Partnerschaftsstudio Pentagram – eines der einflussreichsten Designstudios der Geschichte.

Bei Pentagram war Fletcher als Partner tätig und verantwortete einige der wichtigsten britischen Corporate-Identity-Projekte der 1970er und 1980er Jahre. 1992 verließ er Pentagram, um als freier Designer und Autor zu arbeiten. Diese Phase seines Lebens war von schriftstellerischer und visuell-experimenteller Arbeit geprägt.

Fletchers wichtigstes Werk ist das 2001 erschienene Buch The Art of Looking Sideways – ein über 1000 Seiten starkes Kompendium, das Beobachtungen, Anekdoten, Designbeispiele, Zitate, Witze, visuelle Experimente und Reflexionen über das kreative Sehen versammelt. Das Buch ist kein linearer Text, sondern ein Kaleidoskop: eine Enzyklopädie des kreativen Denkens ohne strenge Ordnung. Es wurde zu einem der meistgekauften und zitierten Designbücher überhaupt.

Fletcher arbeitete außerdem als Designberater für Reaktor (Medienunternehmen), Reuters (Agentur-Identität) und schuf zahlreiche Buchcover für Phaidon Press. Er engagierte sich in der Designpolitik und war ein engagierter Fürsprecher für die gesellschaftliche Relevanz von Design. Er starb am 21. September 2006 in London, kurz vor seinem 75. Geburtstag.

Wichtige Werke

  • Pirelli-Werbung (1960er, mit Fletcher/Forbes/Gill) – innovative britische Werbekampagnen für den italienischen Reifenhersteller, prägend für die britische Designgeschichte
  • Reuters Corporate Identity (1965) – neue visuelle Identität für die internationale Nachrichtenagentur
  • Faber & Faber Buchgestaltung (1970er–1980er) – prägte die visuelle Sprache des renommierten britischen Literaturverlags
  • Victoria & Albert Museum Corporate Identity (1989) – neue Identität für das Londoner Kunstgewerbemuseum
  • The Art of Looking Sideways (2001) – monumentales Buch über kreatives Sehen und Designdenken, Kultbuch der internationalen Designgemeinschaft

Einfluss und Bedeutung

Alan Fletchers Einfluss auf das britische und internationale Grafikdesign lässt sich auf drei Ebenen beschreiben. Erstens als Mitgründer von Pentagram: Das Partnerschaftsmodell, das Fletcher mitentwickelt hat, hat die Organisationsform kreativer Studios grundlegend verändert und Nachahmer auf der ganzen Welt gefunden.

Zweitens als Gestalter: Fletchers Arbeit zeichnet sich durch Witz, konzeptuellen Einfallsreichtum und eine unnachahmliche Fähigkeit aus, komplexe Ideen in einfache, verblüffende Bilder zu übersetzen. Sein Designansatz ist spielerisch ohne seicht zu sein, konzeptuell ohne intellektuell kalt zu wirken. Dieser Ansatz, der Humor und Präzision verbindet, hat die britische Designtradition nachhaltig geprägt und unterscheidet sie von anderen nationalen Schulen.

Drittens als Autor und Denker: The Art of Looking Sideways ist nicht nur ein Designbuch, sondern ein Kompendium kreativen Denkens, das über die Disziplin hinaus wirkt. Es hat Architektinnen, Schriftstellerinnen und Wissenschaftlern gleichermaßen Anregungen gegeben und gezeigt, dass Designer nicht nur Problemlöser, sondern auch Denker und Beobachter sind.

Vergleich & Abgrenzung

Alan Fletcher steht in der Tradition des konzeptuellen Designs, die auf beiden Seiten des Atlantiks Vertreter hatte: Paul Rand in den USA teilte mit Fletcher die Überzeugung, dass gutes Design aus einer klaren Idee entstehen muss. Beide haben ihre Designphilosophie in Buchform reflektiert und damit zur Designtheorie beigetragen.

Innerhalb von Pentagram war Fletcher der Repräsentant eines spielerisch-britischen Designhumors, der sich von den strenger-formalen Ansätzen anderer Partner unterschied. Sein Gespür für das Absurde und Überraschende ist spezifisch britisch – verankert in einer langen Tradition von Grafikdesign als Witz und Kommentar.

Häufige Fragen (FAQ)

*Was ist The Art of Looking Sideways?* Es ist Alan Fletchers Hauptwerk als Autor, erschienen 2001 bei Phaidon Press. Das über 1000 Seiten starke Buch ist ein bewusst nicht-lineares Kompendium: Es versammelt Designbeispiele, Zitate, Anekdoten, visuelle Experimente und Reflexionen über Wahrnehmung, Kreativität und die Praxis des Sehens. Es gibt kein Inhaltsverzeichnis im klassischen Sinne – das Buch ist zum Blättern und Stöbern konzipiert, nicht zum linearen Lesen.

Welche Rolle spielte Fletcher bei der Gründung von Pentagram? Fletcher war einer von fünf Gründungspartnern von Pentagram (1972). Die Idee des Partnerschaftsmodells – mehrere Kreative teilen Infrastruktur und Marke, behalten aber volle Autonomie über ihre Projekte – entstand aus Erfahrungen, die Fletcher in seinem früheren Studio Fletcher/Forbes/Gill gesammelt hatte. Er blieb Partner bei Pentagram bis 1992 und prägte die Identität und Philosophie des Studios in seinen formativen Jahren entscheidend.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Alan Fletcher: The Art of Looking Sideways, Phaidon Press, 2001
  • Alan Fletcher: Beware Wet Paint, Phaidon Press, 1996
  • Jeremy Myerson / Graham Vickers: Rewind: Forty Years of Design & Advertising, Phaidon Press, 2002
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