Susan Sontag war eine amerikanische Schriftstellerin, Essayistin und Kulturkritikerin (1933–2004), die mit Über Fotografie (1977) und Das Leiden anderer betrachten (2003) die ethischen und politischen Dimensionen der fotografischen Bildproduktion und -rezeption grundlegend analysierte.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Medientheoretiker · Niveau: Fortgeschritten Geboren: 16. Januar 1933, New York City · Gestorben: 28. Dezember 2004, New York City · Nationalität: Amerikanisch · Hauptwerk: On Photography (1977); Regarding the Pain of Others (2003)
Wer war Susan Sontag?
Susan Sontag wurde 1933 in New York City geboren und wuchs in Arizona und Südkalifornien auf. Sie studierte an der University of Chicago (BA mit 18 Jahren), Harvard und Oxford. Ab den 1960er Jahren war sie eine zentrale Figur des New Yorker Intellektuellenlebens; ihre Essays erschienen in der New York Review of Books, Partisan Review und später in diversen internationalen Publikationen.
Sontag war zugleich Romancière, Essayistin, Filmemacherin und Theaterdirektorin. Sie engagierte sich politisch – von der Vietnamprotestbewegung über Reisen nach Sarajevo während der Belagerung (1993–1995) bis zu ihrer streitbaren Reaktion auf den 11. September 2001. Ihre intellektuelle Haltung war die einer Außenseiterin, die Mainstream-Konsens herausforderte, auch wenn das Feindschaften kostete.
Ihr Verhältnis zur Fotografie war lebenslang ambivalent: Sie erkannte das Medium als einzigartiges Instrument der Welterkenntnis und als ethische Falle zugleich.
Kernthesen & Hauptwerke
Über Fotografie (1977) Sontags Debüt in der Medientheorie ist eine Sammlung von sechs Essays, die ursprünglich in der New York Review of Books erschienen. Ihre Kernthesen:
Fotografie als Aneignung: Fotografieren ist immer auch Besitzergreifen – von Dingen, Menschen, Momenten. Die Kamera verleiht eine Art Macht über das Fotografierte: Es wird stillgestellt, eingeordnet, verwaltet.
Fotografie und Wirklichkeitsverlust: Sontag argumentiert – wie später Walter Benjamin und Vilém Flusser – dass die Verbreitung von Fotografien die Welt in eine Sammlung von Bildern verwandelt. Wir reisen nicht mehr, um Orte zu erleben, sondern um sie zu fotografieren. Das Bild verdrängt das Erlebnis.
Fotografische Aufzeichnung als Dokumentation: Gleichzeitig ist die Kamera das demokratischste und direkteste Instrument der historischen Dokumentation. Fotografie schafft Beweise – aber Beweise, die der Interpretation bedürfen.
Ästhetisierung und Anästhetisierung: Sontag warnt vor der paradoxen Wirkung von Schockbildern: Bilder vom Leiden können sowohl empören als auch abstumpfen. Wer täglich Kriegsbilder sieht, gewöhnt sich möglicherweise daran – nicht weil er böse ist, sondern weil Aufmerksamkeit erschöpflich ist.
Das Leiden anderer betrachten (2003) In diesem späten, reflexiven Essay revidierte Sontag Teile ihrer früheren Argumentation. Sie widersprach der These, dass Kriegsfotografien automatisch abstumpfen und Mitgefühl zerstören. Das hänge vom Kontext ab: wie Bilder eingebettet, erklärt und eingesetzt werden.
Ihre neue Kernthese: Bilder vom Leiden zeigen immer die Distanz zwischen dem Betrachter (der schaut) und dem Leidenden (der leidet). Diese Distanz ist nicht neutral – sie ist politisch und moralisch geladen. Die Frage ist nicht, ob wir schauen sollen, sondern was wir aus dem Schauen machen.
Sontag kritisierte auch die kriegsästhetisierenden Fotografien: Wenn Kriegsfotografie die Faszination am Schrecken bedient, dient sie keiner Aufklärung, sondern Voyeurismus.
Krankheit als Metapher (1978) und AIDS und seine Metaphern (1989) In diesen kulturkritischen Essays analysierte Sontag, wie Krankheiten (Tuberkulose, Krebs, AIDS) in der kulturellen Bildsprache und Medienberichterstattung mit Bedeutungen beladen werden, die Stigmatisierung produzieren. Medien konstruieren Krankheit nicht nur als medizinisches Faktum, sondern als kulturelles Narrativ.
Hauptwerke im Überblick
| Jahr | Werk | Kerngedanke |
|---|---|---|
| 1966 | Against Interpretation | Ästhetik statt Interpretation |
| 1977 | On Photography | Fotografie als Aneignung und Wirklichkeitsverlust |
| 1978 | Illness as Metaphor | Krankheit als kulturelle Konstruktion |
| 1989 | AIDS and Its Metaphors | Stigma und mediale Darstellung |
| 2003 | Regarding the Pain of Others | Kriegsfotografie und Mitgefühl |
Bedeutung für die Medienpraxis
Fotojournalismus und Bildethik: Sontags Werke sind Pflichtlektüre für jeden Fotojournalisten und Bildredakteur. Die Frage, ob und wie Bilder von Leid veröffentlicht werden sollen, ist eine genuin Sontag'sche Frage: Aufklärung oder Voyeurismus? Empathie oder Abstumpfung?
Krisenkommunikation und Bildauswahl: PR-Verantwortliche in Krisen (Naturkatastrophen, Unternehmenskatastrophen) stehen vor denselben Abwägungen: Welche Bilder zeigen, ohne zu schaden oder zu instrumentalisieren?
Social-Media-Kommunikation: Sontags Analyse der Fotografierkultur als Aneignung und Substitution von Erfahrung erklärt die Selfie-Kultur und Instagramisierung von Reisen und Ereignissen – Phänomene, die sie nicht kannte, aber theoretisch vorwegnahm.
Stigma und Medienrepräsentation: Ihre Analyse von Krankheitsmetaphern ist auf andere marginalisierte Gruppen übertragbar: Wie werden in Medienberichterstattung Armut, Drogensucht, psychische Erkrankung durch Metaphern konstruiert, die Stigmatisierung reproduzieren?
Vergleich & Kritik
Roland Barthes teilte Sontags Interesse an der Phänomenologie der Fotografie; sein Begriff des punctum in Die helle Kammer (1980) – des persönlichen, verletzenden Details – steht neben Sontags politisch-ethischer Analyse der Kriegsfotografie. Beide schrieben ihr grundlegendstes Fotowerk im selben Jahr (Barthes 1980, Sontag 1977); beide nähern sich dem Foto als persönliche wie theoretische Erfahrung.
Vilém Flusser analysierte Fotografie ontologisch (Was ist ein technisches Bild?); Sontag analysierte sie ethisch (Was macht das mit uns und dem Fotografierten?). Beide Perspektiven ergänzen sich.
Kritikpunkte:
- Paternalismus: Sontags frühe These, dass Bilder vom Leiden abstumpfen, wurde als paternalistisch kritisiert: Sie unterstellt dem Publikum eine bestimmte Reaktion, ohne diese empirisch zu belegen.
- Selbstwiderspruch: Die Revisionen in Regarding the Pain of Others wurden teils als Rücknahme zentraler Positionen aus On Photography gelesen – was ihre intellektuelle Konsequenz infrage stellt.
- Literarischer Anspruch vs. theoretische Präzision: Sontag schreibt brillant, aber ihre Argumente sind selten systematisch entwickelt; sie sind Essayistik, keine Wissenschaft.
Häufige Fragen (FAQ)
Was meinte Sontag mit Fotografie als Aneignung? Fotografieren bedeutet, sich ein Stück der Welt anzueignen – eine Person oder einen Ort in ein Bild zu verwandeln, das man besitzt, verwaltet und reproduziert. Diese Aneignung ist eine Form von Macht, die ethische Fragen aufwirft: Wer darf wen fotografieren? Welche Rechte hat das Fotografierte?
Hat Sontag später ihre These über Schockbilder revidiert? Ja, in Das Leiden anderer betrachten (2003). Sie widerrief die These, dass Schockbilder automatisch abstumpfen, und betonte stattdessen die Bedeutung des Kontexts: Wie Bilder eingebettet und erklärt werden, bestimmt ihre Wirkung.
Wie relevant ist Sontag für Smartphone-Fotografie und Social Media? Sehr. Ihre Beschreibung der Fotografierkultur als Substitution von Erfahrung durch Bild beschreibt Instagram-Reisefotografie präziser als viele neuere Analysen. Die ethischen Fragen – wen fotografiert man, mit welchem Recht, für welchen Zweck – sind durch die Allgegenwart von Smartphones dringlicher geworden, nicht weniger.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Sontag, Susan: Über Fotografie. Fischer, Frankfurt am Main 1980 [engl. 1977].
- Sontag, Susan: Das Leiden anderer betrachten. Fischer, Frankfurt am Main 2003 [engl. 2003].
- Sontag, Susan: Krankheit als Metapher. Fischer, Frankfurt am Main 1981 [engl. 1978].
- Sontag, Susan: Against Interpretation and Other Essays. Farrar, Straus and Giroux, New York 1966.
- Kennedy, Liam: Susan Sontag: Mind as Passion. Manchester University Press, Manchester 1995.
- Rollyson, Carl / Paddock, Lisa: Susan Sontag: The Making of an Icon. Norton, New York 2000.
