Donna Haraway ist eine amerikanische Wissenschaftshistorikerin, feministische Theoretikerin und Kulturkritikerin (geb. 1944), deren Manifesto for Cyborgs (1985) eine einflussreiche Intervention in feministische Politik, Technologiekritik und die Frage nach der Auflösung von Grenzen zwischen Mensch, Tier und Maschine im Medienzeitalter darstellte.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Medientheoretiker · Niveau: Fortgeschritten Geboren: 6. September 1944, Denver, Colorado · Nationalität: Amerikanisch · Hauptwerk: A Cyborg Manifesto (1985/1991); Situated Knowledges (1988)
Wer ist Donna Haraway?
Donna Haraway wurde 1944 in Denver, Colorado, geboren. Sie studierte Zoologie, Philosophie und Literatur am Colorado College (BA) und promovierte 1972 in Biologie an der Yale University. Seit 1980 lehrt sie an der University of California, Santa Cruz, im History of Consciousness Program – einem einzigartigen interdisziplinären Graduiertenprogramm.
Haraway ist eine zentrale Figur in den Science and Technology Studies (STS), dem Feminismus der dritten Welle und dem posthumanistischen Denken. Ihr Werk verbindet biologische Wissenschaft, feministische Theorie, Kulturkritik und politische Philosophie in einer unverwechselbaren, literarisch dichten Schreibweise. Sie ist bekannt für ihre Fähigkeit, scheinbar ferne Diskurse – molekularbiologische Forschung, Science-Fiction, feministische Politik, Informatik – produktiv zu verbinden.
Kernthesen & Hauptwerke
A Cyborg Manifesto (1985/1991) Haraways bekanntester Text erschien zunächst 1985 in der Zeitschrift Socialist Review und wurde 1991 in Simians, Cyborgs, and Women neu veröffentlicht. Es ist ein politisches wie theoretisches Manifest.
Die Kernthese: Der Cyborg – die Verschmelzung von Mensch und Maschine – ist eine ironische politische Mythologie für das späte 20. Jahrhundert. Die Grenzen, die westliches Denken als natürlich behandelt (Mensch/Tier, Organismus/Maschine, Physisch/Nicht-Physisch), sind instabil und politisch konstruiert. Den Cyborg zu umarmen bedeutet, diese falschen Grenzen zu überwinden.
Haraway schrieb das Manifest explizit gegen drei Dualismen:
- Mensch/Tier: Die biologische Evolutionstheorie zeigt, dass diese Grenze fließend ist; Primatologie (Haraways Spezialgebiet) zeigt die soziale Konstruiertheit von Tierbeobachtung.
- Organismus/Maschine: Moderne Technologie (Biotechnologie, Computertechnologie) macht diese Grenze poröser denn je.
- Physisch/Nicht-Physisch: Licht, elektromagnetische Wellen, digitale Signale sind real, aber nicht greifbar.
Politisch ist das Manifest ein Plädoyer für eine feministische Subjektivität jenseits der Identitätspolitik, die an stabilen Kategorien (Frau, Mensch, Natur) klebt. Der Cyborg hat keine Schöpfungsgeschichte, keine Unschuld, keine Nostalgie nach dem Vormodernen – und das ist seine Stärke.
Situated Knowledges (1988) In diesem einflussreichen Essay kritisierte Haraway den wissenschaftlichen Objektivitätsbegriff, der vorgibt, von keinem Standpunkt aus zu sprechen (der „Blick von Nirgendwo"). Stattdessen forderte sie situiertes Wissen: Wissen ist immer partiell, körperlich verortet, von einem konkreten Standpunkt aus produziert. Das ist keine Relativismus-Aussage, sondern eine epistemische: Nur partielles, verortetes Wissen kann Rechenschaft über sich ablegen.
Für die Medienwissenschaft: Auch Medienbilder, Nachrichten und Datensätze produzieren scheinbar objektive „Ansichten von Nirgendwo" – die aber immer von jemandem aus einer bestimmten Perspektive hergestellt wurden.
Staying with the Trouble (2016) Haraways neuestes wichtiges Werk wendet sich Fragen des Anthropozäns, des Multispecies-Denkens und der Zukunft menschlichen Lebens auf einem beschädigten Planeten zu. Sie formuliert das Konzept der Chthulucene als Alternative zu Anthropozän und Kapitalozän – ein Zeitalter der Verflechtungen und Wiederherstellungen.
Hauptwerke im Überblick
| Jahr | Werk | Kerngedanke |
|---|---|---|
| 1985 | A Cyborg Manifesto | Cyborg als feministische Figur |
| 1988 | Situated Knowledges | Epistemologie des verorteten Wissens |
| 1989 | Primate Visions | Primatologie als Kulturkonstruktion |
| 1991 | Simians, Cyborgs, and Women | Gesammelte feministische Technologiekritik |
| 1997 | Modest_Witness | Feministische Wissenschaftskritik |
| 2016 | Staying with the Trouble | Anthropozän und Multispecies-Denken |
Bedeutung für die Medienpraxis
Mensch-Maschine-Interaktion: Haraways Cyborg-Figur ist die theoretische Vorarbeit für alle Diskussionen über Mensch-Computer-Symbiosè, Human Augmentation und KI-Integration. Wer über Smartphones als Erweiterung des Körpers nachdenkt, denkt Haraway'sch.
Technologie und Gender: Ihr Werk ist die wichtigste theoretische Grundlage für feministische Technologieanalyse: Warum dominieren Männer die Technologiebranche? Welche Gender-Bias stecken in Algorithmen? Wie wurden weibliche Körper historisch als Natur (zu kontrollieren) und männliche Technik (kontrollierend) codiert?
Datenpolitik und kritische KI-Forschung: Situated Knowledges ist ein Schlüsseltext für kritische KI-Forschung: Algorithmen und Datensätze sind keine neutralen Spiegel der Welt, sondern stets von bestimmten Standpunkten aus produziert. „Objektive" KI-Systeme spiegeln die Vorurteile ihrer Schöpfer und Trainigsdaten.
Kreative Technologienutzung: Haraways Embrace des Cyborg als befreiende Figur – jenseits von Technikangst und Technikeuphorie – inspiriert kreative Ansätze für Human-Computer-Interaction und Designprozesse, die menschliche und maschinelle Fähigkeiten produktiv verbinden.
Vergleich & Kritik
Haraway und Donna Haraway ist im Kontext des vorliegenden Wikis als Einzelpersönlichkeit relevant; ihre Theorie steht in Dialog mit Lev Manovich (Software-Ästhetik und neue Medienlogiken) und Paul Virilio (Militarisierung der Wahrnehmungstechnologie), aber aus feministisch-kritischer Perspektive.
Gegenüber Neil Postman ist Haraway fundamental anders positioniert: Postman trauert dem vordigitalen Diskurs nach; Haraway begrüßt die Auflösung stabiler Kategorien als politische Möglichkeit. Postman will Grenzen bewahren; Haraway will sie überwinden.
Kritikpunkte:
- Schwer zugängliche Sprache: Haraways Texte sind notorisch dicht und unzugänglich; sie schreibt für ein akademisches Fachpublikum und erreicht breite Öffentlichkeit nur vermittelt.
- Politischer Voluntarismus: Das Cyborg-Manifest wird bisweilen als zu optimistisch kritisiert – als ob die Umdeutung von Technologie als Befreiungsmittel die realen Machtstrukturen technologischer Produktion verändern könnte.
- Akademischer Kontext: Ihre Überlegungen wurden im Kontext sozialistisch-feministischer Politik entwickelt; ihre Übertragbarkeit auf konkrete Medienpolitik ist nicht immer offensichtlich.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist ein Cyborg bei Haraway? Nicht nur eine Science-Fiction-Figur, sondern eine theoretisch-politische Metapher: ein Wesen, das die Grenzen zwischen Mensch/Tier/Maschine, Natur/Kultur, Körper/Technologie überschreitet. Der Cyborg ist für Haraway eine ironische Figur, die falsche Dualismen des westlichen Denkens dekonstruiert.
Was meint Haraway mit „situiertem Wissen"? Die These, dass alles Wissen aus einer konkreten körperlichen, sozialen und historischen Situation heraus produziert wird. Es gibt kein Wissen von „nirgendwo"; wer Objektivität beansprucht, verleugnet seinen Standpunkt. Situiertes Wissen ist epistemisch ehrlicher und politisch verantwortungsvoller.
Was hat das Cyborg-Manifest mit Medien zu tun? Direkt: Medientechnologien – Bildschirme, Smartphones, Kameras, Implantate – sind Cyborg-Technologien, die den menschlichen Körper erweitern und die Grenzen zwischen Organismus und Apparat verwischen. Haraways Fragen nach Macht, Körper und Technologie sind zentrale Fragen der Medienwissenschaft.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Haraway, Donna: A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In: dies.: Simians, Cyborgs, and Women: The Reinvention of Nature. Routledge, New York 1991, S. 149–181.
- Haraway, Donna: Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective. In: Feminist Studies 14 (3), 1988, S. 575–599.
- Haraway, Donna: Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Duke University Press, Durham 2016.
- Haraway, Donna: Modest_Witness@Second_Millennium.FemaleMan©_Meets_OncoMouse™. Routledge, New York 1997.
- Kunzru, Hari: You Are Cyborg (Interview mit Donna Haraway). In: Wired 5 (2), 1997.
